Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 97
Im Paradies des starken August
Von Susanne Altmann
DRESDEN: WUNSCHBILDER - SEHNSUCHT UND WIRKLICHKEIT
Im Semperbau am Zwinger gibt Harald Marx mit einer fulminanten Ausstellung seinen Abschied als Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister. "Man könnt vom Paradies nicht angenehmer träumen" - in goldenen Lettern prangt dieses Zitat eines anonymen Barockliteraten im Zentrum der Ausstellung "Wunschbilder" in Dresden. "Ein Geschenk an die Dresdner" nennt der nach 43 Jahren die Gemäldegalerie Alte Meister verlassende Harald Marx seine Abschiedsschau.
Ihm ist eine funkelnde Präsentation geglückt, die das Dresden des 18.
Jahrhunderts tatsächlich wie ein Paradies der Künste erscheinen lässt.
Nur selten hat man in der Galerie im Semperbau eine derart fulminante Versammlung von Meisterwerken aus aller Welt gesehen - vom regulären Bestand der Institution einmal abgesehen.
Denn nicht zuletzt feiert Marx mit den "Wunschbildern" sein absolutes Spezialthema: die Malerei unter Friedrich August I., genannt August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, und dessen Nachfolgern. Meister wie Louis de Silvestre, Johann Alexander Thiele oder Anton Raphael Mengsstanden in ihren Diensten und huldigten kunstfertig ihren Herrschern und dem kreativen Klima der Stadt.
Monumentale Porträts der Kurfürsten und ihrer Gattinnen empfangen die Besucher im Gobelinsaal des Gebäudes, in der Mitte thront das Modell eines Reiterstandbilds für den prunkverliebten Potentaten August. Normalerweise als Veranstaltungsraum genutzt, wirkt der Saal mit seinen Stuhlreihen stets etwas deplatziert beim Rundgang durch die Galerie. Marx ließ ihn für die aktuelle Ausstellung ausräumen und versah die Wände mit einem blauen Anstrich, auf dem das Gold der Barockrahmen umso stärker leuchtet. Ein Experiment, von dem man sich wünschte, dass es von Dauer wäre.
Auch die dichte, wohl durchdachte Hängung der Gemälde zeigt die Expertenhand - die unterschiedlichen Formate fügen sich zu einem schlüssigen dekorativen System. Zudem ermöglichen historische Querverweise eine spannende Zeitreise in die so genannte "augusteische" Epoche. So zieht auf einer der Leinwände August Junior triumphal als König in Warschau ein, auf einem anderen lässt er sich selbstbewusst in polnischer Tracht abbilden.
Die politischen Ambitionen der Sachsen gingen jedoch noch weiter: Als August der Starke seinen Sohn 1719 mit der Wiener Kaisertochter Maria Josepha verheiratete, wollte er für seine Nachkommen den Thron der Habsburger sichern. Diese Begehrlichkeiten ließ er ebenfalls malerisch zementieren, etwa mit dem Gemälde "Familienzusammenkunft zu Neuhaus" (1737) von Silvestre, auf dem Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen mit seiner Schwiegermutter zusammentrifft.
Zwar blieb den sächsischen Royals die Kaiserwürde letztlich versagt, für Harald Marx jedoch gehören derlei Motive eindeutig zur Kategorie "Wunschbilder".
Dabei sind es auch die Wünsche des Ausstellungsmachers selbst, die hier in Erfüllung gingen: Dank seiner weltweiten Netzwerke schaffte der scheidende Museumsdirektor zusätzlich zu den Werken aus dem Fundus des Hauses 50 Leihgaben aus dem Pariser Louvre, der St. Petersburger Eremitage und anderen Museen herbei, die vom einstigen Glanz der paradiesischen Sachsenresidenz künden. Termin: bis 2. Juni. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 38 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro.
Internet: www.skd-dresden.de
Bildunterschrift:
Blaue Wände verleihen dem augusteischen Zeitalter zusätzlichen Glanz: Blick in den Gobelinsaal mit Reiterstandbild und Fürstenporträts
