Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 121

Künstlernachlässe unter Schutt

Von Stefan Koldehoff

Archiv-Einsturz: Unfassbare Verluste in Köln beklagt

Man muss den Trümmerhaufen an der Kölner Severinstraße gesehen haben, um nur annähernd die kulturelle Katastrophe zu erahnen, die sich dort ereignet hat. Der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln hat Kulturschätze vernichtet, deren Bedeutung weit über die Grenzen der Millionenstadt am Rhein und weit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht.

Bis feststeht, was aus den Schutt- und Schlammmassen geborgen und restauriert werden kann, werden Monate vergehen.

Mit dem sechsgeschossigen Magazingebäude, das in einer U-Bahn-Baugrube unmittelbar vor dem Archiveingang versank, wurden etwa der Nachlass des Malers Wilhelm Leibl, des Sammlers Josef Haubrich sowie die Archive bedeutender Architekten wie Wilhelm Riphahn oder Oswald Mathias Ungers unter dem Schutt begraben. Untergegangen ist auch das Archiv des Fotoexperten L. Fritz Gruber, der mit den Sonderschauen zur Photokina seit 1950 die internationale Fotografie nach Deutschland zurückbrachte.

Im Archivbestand 1319 befanden sich die Briefe, die er von Fotolegenden wie Edward Steichen, Man Ray und Robert Mapplethorpe erhalten hatte, alle Plakate, alle Magazine, für die er schrieb, Ideen skizzen, Katalogtexte - rund 70 Regalmeter.

Wahrscheinlich zu Teilen zerstört wurde das Archiv des Kölnischen Kunstvereins mit seinen für die Raubkunstforschung bedeutenden Verkaufsunterlagen und mit seinen umfangreichen Fluxus-Beständen: Konzepte von George Brecht und Joseph Beuys, Videos von Nam June Paik und Partituren von John Cage. Von einem unfassbaren Verlust spricht Wulf Herzogenrath, langjähriger Leiter des Kunstvereins und heute Direktor der Kunsthalle Bremen.

Mit 29 prominenten Vertretern der deutschen Kunstszene - darunter der Direktor der Nationalgalerie Berlin Udo Kittelmann, die Künstler Marcel Odenbach, Anna und Bernhard Blume und Rosemarie Trockel sowie die Galeristinnen Monika Sprüth und Gisela Capitain - schrieb Herzogenrath einen offenen Brief an den Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, der in den ersten Wochen nach der Katastrophe jede Verantwortung abgelehnt hat: "Unsere Empörung ist aber auch darauf zurückzuführen, dass der Einsturz des Gebäudes symptomatisch ist für die Art und Weise, wie die Stadt in den letzten Jahren mit ihrer Geschichte und Kultur umgegangen ist.

Wir erwarten eine präzise und sachliche Aufklärung der Umstände, die zum Einsturz geführt haben ... um den Kölner Bürgern die Möglichkeit zu geben, wieder Vertrauen in die Stadt und ihre kulturelle Bedeutung zu entwickeln." Inzwischen hat Schramma auf eine weitere Kandidatur verzichtet.

Bildunterschrift:

Unter Trümmern: Dokumente des Kölner Stadtarchivs - eine Expertin säubert ein geborgenes Schriftstück