Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 123
Toller Twist in trüber Kiste
Von Till Briegleb
Architektur: Grazer Haus für Musik und Musiktheater
Sie ist vielleicht die schönste Zunge der Architekturgeschichte.
Die knallrote Treppe, die sich im Foyer des MUMUTH, des Hauses für Musik und Musiktheater, in Graz biegt, wurde von den Mitarbeitern Ben van Berkels nach dem Organ benannt, das man Leuten rausstreckt, über die man sich geärgert hat. Und nach elf Jahren, die van Berkels Büro an dem Projekt arbeiten und ändern musste, bis es nun endlich er öffnet werden konnte, gilt die freche Geste denn auch so manchem Bedenkenträger, der sich heute voller Stolz davor fotografieren lässt.
Mit seinem verschraubten Mix aus Sichtbeton, Spiegelflächen und Signalfarbe ist der "Twist" ("Spirale") zweifellos eine optische Sensation, die selbst in den bizarren Entwurfszeiten, welche die Architektur gerade durchlebt, etwas Besonderes darstellt. Als Herzstück eines musikalischen Gebäudes, das vor allem dem Musiktheater und der zeitgenössischen Komposition gewidmet ist, symbolisiert der Twist aber nicht nur ein in Stein erstarrtes Klangexperiment.
Der Wirbelsturm, der mit diversen anderen Betonelementen eine schwindelerregende Formation tanzender Linien ergibt, funktioniert als tragendes Element. Ben van Berkels Spezialität, architektonische Verwicklungen nicht als Dekor zu begreifen, sondern ihnen eine statische Aufgabe zu geben, führt mit dieser Beton-DNA direkt ins ungläubige Staunen.
Verpackt ist der "Twist" allerdings in einer Kiste, über die man am besten sagt, dass sie die Überraschung im Inneren nur vergrößern kann. Die Ärmlichkeit der Glas-Draht-Doppelfassade ist das Resultat eines Kompromisses, nicht das Statement eines experimentellen Architekten. Auch die große "Schuhschachtel", in der die Aufführungen stattfinden werden, der Ligeti-Saal, ist der Form nach das Gegenteil von Musik. Doch hier sorgen 108 fahrbare Hubpodeste dafür, dass der mit auberginefarbigen Notenornamenten verkleidete Saal Musiker wie Zuschauer bis zu drei Meter hochschwappen lassen kann. Auf dem Klang segeln wird hier Wirklichkeit.
Im Gegensatz zu vielen seiner Starkollegen, deren Blubberstil zunächst Ähnlichkeiten mit van Berkels Arbeit zeigt, ist dem Amsterdamer Architekten auch diesmal der Beweis gelungen, dass Weltarchitektur mehr sein kann und muss als Computerfantasie.
Let's twist again!
Kasten:
Ben van Berkel, 52, leitet zusammen mit Caroline Bos seit 1988 ein Amsterdamer Architekturbüro, das seit 1999 "UN-Studio" heißt. Seit ihrem ersten großen Projekt, der Erasmus- Brücke (1996) in Rotterdam, die zum Wahrzeichen der Stadt wurde, hat das Büro zahlreiche Gebäude realisiert, die durch außergewöhnliche Form und Konstruktion bestachen.
Das Mobius-Haus (außerhalb von Amsterdam) in Form einer Endlosschleife (1998) oder das Mercedes- Benz-Museum in Stuttgart (2006), das als eine Doppelspirale gebaut ist, sind experimentelle Raumschöpfungen von großer Eleganz. Das Büro entwirft aber auch eigensinnige Möbel. Weitere Projekte: der Sessel "MYchair" (2008), das "Agora"-Theater im niederländischen Lelystad (2007) oder das Galleria-Kaufhaus in Seoul, Südkorea (2004).
Bildunterschrift: Ärmlich: Die Glas-Draht-Doppelfassade des Hauses für Musik und Musiktheater wirkt wenig überzeugend
Herzstück: "Twist" heißt die knallrote Treppe im neuen Grazer MUMUTH
