Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 88

Totentanz der Blechmänner

Von Petra Bosetti

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt eine Werkschau des Franzosen

VADUZ: CHRISTIAN BOLTANSKI

Niemand, der einen von Christian Boltanski gestalteten Raum betritt, kann sich dieses merkwürdig beklemmenden Gefühls entziehen. Eine Ahnung von Tod und Vergänglichkeit erfüllt die Installationen des französischen Künstlers, ohne dass er eindeutige Hin weise darauf gibt. Da versammelt er etwa unscharfe Schwarzweißfotos an einer Wand.

In der Vergrößerung und der nuancenlosen Reduzierung auf Schwarz und Weiß aber bekommen die Porträts das Aussehen von Totenschädeln. An Wänden tanzen die Schatten bizarrer Blechfiguren einen unheimlichen Totentanz. Endlose Reihen von Kartons mit aufgeklebten Porträtfotos signalisieren Abgelegtsein.

Kleidungsstücke von Menschen, in Regalen gestapelt oder nachlässig auf dem Boden geschichtet, wecken fast zwangsläufig die Assoziation an Deportation und Tod in Konzentrationslagern - Kinder übrigens betrachten diesen Haufen bunter Textilien lediglich als eine Art Abenteuerspielplatz.

Boltanskis Biografie gibt Hinweise. Kurz vor seiner Geburt 1944 wurde Frankreich von nationalsozialistischer Herrschaft befreit, Freunde und seine jüdische Verwandtschaft waren, wie er sagt, "Überlebende der Shoah". Boltanski will mit seinen Arbeiten nicht anklagen, sondern beim Betrachter das Gefühl für Vergänglichkeit schärfen. "Wir können nichts vor dem Verfall retten", sagt er. Aber seine Aufgabe als Künstler sieht er darin, "die Dinge zu bewahren im Wissen um ihre Vergänglichkeit".

In den Arbeiten, die jetzt in Liechtenstein vereint sind, tauchen immer wie der Begriffe wie "Monument", "Depot" oder "Archiv" auf, mit denen Boltanski "jenen Erinnerungsvorgang namhaft gemacht" habe, "den die Objekte selbst mit den Aufbewahrungsschachteln, den abgelegten Kleidern, den Memoriallämpchen, den verdüsterten Fotografien in Betrieb setzten", schrieb Uwe M. Schneede 1991 zu der Boltanski-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Die Ausstellung in Vaduz zeichnet das Werk des Franzosen von den achtziger Jahren bis heute nach.

Termin: 15. Mai bis 6. September. Katalog: erscheint kurz nach Eröffnung der Schau. Literatur: Catherine Grenier: "La vie possible de Christian Boltanski" (Interviews, in Deutsch), Verlag der Buchhandlung Walther König, 19,80 Euro. Internet: www.kunstmuseum.li

Bildunterschrift:

Detail aus der Arbeit "Schatten der Kerzen" (2008) mit insgesamt 21 Figuren