Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 86-87

Eine neue Sicht auf alte Mythen

Von Stefan Lddemann

Skulpturenprojekt von Jan Hoet zum 2000. Jahrestag der Varusschlacht

BRAMSCHE: COLOSSAL

STEFAN LÜDDEMANN

Haben sich Römer und Germanen kurz nach Christi Geburt überhaupt nur deshalb in die Haare gekriegt, weil ein römischer Legat eine Locke der sittsamen Thusnelda begehrte?

Die Frau des Arminius rächte sich seinerzeit bitter. Nun gibt Rui Chafes dem Liebeshandel hinter dem großen Kampf der Kulturen ein poetisches Nachspiel. Der portugiesische Künstler hängt eine vier Meter hohe Locke aus Stahl in ein Waldstück irgendwo bei Osnabrück. Die Arbeit ist Teil von "Colossal", einem Skulpturenprojekt zum Jubiläum der Varusschlacht, bei der römische Legionen im Jahr 9 nach Christus den von Arminius geführten Germanen katastrophal unterlagen.

Jan Hoet, der 1992 die Documenta 9 in Kassel verantwortet hat, versammelt 19 internationale Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen Katinka Bock, Pedro Cabrita Reis, Wim Delvoye, Andreas Slominski und Susanne Tunn, zu einem künstlerischen Kommentar auf das von Mythen überrankte historische Geschehen. "Wir wollen neue Sichtweisen anbieten und nationale Legendenbildungen mit Ironie und Humor unterlaufen", erläutert Hoet, der bis Ende 2008 das von Frank O. Gehry in Herford errichtete Museum Marta geleitet hatte. Für das "Colossal"-Projekt hat er Standorte in dem Landstrich nördlich von Osnabrück bestimmt, der wahrscheinlich Schauplatz der Schlacht gewesen ist.

Die Ausstellung verteilt sich auf Bad Essen, Belm, Bohmte, Bramsche, Osnabrück, Ostercappeln und Wallenhorst. Rund 500 000 Euro kostet die vor allem von der Bundeskulturstiftung unterstützte Schau.

Die Beiträge nehmen sich ebenso nachdenklich wie ironisch aus. Während Andreas Slominski drei alte VW-Golf auf einen Acker stellt und ihre Scheinwerfer bei Dunkelheit in das Gelände leuchten lässt, positioniert Slava Nakovska eine Helmskulptur wie ein archäologisches Fundstück unter einer Trauerweide. Pedro Cabrita Reis stellt zwei hölzerne Türme wie Überreste einer versunkenen Festungsanlage ins Niemandsland. Drei Jahre lang sollen diese und weitere Arbeiten in der Landschaft bleiben.

Noch werkeln die Künstler, aber das "Colossal"-Projekt hat schon seinen ersten Aufreger. Der als Standort ebenfalls ein geplanten Stadt Osnabrück war eine Plastik des Bildhauers Wilfried Hagebölling zu brisant. Der Nachbau einer Zelle aus dem Bagdader Abu-Ghraib-Gefängnis der US-Armee sollte in der Altstadt aufgestellt wer den, ein Ratsausschuss lehnte ab. Jetzt wird nach einem alternativen Standort für die Arbeit des Bildhauers gesucht, die schon 2004 in Paderborn für Kontroversen sorgte. Nicht nur ein Lockenraub kann zur brandgefährlichen Angelegenheit werden. STEFAN LÜDDEMANN Termin: Eröffnung am 25. April.

Katalog: 18 Euro. Internet: www.colossal.de.com, www.kalkriese-varusschlacht.de

Bildunterschrift:

Simulation von "Enemies", einer Arbeit von Pedro

Cabrita Reis. Rechts: Maske eines römischen Gesichtshelms, vor 9 nach Christus