Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 74-75
Das Experiment von Cardigan
Von Barbara Hein
Kunst im öffentlichen Raum interessiert keinen mehr? In der walisischen Kleinstadt sorgt eine geplante Installation von Rafael Lozano-Hemmer für eine Art (Klein-)Bürgerkrieg
Aufgeben? Niemals!" Ralph Rea sitzt mit festem Blick und verschränkten Armen in seiner Küche und meint es ernst.
Vor ihm auf dem Holztisch liegen stapelweise Zeitungsausrisse, Fotos, Flyer und Kopien - Kopien von Briefen, die Rea zu Dutzenden geschrieben hat an die offiziellen Stellen in Großbritannien, auch an Seine Königliche Hoheit den Prinzen von Wales. Hinter ihm lehnt ein Plakat an der gelb gestrichenen Wand, auf dem in großen roten Buchstaben steht: "WE DON'T WANT IT!!" Ralph Rea kämpft gegen die Kunst, genauer gesagt die zeitgenössische Kunst, denn alte Kunst wie Steinstatuen oder Landschaftsgemälde lässt er durchgehen - 127 mit Mikrofonen verbundene Bojen, die tagsüber Licht und Worte speichern, die sie nachts sanft und leise wieder abgeben, allerdings nicht. Für ihn ist das "Plastikschrott".
Obwohl er seit Monaten dieselben Sätze sagt, klingen sie nicht abgenutzt. Es ist seine Mission, "Turbulence" zu verhindern, eine Arbeit des kanadisch-mexikanischen Künstlers Rafael Lozano-Hemmer, die im Rahmen des "Big Art Project" im westwalisischen 4000-Seelen-Ort Cardigan installiert werden soll. Cardigan ist eine von sieben Städten, die der britische TV-Sender Channel 4 seit vier Jahren bei der Realisation eines Kunstwerks im öffentlichen Raum begleitet.
"Wir möchten den komplizierten, elitären Prozess der Entstehung eines Kunstwerks für Laien durchdringbar machen", erklärt Produzent Mike Smith. "Deshalb wollten wir verschiedene Projekte von der Anfangsidee über die Finanzierung bis zur Realisierung begleiten. Welche Schwierigkeiten entstehen? Welche Konzepte sind erfolgreich?" Um zu verhindern, dass TV-Kommerz die Qualität der Kunst beeinflusst, wurden sieben Kunst sachverständige in den "Big Art Trust" berufen. Sie wählten aus 1400 Bewerberstädten Cardigan, Burnley, Isle of Mull, Newham, Nord-Belfast, St. Helens und Sheffield aus. "Wir haben mit allem gerechnet", sagt Smith, "aber was in Cardigan passiert, ist wirklich Wahnsinn." Dabei hatte alles so einfach begonnen, als Cardigans Projektmanager für Hafen und Schifffahrt, Jim Evans, im Oktober 2005 die Bewerbungs unterlagen einreichte, um endlich wieder eine Touristenattraktion in den verwunschenen Ort an der rauen walisischen Küste zu holen, der vor Industrialisierung und Schienenverkehr einmal der wichtigste Hafen von Wales gewesen war. Evans, 58, ist ein freundlicher Mann in grüner Wachsjacke, beigen Cordhosen und blauem Wollpullover.
Er ist 16 Jahre als Schiffsingenieur zur See gefahren und liebt nun den festen Grund unter seinen Füßen.
"Ich mag Menschen und Herausforderungen", sagt er lächelnd im Pub. Er organisierte öffentliche Treffen, mobilisierte Leute, ließ abstimmen und erlebte Euphorie und Zuspruch - bis zu dem Tag, an dem Ralph Rea im Herbst 2007 in der lokalen Wochenzeitung "Tivy-Side Advertiser" vom "Big Art Project" las.
Rea kann nicht benennen, was genau seine Wut entfachte, aber sie stieg gewaltig in ihm empor. Fortan postierte er sich bei Wind und Wetter mit Aufstellern und Handzetteln in der High Street von Cardigan und predigte gegen "Big Art". "Es hat mir einfach gereicht", sagt Rea, der bis dato zurückgezogen gelebt hatte. "Ich will nicht, dass dieser Müll aus dem 21.
