Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 46-49

Mann mit vielen Traumjobs

Von Sandra Danicke

Einst wollte er Jazz-Schlagzeuger werden, doch es kam anders. Die Vorliebe für eine offene, spontane Kunst ist dem Schweden Daniel Birnbaum geblieben: Der Rektor der Frankfurter Städelschule will mit der Biennale-Schau "Weltenmachen" Venedig verzaubern

Hinterher ließ sich mit Fug und Recht behaupten, dass es Udo Kittelmanns Knödel waren, die Daniel Birnbaum besonders souverän erscheinen ließen.

Ein wenig zu lässig und hemdsärmelig hatte der jetzige Direktor der Berliner Nationalgalerie, der damals noch designierter Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst war, in seinem Kartoffelteig herumgematscht, sich nebenbei verquatscht und nicht aufgepasst. Nachher blieb das Aroma auf der Strecke, die Knödel schmeckten fad. Birnbaum hatte derweil detailverliebt seine Fische präpariert, gut gelaunt nachgewürzt, umgerührt, weniger auf den Unterhaltungsaspekt, als vielmehr darauf konzentriert, sämtlichen Ingredienzien die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Das Ergebnis war eine runde Sache: bodenständig und dabei trotz dem raffiniert.

Es war im Frühjahr 2001, Birnbaum seit kurzer Zeit Rektor der Städelschule und Leiter des Portikus in Frankfurt am Main, als Rirkrit Tiravanija die beiden Ausstellungsmacher ebendort zum öffentlichen Duell forderte:

Birnbaums Fischsuppe gegen das Knödelrezept von Kittelmanns Mutter.

Es war eine Kunstausstellung ganz nach Daniel Birnbaums Geschmack, denn unter Tiravanijas Regie wurde nicht nur gekocht, es gab alle möglichen Angebote und Aktio nen im Portikus, der Ort war lebendig wie nie und jeden Abend voll.

"Rirkrit Tiravanija gehört zu meinen ersten Freunden im Kunstbetrieb.

Er ist einer der Künstler, ohne die ich heute nicht der wäre, der ich bin", erklärt der 45-Jährige, der zwischen Dubai und Venedig einen kurzen Stopp in der Städelschule eingelegt hat. Eine Tasse schwarzen Mensa-Kaffee noch, dann ist er bereit, das Konzept für seine große Biennale-Ausstellung zu erläutern.

Deren Künstlerliste dürfte zumindest jene, die Birnbaums Arbeit seit Jahren verfolgen, kaum überraschen.

Viele der Teilnehmer haben bereits im Portikus oder auf einer der anderen Schauen ausgestellt, die Birnbaum in seiner Laufbahn kuratiert hat, wenngleich die wenigsten davon über Fachkreise hinaus sonderlich berühmt sind. Ein Lichtprojektionskünstler wie Paul Chan gehört dazu, ein verschrobener Konzeptkünstler wie Simon Starling, Tomás Saraceno, der schon mal mit Pflanzen bevölkerte Heliumballons als Modell für Wohnräume der Zukunft anpreist, Dominique Gonzalez-Foerster mit ihren über- oder unterdimensionierten Skulptur-Arrange ments oder die Koreanerin Haegue Yang, deren hochgradig poetische und doch kaum zu entschlüsselnde Rauminstallationen den Betrachter ins Grübeln bringen.

Künstler also, die sich mit Utopien, Verweisen und komplexen Zusammenhängen beschäftigen. Werke, mit deren Ergründung man nicht so schnell fertig wird und die dennoch nicht knöchern und didaktisch daherkommen, sondern bunt, fantasie- und gehaltvoll wie ein gelungener Fischeintopf.

Birnbaum ist ein Mann, der Verlässlichkeit schätzt, sich nie kalkuliert Trends angeschlossen hat und doch als einer der einflussreichsten Kuratoren der Welt gilt. Allein 2008 hat er Kunst- Triennalen in Yokohama und Turin (mit)kuratiert, seit 2003 sitzt er im Ausschuss der Manifesta-Stiftung. Natürlich habe er ein Faible für Diskurse und Kunst mit philosophischem Anspruch, erklärt der Schwede, der größtenteils in Stockholm aufwuchs und als Teenager drei Jahre mit seiner Familie in Wien lebte. Schließlich hat er in erster Linie Philosophie, Religionswissenschaften und Literatur studiert, hat Texte von Martin Heidegger, Jacques Derrida oder Thomas Bernhard ins Schwedische übersetzt, bevor er als Kunstkritiker für Tageszeitungen arbeitete.

Doch die trockene Welt eines Theoretikers liegt dem charmanten Kunstliebhaber mit der lässigen Blinky- Palermo-Frisur so fern wie das In- teresse für Moden und Hype. Nach einem Stipendium an der New Yorker Columbia University und der Promotion mit einer Arbeit über die Phänomenologie bei Edmund Husserl, entschied er sich für die Kunstwelt. "Die hatten einfach die besseren Partys", bemerkt Birnbaum mit jener Mischung aus lustigem Pragmatismus und Direktheit, die auch seine Kunstkritiken auszeichnet.

