Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 70-73
Clown der Extreme
Von Merten Worthmann
Ein Designer im Wunderland: Der Spanier Jaime Hayón beschwört in barocken Objekten lieber das Spielzeug seiner Kindheit, als sich um die Funktion zu kü
Das Restaurant "La Terraza del Casino" des Madrider Casinos ist ein Lokal, das auf Etikette achtet. Herren dürfen den Speisesaal nicht ohne Krawatte betreten. Für Notfälle hält der Portier des Hauses eine Auswahl an Leihschlipsen bereit. Ohne Zweifel bietet das "La Terraza del Casino" einen besonders edlen Rahmen - und doch passt die strenge Krawattenregel nicht zum Ambiente des Restaurants. Denn die Dekoration erlaubt sich kleine Ausfälle, Scherze und Grimassen gegen die klassische Konvention. Da gibt es seltsam überdimensionierte Säulen aus unregelmäßigen konischen Formen, Pferdeköpfe aus Porzellan, denen Blumen aus der Stirn sprießen, eine lackierte Clownsskulptur, die sich narzisstisch im Spiegel betrachtet, und nicht zuletzt eine Bestuhlung, die sechs verschiedene, jeweils anders geformte und gepolsterte Modelle wild miteinander mischt. Der Gesamteindruck bleibt gehobene Eleganz, doch dahinter steckt ein Geist, der mit klassischen Mustern lieber jongliert, als sie nur nachzuahmen.
In wenigen Stunden wird er das erneut beweisen: Jaime Hayón ist für einen Tag nach Madrid gekommen, in seine Heimatstadt, um dort die "Fantasy Collection" vorzustellen, eine Reihe von Porzellanfiguren, die er für die berühmte Manufaktur Lladró aus Valencia entworfen hat. Zum entspannten Gespräch vorab bittet der spanische Designer mit Wohnsitz London allerdings nicht in sein Schmuckstück "La Terraza", sondern in ein altgedient- gediegenes Café, das er vom Elternhaus zu Fuß erreichen kann. Nach dem Mittagessen bei Mama kommt er herübergeschlendert, in Jeans und Strickjäckchen, mit aufgeworfenem Haar und schmalem Bart. "Bei meinen Eltern gab es ein kleines Fenster zur Straße hinaus. Davor saß ich als Kind oft lange und beobachtete, wie sich draußen die Dinge veränderten. Das war die Basis für meine Persönlichkeit.
Wer etwas kreieren will, muss erst mal gut beobachten können. Nur so bildet sich das dritte Auge, diese leicht verdrehte Sicht auf die Welt, die alle Kreativen haben." Jaime Hayón, 34, ist durchaus überzeugt von seiner schöpferischen Energie. Aber er kann auch noch darüber staunen - über die glücklichen Zufälle der letzten zehn Jahre, über die Art und Weise, in der Träumereien zu Einfällen und diese zu Objekten oder Installationen geworden sind, über seinen Erfolg und seine Auftraggeber, die von der französischen Glas- und Schmuckfirma Baccarat bis zur spanischen Schuhmarke Camper und vom italienischen Mosaikhersteller Bisazza bis zu Scheich Majed Al-Sabah aus Kuwait reichen, für den er ein Einkaufszentrum in Dubai gestaltet.
Als Teenager war Hayón mit dem Skateboard unterwegs und in der Graffitiszene aktiv. Nach dem Designstudium arbeitete er für Benettons Forschungszentrum Fabrica in Tre vi so, unter der Leitung des früheren Provokationswerbefotografen Oliviero Toscani. Eine von Toscanis Aussagen zitiert er noch heute: "Die Kreativität muss dir Angst machen." Hayón hörte in sich hinein und begann irgendwann, neben seinem gut bezahlten Brotjob als Leiter des Fabrica-Designteams in einer eigenen Werkstatt zu experimentieren. Als der Londoner Galerist David Gill ihm 2003 eine erste Ausstellung anbot, hatte er bereits gekündigt.
Die Schau mit dem verführerischen Titel "Mediterranean Digital Baroque" wurde zu einem Überraschungshit, auch deshalb, weil Hayón sich zwischen zwei Stühle setzte: Ob die riesigen knallbunten "Kakteen" aus Keramik, die halbe Armee greinender "Love-Invader"-Puppen und die tropfenförmigen "Supersonic Pigs" mit lederner Sitzfläche nun als Design- oder als Kunstobjekte gelten sollten, ließ sich schwer entscheiden. Und zwei riesige Wandmalereien, auf denen groteske Gestalten vor sich hin wucherten wie in einem Mix aus Picasso, Keith Haring und Comic Art, machten den Fall nicht leichter.
"In meinen Ausstellungen versuche ich immer, funktionale und nichtfunktionale Objekte zusammenzubringen", sagt Hayón. Die Grenzen zwischen Kunst und Design verwischt er dabei ganz bewusst. "Erst wenn man künstliche Barrieren hinter sich lässt, lebt man in der Jetztzeit. Die hybride Welt von heute erlaubt jede Menge aufregender Fusionen und Kreuzungen." Hayón hält nur wenig von Purismus, Minimalismus und Bescheidung.
Ihm gelingt zwar auch mal ein schönes, schlichtes Stück wie die Funghi- Leuchte für Metalarte oder der Herrenhalbschuh für Camper, aber die meisten seiner Arbeiten haben entweder ein schrilles, ein unförmiges oder ein befremdendes Element, und dieser Charakter schlägt sich sogar im Gespräch nieder, weil Hayón seinen spanischen Redefluss regelmäßig mit englischen Vokabeln wie heavy, hardcore oder freaky spickt. Da hört man noch den ehemaligen Skater heraus, der die Zusammenarbeit mit Luxusfirmen wie Swarovski oder Piper- Heidsieck womöglich als Kick erlebt.
