Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 91

Das Zentrum eines familiären Kosmos

Von Gerhard Mack

Die Fondation Beyeler zeigt Kunst von Alberto Giacometti und Verwandten

BASEL/RIEHEN: ALBERTO GIACOMETTI

Es war einer jener Momente, in dem sich die Pariser Cafés in die Kunstgeschichte einschrieben: Alberto Giacometti (1901 bis 1966) saß in einem dieser Treffpunkte für Künstler und Intellektuelle am Boulevard Barbès-Rochechouart und sinnierte über seine Kunst.

"Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass alle Ereignisse gleichzeitig um mich herum existierten. Die Zeit wurde horizontal und zirkulär, war zugleich Raum, und ich versuchte, sie zu zeichnen." Die berühmte Formulierung hat er 1946 in seiner Schrift "Der Traum, die Sphinx und der Tod von T." veröffentlicht. Wie eine solche Einheit von Raum und Zeit aussehen könnte, machte er in einer Zeichnung sichtbar. Sie zeigt eine Scheibe, die in Segmente unterteilt ist, welche Stelen begrenzen. Raum entsteht für den Künstler durch die Körper, die sich in ihm befinden. Sie definieren ihn, indem sie miteinander in Kontakt treten. Das unterscheidet ihn vom absoluten Raum der Physik, deren Relativitätstheorie damals gerade sehr en vogue war. Dieser Raum der Körper ist für Alberto Giacometti zunächst einmal durch die Familie im heimischen Bergell geprägt.

Die Eltern und Geschwister, später auch seine Frau Annette, haben ihm mit endloser Geduld Modell gesessen. An ihnen hat er für seine Kunst stets Maß genommen.

Der Vater Giovanni Giacometti war ihm ein früher Lehrer und Anreger. Er war mit Ferdinand Hodler, Giovanni Segantini und Cuno Amiet befreundet und zählte zu den prominentesten Künstlern der frühen Moderne in der Schweiz. Seine Farbigkeit kehrt in den frühen Bildern des Sohnes wieder, seine Beschäftigung mit der Wahrnehmung von Raum trieb diesen jahrelang um. Da liegt es nahe, das Werk des wohl berühmtesten Schweizer Künstlers des 20. Jahrhunderts noch einmal als Dialog mit der Familie zu präsentieren.

Kurator Ulf Küster zeigt in der Fondation Beyeler mit über 100 Werken Alberto Giacometti als Zentrum eines familiären Kosmos. Die berühmten silhouettenhaften Figuren der "Femmes des Venise", die er für die Biennale Venedig gefertigt hat, werden als grandioser Auftakt in allen neun Fassungen gezeigt. Die leuchtenden Bilder des Vaters stellen das Engadin und die Familie vor. Gemälde und Zeichnungen Albertos werden in einem Saal präsentiert, der seinem Pariser Atelier nachempfunden ist. Selten zu sehende Designobjekte wie der "Lustre", eine Deckenlampe von 1932/34, treten mit den Möbeln und Tierskulpturen des Bruders Diego in Kontakt. Die fast abstrakten Gemälde Augusto Giacomettis, eines Cousins des Vaters, fügen dem künstlerischen Familientreffen der Giacomettis eigene Akzente hinzu. Termin: 31. Mai bis 11. Oktober. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro Internet: www.beyeler.com

Bildunterschrift:

Blick in den Giacometti-Saal in der Fondation Beyeler mit der "Chase Manhattan Plaza"-Gruppe von 1960