Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 131
Wie weiblich ist der Raum?
Von Almuth Spiegler
Von rätselhaft bis deftig: Die Interieurmalerei hat stets ausgeklügelte Geschichten ins Bild gesetzt
BUCH DES MONATS
Eine recht unbedankte Existenz fristet ein Gebiet der abendländischen Malerei, das jetzt erstmals umfassend aufgearbeitet wurde: das Interieur, die Darstellung von Innenräumen.
Dabei gelingt Karl Schütz, dem Direktor der Gemäldegalerie des Wiener Kunsthistorischen Museums, selbst ein Kunststück:
Der fast 400-seitige, prachtvoll bebilderte Band öffnet den Blick für die wichtigsten dramaturgischen Kniffe der Malerei - die Eingänge und Ausblicke, die Türen, Fenster und Spiegel.
Eine der frühesten Innenraum-Darstellungen befindet sich auf dem Fragment eines apulischen Kelchkraters um 350 vor Christus, eine Theaterszene mit Architekturkulisse. In Giottos Wandmalerei muss der Betrachter noch von außen in die puppen hausartigen Ställe und Tempel blicken, doch bald darf er eintreten in die Stuben, Kirchen, Festsäle. Jan van Eyck markiert einen ersten Höhepunkt raffinierter Raumdarstellung: Durch Spiegel lässt er die unsichtbare vierte Wand im Bild er scheinen, schließt den Betrachter so räumlich mit ein. Was in der soliden kunsthistorischen Nacherzählung abgeht, ist ein soziokultureller Blick, etwa auf Räume als Repräsentationen des Weiblichen. Das männliche Gegenstück zu diesen Küchen und Boudoirs sind die Ateliers, erstmals angedeutet in der "Lukasmadonna" Rogier van der Weydens um 1450, zu einem Gipfel gebracht in Jan Vermeers "Malkunst" von 1666. Erwartungsgemäß knapp hält sich der Altmeister-Spezialist Schütz in der modernen und zeitgenössischen Kunst, hier wird nur mehr exemplarisch gearbeitet - am Ende steht Juan Muñoz' "Ventriloquist. Looking at a Double Interieur" (1988), als Ausblick auf die mögliche Entwicklung dieses Genre, das über die Jahrhunderte die Gattungen von Porträt bis Stillleben oder Historienbild miteinander verband.
Bildunterschrift:
Pierre Bonnard:
"Akt im Gegenlicht" (1908, 125 x 109 cm)
Karl Schütz: Das Interieur in der Malerei.
Hirmer Verlag. 384 S., 240 Abb., 138 Euro
