Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 96
Tradition und Neubeginn
Von Henrike Thomsen
SHARJAH: 9. BIENNALE
65 Künstler liefern auf Einladung des Golfstaats eine Bestandsaufnahme arabischer Kunst. Ein Videobeamer projiziert zeichnende Hände auf ein Architekturmodell, sie fügen den nackten Gebäuden lebendige Details hinzu: ein Wohnzimmer in einem Familienhaus, einen verborgenen Schrein in einem Heiligtum. Über Kopfhörer kann man die Anmerkungen der Zeichner hören, die Sophie Ernst zu ihrem Projekt "Home" eingeladen hat. Sie stammen aus Palästina und anderen Krisenregionen. Erinnerungen an verlorene Elternhäuser und geweihte Orte werden anschaulich und lebendig.
So stark wie diese wünscht man sich mehr Arbeiten auf der 9. Biennale von Sharjah, dem Nachbaremirat von Dubai. Rund 65 Künstler sind dort im Kunstmuseum und im Viertel rundherum mit Beiträgen vertreten, viele von ihnen wurden von der Biennale in Auftrag gegeben. Doch die Devise des künstlerischen Leiters Jack Persekian und der Kuratorin Isabel Carlos, möglichst viel produzieren zu lassen und wenig vor zugeben, hat eine Menge Unfertiges hervorgebracht - Arbeiten, die sich redlich mit den wiederkehrenden Themen des privaten und öffentlichen Raums, der Tradition und des Neubeginns mühen, aber formal schwach bleiben.
Die gelungensten, dichtesten Teile der Ausstellung konzentrieren sich an den Enden der langen Museumskorridore und im stimmungsvollen Serkal-Haus gegenüber. So lohnen etwa Nicolaj Bendix Skyum Larsens überlebensgroße Porträts von indischen Gastarbeitern am Golf und ihren fernen Familien. Khalil Joreige arbeitet Heldenporträts in militanten libanesischen Straßenmalereien auf. Sheela Gowda lässt in Leitungsrohren geheimnisvolle Stimmen wispern, Ziad Antar dokumentiert den Verfall modernistischer Bauten im Libanon, Agnes Janich lockt per Videoprojektion in ein bedrückendes Knäuel wütender, verdreckter Hunde.
Höchst ornamental führen Jane und Louise Wilson Fotografien vom Flugzeugturbinenbau mit Stimmen von Bosnien- Flüchtlingen zusammen und bringen damit die Spannung zwischen Schönheit und technischer Perfektion gegenüber dem Menschlichen, Unvollendeten auf den Punkt. Termin: bis 16. Mai. Katalog: 130 Dirham (rund 26 Euro). Internet: www.sharjahbiennial.org
Bildunterschrift:
Spiel mit Größenwahn: Laurent Grassos "The wider the vision, the narrower the statement" (2009)
