Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 122
"Etwas auf den Putz hauen"
Von Hans Pietsch
Szene: Künstler erobern leer stehende Läden in Großbritannien
Vier Hummer umkreisen eine Scholle im Schaufenster eines rosa bemalten, leer stehenden Ladens.
Hier könnte ein Fischgeschäft einziehen, so suggeriert die Dekoration. Ein paar Türen weiter deuten Karotten und Topfpflanzen daraufhin, dass sich hier ein Gemüse- und Blumenladen gut machen würde. Die Rezession macht erfinderisch. Das Künstlerduo "Total Pap", Emily Firmin und ihr Partner Justin Mitchell, verwandelte einen leer stehenden Gemüseladen in der Hauptstraße des englischen Seebads Margate in eine vorübergehende Werkstatt, in der sie aus Papiermaché die Schaufensterdekorationen her stellten. Heather Sawney, Kulturbeauftragte des Distrikts Thanet, half finanziell, "um die in schweren Zeiten oft trostlose Umwelt für unsere Bürger freundlicher zu gestalten".
Aber Margate steht nicht allein. Überall im Land gehen Geschäfte pleite. 70 000 werden es bis Ende 2009 sein, haben Experten er rechnet. Diese Chance nutzen Künstler und Galeristen wie Julian Monaghan. In Bristol organisiert er Ausstellungen mit Graffitikunst in "Guerilla-Galleries", wie er die leer stehenden Läden nennt:
"Wir ziehen ein, streichen Wände und versuchen, etwas auf den Putz zu hauen." Dieses Mal gehen die Impulse nicht von London aus, sondern von der Provinz. In dem Marktflecken Dursley in der Grafschaft Gloucestershire etwa, hat Karen Hilliard gleich drei Läden übernommen, "um die Regenerierung unseres Städtchens voranzutreiben".
Mit 20 Künstlern strich sie Läden, die der Rezession zum Opfer fielen, und zeigt jetzt dort deren Arbeiten. Und im westenglischen Stroud requirierte die Stadtverwaltung gar die leer stehende örtliche Woolworth-Filiale und stellte sie Künstlern zur Verfügung.
Bildunterschrift:
Im englischen Städtchen Dursley nutzen junge Künstler leer stehende Läden als Ausstellungsräume für ihre Arbeiten