Jahrhundert den Fluss entweiht." Rea verehrt die Indianerkultur, in seinem Haus gibt es ein Zimmer, das er "spiritual room" nennt. Dort befinden sich neben Traumfängern und Häuptlingsbildern auch Augen der Fatima, Kreuze und Buddhafiguren. "Flüsse sind die Adern der Erde", sagt er.
In dieser Mission wurde Ralph Reaomnipräsent. Er sammelte Unterschriften, bombardierte die Zeitungen mit Leserbriefen, machte sich in Internetforen Luft und agitierte auf den öffentlichen "Big Art"-Treffen - und wurde gehört. Bald musste in wissenschaftlichen Gutachten untersucht werden, ob Lozano-Hemmers Leuchtbojen die laichenden Lachse vertrieben, beim Navigieren der Ruderer störten oder durch die Geräusche die Vögel verschreckten. Ergebnis: "Turbulence" ist in jeder Hinsicht ungefährlich für die Natur. Das Projekt schafft Arbeitsplätze in der Region.
Lozano-Hemmer ist nach verschiedenen großen Einzelausstellungen - unter anderem im Londoner Barbican Center - mittlerweile so bekannt, dass es eine Attraktion für Cardigan wäre, ein Werk von ihm für zehn Jahre zu beherbergen. Ralph Rea lässt sich davon nicht beeindrucken. "Ich misstraue den Menschen. Das ist Politik, und Politik ist korrupt." Im Dezember 2008 schrieb Lozano-Hemmer persönlich einen offenen Brief, in dem er Punkt für Punkt auf Reas Argumente eingeht. Jim Evans sagt: "Scheitern ist keine Option. Es wäre eine persönliche Niederlage für mich, wenn Ralph ,Big Art' verhindern würde." Die "Big Art"-Bilanz sieht ohnehin recht mager aus: Die kleine Isle of Mull bekommt die großen Ideen des dänischen Jungstars Jeppe Hein nicht in den Griff, in Newham ist die Schönheitskur für eine ehemalige Abraumhalde noch immer vage in Planung, in Nord-Belfast scheint die Umgestaltung eines ganzen Parks eine Nummer zu groß, und in Sheffield wurden die zur Kunstwerdung bestimmten Objekte - zwei Kühltürme - vom ignoranten Besitzer, dem E.on-Konzern, ab gerissen. Nur ein Projekt wurde abgeschlossen:
Burnley. Dort haben Teenager Bilder gemalt mit einer Farbe, die nur bei ultraviolettem Licht zu erkennen ist - mit anderen Worten: tagsüber gar nicht. Eine Statue für Kohlekumpel, laut Mike Smith "das Juwel in der ‚Big-Art'-Krone", steht in St. Helens ganz kurz vor der Vollendung.
Die Umsetzung von "Turbulence" wurde schon viele Male verschoben.
Die negative Presse hat Bedenken bei den Hauptgeldgebern, Art Fund und Welsh Assembly, geweckt. Rund 450 000 Pfund werden für Bau und Wartung gebraucht. Schon jetzt ist klar, dass "Turbulence" bei der Ausstrahlung der vier Folgen von "Big Art Project" auf Channel 4 ab dem 10. Mai nicht fertig sein wird. "Ich frage mich, an welchem Punkt wir Rea hätten besänftigen können", sagt Vicki Lewis, Direktorin des "Big Art Trust" nachdenklich am Telefon. Dann lacht sie:
"Aber ist es nicht toll, was für Emotionen Kunst im öffentlichen Raum hervorrufen kann?"
Bildunterschrift:
SCHAUPLATZ:
WALES
Werk des Anstoßes: Rafael Lozano-Hemmers Bojen sollen am Tag Energie und Worte speichern und diese nachts abgeben (Simulation)
Kämpft gegen die Kunst: Ralph Rea, 58