"Letztlich bin ich ein Kind geblieben", sagt er zwischendurch, "eines, das alles durcheinander bringt, für Chaos sorgt und dabei immer etwas lernt." Dinge aus der kindlichen Fantasiewelt tauchen bei Hayón bis heute auf. Stilisierte Maus- und Hasenohren finden sich an Vasen oder Karaffen wieder, Clownsnasen an Lampen. "Mein Zirkus" hieß eine von Hayóns frühen Überblicksschauen, und für die große Bisazza-Präsentation "Pixel-Ballet" auf der Mailänder Möbelmesse 2007 schuf er neben der eigentlichen Kollektion auch eine gigantische, gesichtslose Pinocchio- Puppe. Nicht nur hier bekommt der Rückgriff aufs Figurenarsenal der Kindheit etwas leicht Gespenstisches.
Auch das "Green Chicken", eine grasgrüne Schaukelpferd-Variante auf Hühnerbasis, wirkt eher unheimlich als niedlich, und sogar manche bauchige Vase, offenbar mit Schnabel, Helm oder Antennen ausgestattet, scheint ein unberechenbares Eigenleben zu besitzen.
Dabei ist das Spiel mit vertrauten menschlichen Formen nur eine von Hayóns Verfremdungstechniken; die Massierung ist eine weitere. Unter seinen Schränken und Tischen versammeln sich mitunter mehr als ein Dutzend grundverschiedener Beine. Sein "Showtime"-Spiegel ist eine Collage von acht Spiegelformen. Seine "Josephine Queen" drängt 18 "Josephine"- Leuchten mit Schirm zu einem Kronleuchter zusammen, der fast schon wie die Karikatur eines aufgetakelten Modells aussieht. Hayón mag den Exzess.
Im Grunde macht der die barocke Ader aus, die man dem Designer so häufig nachsagt. Nur auf den ersten Blick folgt er damit bloß dem Spaß an der großen Geste. Vor allem verbirgt sich im Hang zum Zuviel eine fortgesetzte Hommage an die sprudelnde Kreativität. Eine erste "Übersetzung" dieser Triebkraft findet man in Hayóns vollgeschnörkelten Skizzenheften, eine zweite Version an den Wänden seiner Ausstellungen, die er nach wie vor mit monumental ausufernden Wimmelgrafiken überzieht, scheinbar inspiriert von der surrealistischen Écriture automatique - dem automatischen Schreiben.
Und schließlich ist auch Hayóns bisheriges Werk eine Art fröhliche Feier der blühenden Fantasie und ihrer Obsessionen. Denn mit sympathischer Penetranz schleust er seine Lieblingsmotive immer wieder aufs Neue in die eigenen Arbeiten ein. Die Hasenohren früherer Vasen stecken nun, mehrfach mutiert, an Schmuckgläsern für Baccarat. Das alte Kakteenmodell erlebt in Stapelelementen für Moooi seine jüngste Metamorphose.
Und in der "Fantasy-Collection" für Lladró findet sich gleich ein ganzer Strauß bekannter Hayón-Elemente.
Am wunderlichsten kommen einige davon in "The Family Portrait" zusammen, einer trauten häuslichen Szene mit Mama, Papa, Kind und Puppe. Auf dem Beistelltischchen thront die "Josephine"- Leuchte, der junge Vater trägt Hayóns Camper-Modell in Grün, das Kind auf Mamas Schoß steckt in einem Mauskostüm, dessen Ohren man von manchen Vasen kennt, und weist auf ein Maus-Toy, das Hayón einmal für den japanischen Markt entworfen hat. Eine bizarre Melange aus Kitsch, Selbst-Hommage und zartem Horror.
Zur Präsentation der "Fantasy-Collection" im exklusiven Lladró-Shop auf einer von Madrids edelsten Einkaufsstraßen herrscht leichte Konsternation unter den treuesten Kunden, in der Mehrzahl reife Damen. Jaime Hayón, der inzwischen die selbst designten Camper-Schuhe in Gelb angezogen hat, lobt Lladrós Kunsthandwerker, preist die Tradition und hofft zugleich auf eine neue, modernere Sammlergeneration. Eine Frau, etwas ratlos, fragt den freundlichen Künstler, was denn bitte die "spanische Essenz" seines Werks sei.
Hayón weicht der Frage mit einer Volte aus, die den erfahrenen Skater zu verraten scheint: "Dass ich Spanier bin." Literatur: Jaime Hayon Works, Die Gestalten Verlag 2008, englisch, 69,90 Euro.
Internet: www.hayonstudio.com
Bildunterschrift:
Mickymaus? Pinocchio?
Jaime Hayón, fotografiert von Nienke Klunder
Das Restaurant "La Terraza del Casino" in Madrid
Präsentation der französischen Schmuck- und Glasfirma Baccarat
"Green Chicken", bewegt sich wie ein Schaukelpferd
Installation für die Mosaikfirma Bisazza auf der Mailänder Möbelmesse
Fantasiepflanzen auf der Designschau der Art Basel Miami Beach 2006
Leichte, leuchtende Herrenschuhe für Camper
"The Family Portrait" mit Miniatur- Hayón-Objekten
