Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 120-121
"Das ist kulturelle Barbarei"
Von Kerstin Schweighfer
Skandal: Tabakkonzern BAT plant Ausverkauf seiner Kunstsammlung in Holland
KERSTIN SCHWEIGHÖFERDie Arbeiter der Turmac-Zigarettenfabrik im niederländischen Zevenaar dürften ihren Augen nicht getraut haben: Eines Morgens vor 50 Jahren hing auf einmal an den bislang so kahlen Wänden der Fabrikhalle moderne Kunst -"zur Vergrößerung der Arbeitsfreude", wie Fabrikdirektor Alexander Orlow damals betonte.
Mit diesem Experiment legte er das Fundament für eine der größten und bedeutendsten Firmenkunstsammlungen der Niederlande: "BAT artventure", ursprünglich Peter Stuyvesant- Kollektion wie die Erfolgszigarettenmarke, die lange Zeit auch in Zevenaar produziert wurde.
Unterstützt von Privatsammlern und Museumsdirektoren wie Willem Sandberg oder Wim Beeren vom Stedelijk in Amsterdam, die unentgeltlich mit Rat und Tat zur Seite standen, konnten im Laufe der Jahre fast 1400 Kunstwerke angekauft werden, darunter Arbeiten von Piet Mondrian, Michelangelo Pistoletto, Robert Mangold, Daniel Spoerri oder Karel Appel.
Doch was einst aus idealistischen Motiven aufgebaut wurde, wird nun für möglichst viel Geld abgestoßen: Der Tabakriese BAT (British American Tobacco), der die kleine Fabrik in Zevenaar 2000 geschluckt hatte, entschied vor zwei Jahren, sie wegen Umstrukturierungen zu schließen - und da für die Sammlung kein Platz mehr ist, soll sie - allen Protesten zum Trotz - versteigert und damit zerstreut werden. Der Bürgermeister von Zevenaar, Jan de Ruiter, hat vergeblich versucht, Teile der auf 25 Millionen Euro geschätzten Kollektion für seine Gemeinde zu erhalten.
"Unbegreiflich!", schimpft Martijn Sanders, einer der bekannten Sammler der Niederlande und Altdirektor vom Amsterdamer Concertgebouw. Der 64-Jährige, der die Sammlung noch von 2001 bis 2006 betreut hat, fühlt sich betrogen und spricht von "kultureller Barbarei": "Ich glaubte, die Werke für eine Stiftung zu kaufen, dort wären sie sicher gewesen." Aber wie er zu seiner Überraschung erfahren musste, sind sie Eigentum des Konzerns: "Der versucht nun, das Wissen und die guten Kontakte von Museumsdirektoren und Sammlern zu versilbern." Nur mit ihrer Hilfe konnten Arbeiten angekauft werden, die normalerweise gar nicht frei auf dem Markt erhältlich waren - "obendrein noch zu Preisen, die aufgrund unserer guten Beziehungen viel günstiger waren!" Eine große Portion Verhandlungsgeschick sei oft nötig gewesen:
"Wir hatten zwar freie Hand, aber das Budget war bescheiden." Sanders selbst kaufte pro Jahr zwölf bis 15 Werke für BAT und erzielte angeblich Nachlässe bis zu 25 Prozent: "Manchmal profitierte BAT davon, dass ich als Privatmann ein zweites Werk kaufte und so extra Rabatt bekam." Jetzt muss er mit ansehen, wie Teile der Sammlung für ein Vielfaches des Ankaufpreises verkauft werden: So versteigerte Sotheby's in London schon letzten Oktober für rund 300 000 Pfund (rund 337 000 Euro) ein Gemälde von Matthias Weischer: "Ich habe es 2003 für nur 3000 Euro gekauft!" Bei Sotheby's in Hongkong sind schon Stücke von zeitgenössischen chinesischen Künstlern aus der Sammlung versteigert worden, darunter ein Werk von Liu Ye für 1,2 Millionen Euro. Wim Beeren hatte es 1998 für nur 9000 Euro beim Amsterdamer Galeristen Rob Malasch erworben: "Es war absolut nicht für den freien Mark bestimmt, sondern für eine Museumskollektion", betont dieser gegenüber art. Gut 20 Prozent Preisnachlass habe er Beeren damals gewährt.
Die nächsten Versteigerungen, so eine Sotheby's-Sprecherin, sollen frühesten im Herbst stattfinden.
Sanders hofft, dass der BATKonzern bis dahin zur Einsicht gekommen ist und einen Teil des Geldes oder einige Werke jenen Instituten zukommen lässt, deren Direktoren sich einst für die Fir mensammlung eingesetzt haben.
Cees Foet, Sprecher von BAT, versteht die ganze Aufregung nicht: Er erinnert an die 500 000 Euro, die der Konzern Zevenaar für die Entwicklung neuer kultureller Aktivitäten zur Verfügung gestellt habe. Vorwürfe, BAT profitiere jetzt vom früheren Verhandlungsgeschick von Museumsdirektoren und Sammlern, nennt er "kindisch":
"Die Kollektion hat uns immer Geld, Zeit und Energie gekostet." Nun passe sie eben nicht mehr in die Kulturpolitik des Konzerns.
Bildunterschrift:
Mehr "Arbeitsfreude" mit Kunst: Turmac-Zigarettenfabrik 1990
Kaufte für BAT:
Martijn Sanders
Sogar ein Gemälde von Meister Piet Mondrian hing 1971 in der Verpackungsabteilung der Tabakfabrik von Zevenaar
