Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 8

Studio - Katharina Grosses Ausstellung "Shadow box"

Von

GEHT'S NOCH?!

Karl Lagerfeld ist der Midas der Modebranche. Was auch immer er mit seinen ledern behandschuhten und silbern beringten Fingern entwirft, lässt weltweit die Kassen klingeln. Doch nun ist die Muse mit ihm durchgegangen.

Der Spross des Norddeutschen "Glücksklee"-Clans hat ins piriert von Supermodel "Clodia" Schiffers sekundären Geschlechtsmerkmalen ein Champagnerglas entworfen.

Auf drei weißen Schaumweinflaschen thront eine Schale in Busenform inklusive rosa Brustwarze. Das 3150 Dollar teure Milchglasensemble trägt den Titel Boob Bowl.

Und wir tragen es mit Fassung.

BAKTERIENKULTUR Bei den meisten Künstlern stehen Staffelei, Keilrahmen und Pigmente im Atelier, Edgar Lissels Materialien hingegen sind Nährlösung, Petrischalen und Pipetten. Seit 1999 fotografiert der in Wien lebende Deutsche Bakterien. Für die Serie "Myself" (2005-2008) tauchte er eigene Körperteile in eine Agarnährlösung, um Mikroorganismen auf der Hautoberfläche abzubilden. So wuchsen die Konturen seines Körpers zu faszinieren den Bildern heran. In der Serie "Domus Aurea" (2005) sammelte er in der gleichnamigen Ausgrabungsstätte in Rom Bakterien von Fresken, brachte sie auf Gips auf und beleuchtete sie mit dem Bild, das sie vorher zerstörten. Die wolkenartigen Formationen der zum Licht hin wachsenden Kulturen sind die Protagonisten seiner Serie. Mehr auf www.edgarlissel.de und im Buch "Vom Werden und Vergehen der Bilder" (Schlebrügge Verlag, 27 Euro).

Wer demnächst bei Ikea von einem sich aufbäumenden Taschenberg überrascht oder von Kartons verfolgt wird oder im Supermarkt Zeuge wird, wie sich die Wischlappen selbstständig machen, braucht nicht an der eigenen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Höchstwahrscheinlich sind zwei Studentinnen der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe am Werk: Yvonne Bayer und Sabina Keric. Sie möchten mit solchen Alltagsinterventionen auf die fortschreitende Militarisierung der Zivilgesellschaft aufmerksam machen. Dazu passen sie sich wie Scharfschützen im Tarnanzug ihrer Umgebung an, in diesem Fall durch eine Art Urban Camouflage aus Produkten des betreffenden Markts.

So erschrecken sie dann die Kunden. Das Ergebnis: großartige Clips, die man auf www.urbancamouflage.de ansehen kann.

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (24)

Irritation, die: f., [von lat. irritare ›(auf)reizen‹, ›erregen‹, auch ›stören‹, ›ärgern‹], meint im med. Sinn die Ausübung eines Reizes auf einen Nerv, im allg. Sprachgebrauch den geistigen "Perplex"-Zustand momentaner Verwirrung und im Kunstkontext die kreative Leistung durch gekonnt gesetzte --> Brüche, die häufig in Routine erstarrte Wahrnehmungsachse des Betrachterblicks neu zu justieren. Hier wären beispielhaft zwei erfolgreich erprobte I.-Strategien zu nennen: im 20. Jh. die Strategie d. optischen Verwirrung (vgl. Op Art), im 21.

Jh. Schule d. Frechheit (vgl. Street Art).

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (6)

Maja, 5, über "Wanderer über dem Nebelmeer" (1818) von Caspar David Friedrich Ich sehe einen Mann auf einem Berg. Er ist nicht mehr auf der Erde und noch nicht im Himmel. Er ist bei den Wolken. Man muss ganz lange laufen, bis man so hoch kommt. Meine Oma wohnt auch in den Bergen. Ich bin da gern, weil man da so toll draußen spielen kann. Der Mann hat einen Stab in der Hand. Damit stützt er sich ab, denn auf solchen Steinen kann man leicht ausrutschen, und dann knallt man hin und schlägt sich die Knie auf, und dann weint man und muss getragen werden. Außerdem: Wer soll ihn tragen? Er ist ja ganz allein. So dicht am Himmel ist es ziemlich kalt. Aber der Mann friert nicht, denn er hat einen schönen Mantel an. Mein Papa trägt so was nicht, der trägt immer Hemden. Aber meine Mama würde so et was anziehen. Runter geht es viel einfacher. Da kann man rutschen! Das geht so: Jacke über den Po ziehen, hinsetzen, Anschwung nehmen - und loooos!

VERSACE-SALE Designernamen nobilitieren nicht nur Kleider, sondern auch manch fragwürdiges Einrichtungsstück.

Erst machte Christie's mit dem Verkauf der Kunst- und Möbelsammlung des Modemachers Yves Saint Laurent Rekordumsätze.

Jetzt versteigerte Sotheby's Kunstgegenstände seines 1997 ermordeten Kollegen Gianni Versace. 536 Stücke aus dem Inventar seines Hauses am Comer See brachten insgesamt 7,9 Millionen Euro.

PRODUKTKRITIK Dass der Zeitgeist die Pendelbewegung bevorzugt, ist schon fast eine Faustregel. Jahrelang waren die Ohrknöpfe des iPod von Apple das Nonplusultra urbaner Coolness: Die dünnen weißen Kabel hingen aus den Ohren von Hipstern und Werbegrafikern heraus, als wären sie an gewachsen.