Für die Zeitschrift "Artforum" flog Birnbaum fortan durch ganz Europa.

Es folgte Ende der Neunziger die Leitung des "International Artists Studio Program in Sweden", für die er Künstler wie Carsten Höller, Olafur Eliasson oder Michael Elmgreen & Ingar Dragset nach Schweden holte, und schließlich, vor gut acht Jahren, der Traumjob in Frankfurt als Rektor einer renommierten Kunsthochschule.

"Das ist ein idealer Ort für jemanden, der sich wie ich nicht für eine einzelne Tätigkeit entscheiden kann", erklärt Birnbaum: "Ich schreibe ein bisschen, ich unterrichte, wir machen Ausstellungen.

Wo sonst könnte ich so arbeiten?" Dabei hätte auch alles ganz anders kommen können. "Mit 15 hat mir der Freund meiner Schwester zwei Miles-Davis-Platten geschenkt. Dass es so eine Welt gibt - die ganze Jazz-Welt -, das hat mich schon sehr beeindruckt." Birnbaum begann Schlagzeug zu spielen, schrieb sich sogar an der Wiener Universität für Musik für ein Percussionstudium ein - und fühlte sich letztlich eingeengt vom akademischen Korsett.

Geblieben ist eine Offenheit für kulturelle Äußerungen jeglicher Couleur und eine Vorliebe für Künstler, die sich über Genregrenzen souverän hinwegsetzen. Künstler wie Rirkrit Tiravanija.

Oder Tobias Rehberger, mittlerweile Prorektor der Kunsthoch schule, deren Professoren Birnbaum ganz bewusst so zusammengesetzt hat, dass sie untereinander die größtmöglichen Kontroversen entfachen. Für Menschen wie Rehberger und Tiravanija kann Kunst genauso gut Kochen sein, Film oder Design. Wichtig ist Austausch, Diskussion, Action und eine entschiedene Haltung. Für die Biennale in Venedig hat Daniel Birnbaum daher nicht nur Lesungen, Performances und Veranstaltungen im Theater geplant. Er hat auch Rehberger und Tiravanija mit Spezialaufträgen versorgt.

Im ehemals italienischen Pavillon in den Giardini, der künftig unter dem Namen "Palazzo delle Esposizioni" das ganze Jahr über bespielt werden soll, sollen sie eine Art Café und einen Buch laden gestalten. Dass das im engeren Sinn keine Kunst ist, ist Daniel Birnbaum egal. Ihm geht es viel mehr darum, Erlebniswelten kreieren zu lassen.

"Fare Mondi - Weltenmachen" heißt daher sein Konzept für die 53.

Biennale - übersetzt in den Sprachen sämtlicher in Venedig vertretenen Nationen.

"Das war ziemlich kompliziert", erklärt der Kurator, der immer wieder gefragt wurde, wie das Motto denn genau gemeint sei. Eher architektonisch- handwerklich? Oder religiös- schöpferisch? "Wir haben versucht, das Prozesshafte, Unmuseale zu betonen, denn wir wollten nicht das tun, was gute Museen ohnehin viel besser machen können", erläutert Birnbaum, der mit "wir" sich und seinen Co-Kurator Jochen Volz meint. Auch jemand, mit dem der Schwede bereits vor Jahren im Portikus zusammengearbeitet hat.

Anders als 2007 etwa wolle man im Arsenale keine weißen Wände einziehen.

"Wir verändern den Ort nicht, um neutraler zu werden, sondern hoffen, dass die Künstler mit der Kunst ihre eigenen Räume schaffen." Der französische, in Ungarn geborene Architekturtheoretiker und -utopist Yona Friedman beispielsweise entwirft eine niedrig hängende Decke, der Argentinier Tomás Saraceno wird eine riesige kristallin-biomorphe Skulptur aus elastischen Fäden in den Raum stellen, die Slowenin Marjetica Potrc präsentiert ihre utopischen Bauskizzen und Carsten Höller wird vornehmlich Zeichnungen zeigen, die sein Interesse für afrikanischen Modernismus widerspiegeln.

Im Pavillon in den Giardini soll der weil Malerisches kombiniert werden, was nicht bedeutet, dass hier ausschließlich Öl auf Leinwand zu bestaunen wäre. "Es geht um eine Art vi suelle Welt, die malerisch funktioniert", erläutert Birnbaum. "Etwa in den abstrakten Fotografien von Wolfgang Tillmans." Gezeigt werden auch Relikte des rumänischen Konzeptkünstlers André Cadere (1934 bis 1978), der in den siebziger Jahren mit im öffentlichen Raum platzierten runden, bunten Holzstangen die Kunstwelt irritierte, oder Ulla von Brandenburgs filmische Rauminstallationen. Als dritter Standort kommt ein bisher ungenutzter, verwilderter Garten hinzu, in dem Installationen von Nikhil Chopra und Miranda July und Aufführungen des Choreografen William Forsythe stattfinden sollen.

