Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 66
Die Museen werden abgewrackt
Von Thomas Wagner
"Public Private Partnership" war die Zauberformel der Neunziger. Zur langfristigen Sicherung von Museen aber taugt das Modell nicht, meint
Der Kapitalismus gleicht einer komplizierten Maschine, an der Generationen gebaut haben, deren Funktionsweise aber niemand wirklich versteht.
Nun, da sie nicht mehr wie gewohnt jede Menge Mehrwert schafft, Produktion und Konsum ins Stocken geraten und statt Wachstum Verluste angesagt sind, schrauben Scharen von Ökonomen und solche, die sich dafür halten, hektisch an der organlosen Megamaschine herum, ohne wirklich zu wissen, was sie anrichten, wenn sie diesen oder jenen Filter austauschen oder an einer beliebigen Stellschraube drehen.
Nicht viel anders agieren hierzulande Kulturpolitiker.
Auch sie glauben - oft ohne eine Kunsthalle von einem Museum unterscheiden zu können -, sie müssten nur an einigen politischen Stellschrauben drehen, und schon würden Kunst und Kultur zum Wohle von Tourismus und Prestige schnurren wie ein sparsamer, aber leistungsstarker Motor. Schließlich, so ihre Überzeugung, sind sie es doch, die den Sprit, sprich die Subventionen spendieren.
Eine besonders wirksame Stellschraube meinte Hans- Heinrich Grosse-Brockhoff, ehemals Düsseldorfer Kulturdezernent und heute Kulturstaatssekretär der nordrheinwestfälischen Landesregierung, schon vor Jahren gefunden zu haben. Um das mit einer respektablen Sammlung ausgestattete Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof, dessen Gebäude arg in die Jahre gekommen waren, sanieren und ihm durch teure Publikumsausstellungen größere Aufmerksamkeit verschaffen zu können, ersann er das Modell des "Public Private Partnership", kurz PPP. Um es zu etablieren, verkaufte die Stadt dem Energiekonzern E.on für den Bau einer neuen Firmenzentrale ein Grundstück hinter dem Museum für mehr als 30 Millionen Mark. Im Gegenzug zahlte der Konzern zehn Millionen Mark in eine gemeinsame Stiftung ein, in die das Land 24 Millionen, die Stadt acht und das Museumsgrundstück einbrachten. Überdies verpflichtete sich E.on, jährlich zwei Millionen zu den Betriebskosten beizusteuern und unterzeichnete einen Dreijahresvertrag über drei Millionen Mark für Wechselausstellungen.
Doch was als Wunderwerk der Kooperation von Wirtschaft und Staat in Sachen Kulturfinanzierung gepriesen wurde, kam nicht nur umgehend ins Gerede, weil es als Signal zum Rückzug der öffentlichen Hand aus ihren Verpflichtungen gewertet wurde, sondern auch, weil es sich wohl als nicht sonderlich resistent gegenüber der Einmischung des Konzerns in die Programmplanung erwies. Was E.on bis heute bestreitet, behauptete immerhin Jean-Hubert Martin, der Direktor des Hauses von 2000 bis 2006, nach seinem Ausscheiden in einem Interview.
Eben dieses Modell des "Public Private Partnership" steht nun vor dem Aus. Zwar wird in Düsseldorf beschwichtigend erklärt, das Unternehmen habe lediglich entschieden, sein Engagement auf die Förderung konkreter Ausstellungsprojekte umzustellen; doch im Kern bedeutet eben dies das Ende jeder langfristigen Bindung und Planungssicherheit.
Pointe am Rande: Soeben eröffnet das seit seiner Neukonstruktion unter dem Namen "museum kunstpalast" firmierende Haus eine Neupräsentation seiner Sammlung, Titel: "Seitenwechsel".
In der Tat: Ein Seitenwechsel tut Not, auch in der Kulturpolitik. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass sich kaum noch eine Ausstellung größeren Formats ohne Mithilfe von Sponsoren finanzieren lässt. Dass dies in Krisenzeiten schwieriger wird, liegt auf der Hand, ist aber nicht das Kernproblem, ebenso wenig wie die Gefahr direkter Einmischung. Denn wer ohnehin nur ausgewählte Projekte fördert, hat ganz andere Möglichkeiten. Er verzichtet schlicht darauf, eine Schau zu unterstützen, die ihm nicht gefällt oder nicht genügend Werbeeffekte verspricht.
Basta!
Das ist nicht neu, gewinnt in der Krise aber an Brisanz.
Eine Prämie wird es dafür kaum geben, aber abgewrackt werden vermutlich schon bald auch Museen. Dabei ist Sponsoring ein Geschäft, von dem kurzfristig viele Seiten profitieren können: Museum, Staat, Unternehmen, Publikum und Künstler. Zur langfristigen Sicherung aber taugt es nicht, wie das gescheiterte Düsseldorfer Modell beweist.
Dafür braucht es Kulturpolitiker, die endlich kapieren, dass sich die Verhältnisse umgekehrt haben: Heute subventioniert nicht die Politik die Kultur, sondern die Kultur die Politik.
Bildunterschrift:
Die Gefahr direkter Einmischung von Sponsoren ist nicht das Kernproblem.
Wem etwas nicht gefällt, verzichtet einfach darauf, es zu unterstützen. Basta!
