Ausgabe: 06 / 2009
Seite: 7-17
Studio
Von
Thesen, Trends und Trash
100 000 Jahre Sex. Über Liebe, Fruchtbarkeit und Wollust" heißt eine Wanderausstellung des Drents Museum im niederländischen Assen, die den Umgang mit Sexualität von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert untersucht. Wie bereits an 13 Orten in Europa zuvor sorgt sie nun auch in der Archäologischen Sammlung der Städtischen Museen Heilbronn für Furore. Dort ist sie allerdings erstmals um einen Extraraum für zeitgenössische Aktfotografie erweitert. Warum?
Leiterin Christina Jacob erklärt: "Uns war besonders die Antike einfach zu phalluslastig!"
FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST ( 7 )
Lieselotte, 5, über "Reiter mit Frau und der Tod" (vor 1503) von Hans Baldung Grien Da ist ein Skelett, das beißt einer Prinzessin ins Kleid! Und da ist ein Mann, der klemmt sich die Prinzessin untern Arm. Das Skelett will die Prinzessin vom Pferd reißen, aber der Mann hält sie fest. Ich glaube, der Mann ist ein Prinz, obwohl er Taubenfedern auf dem Kopf hat und keine Krone. Und da liegen Knochen auf dem Weg. Die hat bestimmt das Skelett verloren. Ein Skelett besteht aus ganz vielen Knochen. Heute in der Vorschule haben wir ein Skelett ausgeschnitten und aufgeklebt, aber das ist aus Papier. Wir haben es nur bis zur Mitte geschafft, morgen kommen die Beine und die Füße dran. Unser Skelett heißt Rudi und ist lieb. Das Skelett hier ist böse, weil es das Kleid auffrisst und weil es lebt. Eigentlich leben Skelette nämlich nicht! Das Pferd muss niesen, deswegen guckt es so komisch. Ich glaube, es ist erkältet. Ich bin auch schon mal geritten, bei Oma und Opa, auf einem Pony, das Shorty hieß. Da hat mir aber kein Skelett ins Kleid gebissen - ich hatte zum Glück eine Hose an!
Zwei gigantische Roboterspinnen tanzten anlässlich des 150. Hafengeburtstags von Yokohama durch eine Menschenmenge auf dem Pier. Für die achtbeinigen Ungetüme hat die französische Performance-Künstlergruppe "La Machine" je 37 Tonnen Stahl und kilometerweise Elektrokabel verbaut. Gesteuert werden sie von mehreren Piloten, die in zwölf Metern Höhe über dem achtäugigen Kopf sitzen. Yokohama war die erste Hafenstadt, die sich 1859 - nach der jahrhundertelangen Abschottungspolitik Japans - für westliche Handelsschiffe öffnete. Bis zum 27. September feiert die Stadt vor den Toren Tokios ihr Jubiläum mit Lichtinstallationen, Kunstaktionen und zahlreichen Veranstaltungen zur Geschichte des historischen Hafens.
Infos: http://event.yokohama150.org/en/
Der US-amerikanische Künstler und Mediziner Satre Stuelke, 44, röntgt alles vom iPhone bis zum Big Mac - und legt mitunter Verblüffendes frei wie: Barbie hat ein Skelett! Das gibt der von Mädchen angebeteten und von Feministinnen verteufelten Plastikpuppe zwar keine realistischeren Körpermaße - macht sie aber trotzdem irgendwie menschlicher. Mehr zu Stuelkes Experimenten: www.radiologyart.com
KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (25)
Vollendung, die: f., Sg., stets angestrebter, mystisch umflorter, idealer, nicht mehr zu verbessernder Endzustand jeder menschlichen, kreativen Entäußerung. Da es leider kein obj.- verbindliches Instrumentarium zur Messung von V. gibt, meinen viele Künstler, nie zu diesem sublimen Zustand vorzudringen, was sich meist in verheerenden, lähmenden -->Sinnkrisen äußert. Die, welche jedoch vorschnell u. selbstherrlich glauben, diesen Zustand bereits erreicht zu haben, stürzt die Aufhebung des Verblendungszusammenhangs (Adorno) in ebensolche.
DIE ART-HOME-STORY ( 2 3 )
Zu Gast bei Ursula Döbereiner Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.
Buch: "Masculine Feminine, a film by Jean-Luc Godard" (Grove Press, 1969)
Der Film ist super, aber das Buch liebe ich wegen des tollen Layouts. Es sieht so aus, als sei es schnell runtergerockt worden, wobei alle Entscheidungen doch perfekt getroffen wurden. Es ist eher ein schönes Ding als etwas zum Lesen. Es enthält Fotos, Rezensionen und Interviews mit Godard und der Hauptdarstellerin Chantal Goya - also alles, was man sich heute im Internet zusammensuchen würde.
Morton Subotnick: Touch Ich bin ein großer Fan von Morton Subotnick. Diese Platte ist für ein Vierkanalsystem in Auftrag gegeben worden und wurde ausdrücklich als Wohnzimmermusik konzipiert. Ich finde auch das Cover toll: eine grafische Umsetzung der Idee "Wohnzimmermusik", die von allen vier Wänden kommt.
Stylophone und "Das Arbeiterlied" (Reclam Leipzig)
Diese beiden Dinge liegen bei mir aus folgendem Grund zusammen:
Mein Sohn studiert in Holland Computermusik. Wenn er in Berlin zu Besuch ist, arbeiten wir beide bei mir im Atelier. Wenn wir Pausen machen, spielt er mir manchmal auf dem Mini-Keyboard Arbeiterlieder aus dem Buch vor.
Das hört sich sehr toll an, und zu manchen Liedern passt der Sound des Stylophones so perfekt, als wären sie genau dafür komponiert worden.