Pompöse Werke mit Knalleffekten wird man in Birnbaums Ausstellung nicht finden. Ein wenig ist daran auch die Finanzkrise schuld. Firmen wie Puma, die finanzielle Unterstützung zugesagt hatten, sind abgesprungen. "Wir können mit unserem knappen Budget auch nicht jede Arbeit auf unsere Kosten neu produzieren, transportieren und installieren lassen", so Birnbaum.

Die eine oder andere Arbeit dürfte demnach ein wenig bescheidener - Birnbaum nennt es "zeitgemäßer" - ausfallen, als ursprünglich geplant.

"Es wäre ja absurd, in diesen Zeiten überproduzierte Monsterarbeiten zu zeigen." Zeitgemäß erscheinen daher auch diverse Produktionen, die sich bewusst gegen ein auratisches Original richten: mechanisch reproduzierte Muster von Thomas Bayrles Tapeten etwa, Yoko Onos "Instruction Pieces" (Anleitungen, die jeder Besucher selbst befolgen kann) oder ein Postkartenprojekt der gebürtigen Polin Aleksandra Mir, die eine Million Ansichtskarten produzieren lässt, die in eigens auf der Biennale installierten Briefkästen von jedermann verschickt werden können. "Es geht um Bilder und Ideen, die unendlich frei sind", erklärt Daniel Birnbaum, und vor allem: "so weit wie mög lich entfernt vom Diamantenschädel eines Damien Hirst."

Kasten:

Welten machen in Venedig 77 Nationen beteiligen sich: 53. Kunstbiennale in Venedig Konnte die Biennale vor zwei Jahren einen neuen Teilnehmerrekord vermelden, so hat sich 2009 die Zahl nicht geändert: Wie damals bespielen 77 Nationen ihre eigenen Pavillons in den Giardini oder präsentieren sich an anderen Orten in der Lagunenstadt. Zum ers ten Mal mit dabei sind unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate, sie treten in den Artiglierie und den Arsenale auf. Auch gibt es eine Präsentation Zentralasiatischer Staaten sowie eine Schau des Italienisch- Lateinamerikanischen Instituts. Die zentrale Ausstellung unter dem Titel "Fare Mondi" ("Weltenmachen") wird vom Schweden Daniel Birnbaum kuratiert, dem Rektor der Frankfurter Städelschule und Leiter des Portikus. Auch in diesem Jahr werden Goldene Löwen für das Lebenswerk herausragender Künstler verliehen - Preisträger sind die Japanerin Yoko Ono, 76, und der Amerikaner John Baldessari, 77.

Mehr Infos zur Biennale auf den folgenden Seiten.

Venedig-Kunstbiennale 2009: wer, was, wann, wo Termine: geöffnet für das Publikum vom 7. Juni bis zum 22. November. Öffnungszeiten: Giardini: Di-So 10-18 Uhr, Arsenale: Mi-Mo 10-18 Uhr.

Ausstellungsorte: Giardini, Arsenale, Corderie, Palazzo delle Esposizioni, Artiglierie und viele kleinere Orte über ganz Venedig verteilt (siehe auch folgende Doppelseite).

Länderschau: Nur 26 nationale Pavillons befinden sich auf dem Giardini-Gelände, die weiteren Länderbeiträge sind auf andere Gebäude, überwiegend im Altstadtzentrum, verteilt.

Ausstellung: Der Schwede Daniel Birnbaum ist Kurator der Ausstellung "Fare Mondi" ("Weltenmachen") unter anderem im Palazzo delle Esposizioni, dem ehemaligen italienischen Pavillon in den Giardini (siehe nebenstehenden Bericht).

Eintrittskarten: Erwachsene 18 Euro, Studenten 8 Euro, Familienkarte 38 Euro, Dauerkarte 60 Euro.

Führungsprogramme: Führungen und thematische Rundgänge zu festgelegten Zeiten sowie Workshops werden angeboten.

Reservierungen für alle Angebote sind notwendig.

Reservierung: für Deutschland, Österreich und die Schweiz unter Tel. (00 49 (0) 75 31) 9 07 30 und im Internet unter: www.arttourist.com Kontakt Biennale: (0 03 94 1) 5 21 88 28.

Internet: www.labiennale.org

Grafik:

Arsenale Giardini Della Biennale

Bildunterschrift:

Er liebt Künstler, deren Arbeit Rätsel aufgibt und die trotzdem so fantasie- und gehaltvoll ist wie ein gelungener Fischeintopf

Wirkungsstätte auf Zeit:

Daniel Birnbaum vor dem Arsenale in Venedig (Foto: Graziano Arici)

"Wir verändern das Arsenale nicht, um neutraler zu werden, sondern hoffen, dass Künstler ihre eigenen Räume schaffen"

Blick in das Arsenale:

In diesem Raum erarbeiten Studenten der Städelschule mit dem 85-jährigen Yona Friedman eine Installation