Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 129

Plastische Bestandsaufnahme

Von Alfred Nemeczek

Zum Nachschlagen und Lesen: Souveräner Blick auf zeitgenössische Skulptur der Jahre 1970 bis 2005

BUCH DES MONATS

Verlegerischen Ehrgeiz signalisiert der Titel "Skulptur heute" und ist natürlich utopisch. Denn der Schwerpunkt dieses prallen Großbands der ehemaligen Londoner Tate-Kuratorin Judith Collins liegt deutlich bei den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Geboten wird eine kritische Bestandsaufnahme der neueren haptischen Kunst mit brillanten Farbfotos, prägnanten Kurzbiografien und erfrischend plausiblen Texten zu rund 400 internationalen Plastikern.

Sie beginnt um 1970 mit Filz arbeiten von Joseph Beuys und Robert Morris und schafft es mit drei aktuellen Werkbeispielen immerhin bis zum Jahr 2005. Über diese Zeitspanne informiert Collins, die lediglich das Genre Videoskulptur übergeht, zuverlässig, aber auch leicht eigenwillig nach meist formalen Kriterien. Die Autorin misstraut Trends, orientiert sich lieber an einem "von Künstlern, Kritikern, Händlern, Kuratoren, Sammlern und Galeristen" geknüpften Netzwerk und gliedert ihren Überblick in 18 Kapitel. Einige, wie "Figürliche Darstellungen", "Installationen", "Kleidung" oder "Fragmentierte Körper", leuchten unmittelbar ein; andere, wie "Seltsame Geschöpfe", "Kulturelle Vielfalt" oder "Größe und Maßstab", wirken eher beliebig.

Im Ganzen jedoch überzeugt vor allem die kompetente weltumspannde Auswahl, in der nicht weniger als 33 deutsche Künstler ihren Platz finden - darunter selbst Randfiguren wie Wiebke Siem oder die Maler-Plastiker Georg Baselitz und Markus Lüpertz. Dabei verwundert freilich das Fehlen von Reiner Ruthenbeck. Handwerkliche Kuriosität: Alle Texte kommen nicht in Schwarz aufs weiße Papier, sondern durchweg in blassem Grau, was prompt die Leselust dämpft.

Bildunterschrift:

Lia Menna Barreto: "Kaninchen auf links gedreht" (1995)

Judith Collins: Skulptur heute. Phaidon Verlag. 484 S., 485 Abb., 75 Euro