Bunte Plastiktaschen Die beiden unteren Plastiktüten sind türkischer Herkunft.
Ich sammle diese Tüten, weil ich ihre Muster mag. Die rosa Tasche habe ich auf einem Markt in Paris gekauft. Die gelbe ist von Miu Miu. Ich mag die Idee, dass sich die Designer am Look von Billigprodukten orientieren. Ich benutze die gelbe Tasche allerdings nicht als Handtasche, sondern bewahre darin Kamerazubehör auf, wie zum Beispiel Ladegeräte, Speicherkarten oder Filter.
Tischtennisschläger Meine Tischtennisplatte ist der optimale Ateliertisch. Man kann sie rollen, hochklappen, und wenn sie nicht mit Kram überladen ist, kann man auch Tischtennis spielen.
Einmal wurde sie sogar in einem Katalog für eine Ausstellung abgebildet, die der Kritiker Harald Fricke 2000 im Neuen Berliner Kunst verein kuratiert hat. Ich wollte mal in einen Kreuzberger Tischtennis-Verein eintreten, aber die waren so unfassbar gut, da konnte ich gar nicht mitspielen.
EINE LISTE Die hintersinnigsten Ausstellungstitel 2009 1. Aufwachen, es wird dunkel Halle am Wasser, Berlin 2. Die Quadratur des Quadrats. Eine Introspektive Museum Ritter, Waldenbuch 3. Die Hinterseite der Linie Passagegalerie, Wien 4. Dial M for Mother Galerie Michael Wiese höfer, Köln 5. Fragile Monumente Suzie Q Projects, Zürich 6. Scheiternhaufen Anna Klinkhammer Galerie, Düsseldorf 7. Back to Back Konrad Fischer Galerie, Berlin 8. Moralische Fantasien Museum Morsbroich, Leverkusen 9. Fragments of the Parts Galerie Christian Lethert, Köln 10. Neue Blicke auf einen alten Traum Diözesanmuseum Freising 11. Manie, Manie, Manie (frei nach ABBA)
Galerie Hammelehle und Ahrens, Köln 12. Feedbackstage Galerie Thomas Schulte, Berlin
PRODUKTKRITIK Unerhört, wie sich diese Glühlampen vollkommen ungehemmt aus der Fassung gießen! Als hätten sie ein für alle Mal genug vom stillen, demütigen Leuchten. Als hätten sie endlich kapiert, dass es die anderen sind, die ihr Licht brauchen, um zu arbeiten, zu leben. Als wollten sie sagen:
Wisst ihr was, Leute?! Ich hab' die Schnauze voll! Ich hau ab!! Irgendwie kann man sie ja auch verstehen.
Manchmal fühlt man sich ja selbst so.
Entworfen hat diese genialen Lampen die junge niederländische Designerin Pieke Bergmans. Sie infiziert ihre Objekte mit einem "Design Virus", was den leicht kranken Charme ihrer Arbeiten erklärt ...
Bildunterschrift:
Vor 2000 Jahren schlug der Germane Arminius drei römi sche Legionen.
Zum Jubiläum hat der Kurator Jan Hoet 20 Künstler in die Region Kalkrie se geladen, wo die Schlacht mutmaßlich stattfand. Die Nie derlän derin Anna Lange lässt im Kuhstall eines Bauernhofs die Demeter-Formel zur Herstellung von Hornmehldünger leuchten und erinnert damit an die antike Göttin Demeter, zuständig für Fruchtbarkeit. Für die Kühe eher ein Memento mori.
Wie ein gigantisches Astgeflecht rankt sich die Arbeit "Maelstrom" des US-Künstlers Roxy Paine auf 40 Metern über den Dachgarten des New Yorker Metropolitan Museum. Paine hat die knorrige silberne Krone aus sieben Tonnen Stahl in Form von mehr als 10 000 Metallstäben und -rohren gefertigt. Zu sehen bis 25.
Oktober, wann immer es das Wetter zulässt.
Mal wieder schreitet Hamburg voran im Kampf gegen öde Uniformen:
Vor Jahren ließ die Hansestadt den Altmeister Luigi Colani neue Arbeitskleidung für Polizisten entwerfen, nun erhalten die Museumswärter der Deichtorhallen einen zeitgemäßen Auftritt. Das Label "Herr von Eden", für retroselige Her renmode bekannt, stattete die Aufpasser dermaßen cool aus, dass man um die Aufmerksamkeit der Besucher fürchten muss: Wer guckt jetzt noch auf die Kunst?
Der Künstler Dirk Skreber hatte wohl nicht die Abwrackprämie im Sinn, als er die Arbeit "Reaktor" für den Köl ner Skulpturenpark erdachte: ein nagelneuer Mittelklassewagen, zerquetscht wie eine Fliege, aufgehängt an einer Säule. Der Besucher kann in das Erdloch hinabsteigen und das Wrack eingehend betrachten. Zur Aus stel lung gehören auch Werke von Michael Sailstorfer, Jonathan Meese und anderen.
Infos: www.skulpturenpark koeln.de und www.art-magazin.de
Loch des Anstoßes: Braun Barends "HHole (for Mannheim)" (2006)
Roboterspinnen der Künstlergruppe "La Machine" tanzen auf dem 150.
Hafengeburtstag von Yokohama
Krone der Vollendung: Michelangelos "Erschaffung Adams" (1508/12)
Computertomografie von Barbie
Unvollendet: "La Sagrada Familia" (1883-???) von Antoni Gaudí
Zeichnerin und Installationskünstlerin Ursula Döbereiner, 46, in ihrem Berliner Atelier. Info: www.ursula doebereiner.de, Galerie: www.september-berlin.com
Ihr könnt mich mal! "Light Blubs" (2008) auf Abwegen