Nun ist farbloser Minimalismus plötzlich passé: Der klassische Kopfhörer kehrt zurück. Die schwedische Firma WESC, bislang mit Skaterklamotten erfolgreich, löste den Boom aus - mit knallbunten Modellen, die aussehen wie Snowboards für die Ohren. Klangqualität ist hier nicht das Thema, sondern: Welcher Kopfhörer passt zu meinen Schuhen? Ein angenehm oberflächlicher Trend also, der wie eine Sommerbrise heranweht; schade nur, dass hübsche Frauenohren nun verdeckt werden.

EINE LISTE Abgeklärteste Ausstellungstitel 09 1. Aus dem Lot Galerie Kontrapost, Leipzig 2. Bilder, Plastik, Trallala Kunstverein Gelsenkirchen 3. Geduld ... und was man noch so bräuchte Galerie Royal, München 4. I Repeat Myself When Under Stress Museum of Contemporary Art, Detroit 5. Dieses Licht dort. Fotografie Epson Kunstbetrieb, Düsseldorf 6. Es ist kalt draußen - ich weiß Engholm Engelhorn Galerie, Wien 7. Please Play by the Rules Galerie Michael Janssen, Berlin 8. Planerfüllung Zentrifuge Nürnberg 9. Am Wasser gebaut Zephyr Raum für Fotografie, Mannheim 10. When the picture left me it was already too late Galerie Nice and Fit, Berlin

Bildunterschrift:

Der Sommer kommt, und so könnte es sein, dass sich der eine oder andere Besucher von Katharina Grosses Ausstellung "Shadow box" an Surfbretter erinnert fühlt. In der Temporären Kunsthalle Berlin zeigt die Künstlerin noch bis zum 14. Juni eine Installation mit vier riesigen elliptischen Scheiben, die an die Wände gelehnt sind - bis zu eineinhalb Tonnen schwer und mit der Grosse-typischen Spraymalerei bedeckt. Hier ein Bild vom Aufbau.

Die goldene Statue hat es sich bequem gemacht im Eingangsbereich des Hamburger Kunstvereins. Sleeping Buddha ist eine Arbeit des Frankfurter Künstlers Daniel Milohnic - in Asien symbolisiert die Position den Übergang ins Nirwana, allerdings liegt Buddha normalerweise andersherum.

Für den Glanz sorgen rund 100 Quadratmeter Thermofolie, die man sonst eher in Erste-Hilfe-Kästen findet. Bis 21. Juni zeigt der Kunstverein zudem eine Installation der Französin Tatiana Trouvé und eine Einzelschau des Griechen Kostis Velonis. Infos: www.kunstverein.de

Brustschale für Schaumwein von Karl Lagerfeld

Mit all den Utensilien gleicht Edgar Lissels Atelier (links) einem Labor. Unten:

Handabdruck aus der Serie "Myself"

Scharfschützen Sabina Keric und Yvonne Bayer auf der Lauer bei Ikea und im Supermarkt

Schule d. Frechheit (links):

"Unter den Teppich kehren", Banksy (2007); Strategie opt.

Verwirrung (oben): "Zollna", Victor Vasarely (1985)

4 kleine Profil-Reliefs von römischen Kaisern, weißer Marmor, Italien 7.986,-

2 Polstersessel mit je einer Fußstütze, Design: Gianni Versace 31.944,-

2 Bronze-Büsten Alexander der Große, Lucius Verus, Italien, 19. Jh.

23.958,-

Schreibtischelement aus Eschenholz mit zwei Tintenfässern, 19. Jh.

5.590,-

Teppich Louis-Philippe Aubusson, Frankreich, um1840 19.965,-

Meistbietend versteigert: Blick in Gianni Versaces Haus am Comer See

2 Gipsnachbildungen von Marmorstatuen Antonio Canovas, Italien, Mitte 19. Jh.

461.323,-

Italienischer Tisch Nussbaumholz, Ölgemälde, Glas, Italien, 2. Vtl. 19. Jh.

42.219,-

Retrodesign mit Signalfarbe: Kopfhörer "Oboe" von WESC

DIE ART-HOME-STORY ( 22 )

Zu Gast bei Miriam Vlaming

Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Biko Den Hund habe ich mir 1994 in Leipzig angeschafft. Ich war im ersten Semester an der Hochschule und wohnte im Stadteil Connewitz in einer illegalen Dachwohnung.

Er sollte mich beschützen.

Ich habe ihn nach Steve Biko, einem südafrikanischen Freiheitskämpfer der siebziger Jahre, benannt.

Pigmentgläser und -dosen Davon habe ich fast 100 Stück, die gut drei Quadratmeter im Atelier einnehmen. Es gibt noch welche, die ich aus einer alten Emaillefabrik in Leipzig habe. Die Deckel lasse ich meistens offen, damit ich mir schnell neue Farbtöne zusammenmischen kann.

Kassettenrekorder Dieses alte Gerät mit seinem Tragehenkel finde ich kultig. Damit habe ich meine ersten selbst geschriebenen Songs auf genommen, bis mir jemand die digitale Technik erklärt hat. Ich trage ihn gerne durch meine Wohnung.

Meisterin surrealer Situationen: die Malerin Miriam Vlaming, 37, in ihrem Berliner Atelier. Infos zu Werk und Vita: www.miriamvlaming.com

Gitarren Die weiße ist ein Billigmodell aus China. Auf der hab ich mir selbst die Griffe beigebracht. Auf der anderen spiele ich, wenn ich mit meiner Band "Afterwar" Musik mache. Am Anfang dachte ich, wir seien eine Punkband, weil ich so heiser war. Aber wir sind eher experimentell.

Boots Die "Justin"- Cowboystiefel habe ich mir in Columbus/Ohio gekauft. Das sind die echten, handverarbeiteten. Sie waren lange meine Mal stiefel, deswegen sind sie so bekleckst.

Jetzt ziehe ich sie nur noch zum Autofahren an. Sie müssten dringend zum Schuster.