Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 18-26

Auf den Kopf gestellt

Von Birgit Sonna

Skulptur ist weiblich: Auffallend viele Frauen machen Kunst in der dritten Dimension. Zu Besuch bei fünf jungen Bildhauerinnen, die dem schwergewichtigen Medium neuen Schwung verleihen

Zwei Jahre ist es her, dass die Skulptur plötzlich zum angeblich neuen heißen Ding der Kunstwelt ausgerufen wurde. "Nach Video und Fotografie gab es eine Leerstelle, eine Sehnsuchtsposition.

Keiner wusste, wie die zu füllen ist, bis plötzlich die Malerei wieder da war. Jetzt kommt die Skulptur, das ist ganz klar!", annoncierte damals der Berliner Galerist Gerd Harry Lybke in der ihm eigenen Forschheit.

Der Termin für eine derartige Kampagne war 2007 anlässlich der nur alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur- Projekte in Münster marktstrategisch gut gewählt. Seltsamerweise hörte man danach nicht mehr allzu viel von dem angeblichen Hype um die Skulptur. Das, obwohl gerade in Berlin seit geraumer Zeit eine junge Generation von Bildhauern am Zug ist, die bis dahin unbekannte Facetten des Skulpturalen aufschlüsseln und dem traditionellen, naturgemäß schwer gewichtigen Medium eine nie gesehene Dynamik verleihen.

Und es sind gegenwärtig vor allem Künstlerinnen, die sich durch eine unorthodoxe plastische Sprache von der nach wie vor günstigen Szenestartbahn Berlin aus wie im Flug internationales Renommee verschaffen. Stilistisch könnten die Positionen nicht unterschiedlicher sein: von figürlich bis minimalistisch, von modernistisch bis volkskundlich angehaucht. Doch allen Künstlerinnen gemeinsam ist eine starke konzeptuelle Rückkoppelung an gesellschaftliche oder kulturhistorische Modelle. Dabei bleibt der Übergang zur Installationskunst immer fließend.

Bei Katja Strunz erobert die Plastik die Wände, als ob sie augenblicklich aus dem Gravitationszentrum der Erde geschleudert worden sei. Und in Kitty Kraus' Tinteneisblöcken geht sie mit der Zeit in andere Aggregatzustände über, um sich als Rinnsal in einer geradezu mystischen Hochzeit mit dem Raum zu vereinen - der Körper im Zeichen seiner Selbstauflösung.

Bei Gitte Schäfer erfahren vergessene Requisiten aus dem Kunstgewerbe eine frappierende Umwertung, ragen etwa aufeinandergetürmt zu Stelen gleich Totems des kollektiven Gedächtnisses auf. Und Michaela Meise setzt ähnlich wie Katja Strunz bei Erinnerungen an die Moderne an, ohne jedoch die geometrischen Bausteine in unzählige Bruchstücke zu zersplittern.

Ihr "angewandter Minimalismus" steckt aus skulpturalem Mobiliar Versuchsanordnungen ab, die entfernt an Bewegungsstudien der zwanziger Jahre erinnern. Selbst die tonnenschweren Bronze-"Berserker" von Stella Hamberg wirken wie vom Himmel gestürzte Meteoriten. In einer Ära der gesellschaftlichen Umstrukturierung stellen Künstlerinnen das vertraute Terrain der Skulptur nach einem neuen verführerischen Code auf den Kopf.

Das Sympathische an diesen in den siebziger Jahren geborenen Bildhauerinnen: Es werden weder lautstarke feministische Parolen ausgegeben noch kommt das gerne mit Frauenkunst verknüpfte weiche, weil so bequem zu handhabende textile Material zum Einsatz. Mit Plüschstoffen etwa torpedierte die Starkünstlerin Sylvie Fleury ironisch vor zehn Jahren das ursprünglich allein von Männern gesteuerte System der Minimal Art.

Nein, wenn man es nicht besser wüsste, dann ließen sich die meisten der hier vorgestellten skulpturalen Produktionen auch ohne Weiteres dem anderen Geschlecht in die Schuhe schieben.

Künstlerinnen stemmen das plastische Material, egal, welcher Größe, und lassen es, wie etwa Katja Strunz, in speziellen Werkstätten bearbeiten.

Die Künstlerin dazu: "Ich wusste von Anfang an, dass ich aus dem Material heraus arbeiten und nicht eine konzeptionelle Kunst herstellen will, die vielleicht über das Papier oder den Film spricht." Sie hat ebenso wie die 2008 von vielen Kritikern als Entdeckung des Jahres gekürte Kitty Kraus nicht umsonst vor der Akademie eine Weile Philosophie studiert.

Stella Hamberg wiederum zuckt nur die Schultern: "Für mich ist das keine Geschlechterfrage. Ich wüsste nicht, warum ich keine monumentalen Bronzeskulpturen machen sollte.

Es ist ein Material für die Ewigkeit", sagt die Künstlerin. "Das ist für mich eigentlich keine Herausforderung, sondern das reine Glück auf Erden." Nur Kitty Kraus, im echten Leben genauso schwer fassbar wie ihre oft mit Glasplatten ausbalancierten fragilen Konstrukte, sagt: "Ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, Sachen zu fabrizieren, die schwer, unverrückbar und sperrig sind." Tatsächlich glänzen ihre leuchtenden und schmelzenden Skulpturen oft durch die Abwesenheit von festen Körpern.

Zugegeben, die Skulptur gerade in diesen hybriden Spielarten bleibt ein trotziges Gebilde. Alle genannten Künstlerinnen bewegen sich auch auf Seitenwegen, stellen etwa wie Michaela Meise auf fotografische oder Gitte Schäfer auf malerische Weise parallel Bildtafeln her. Tobias Rehberger, der als Professor an der Frankfurter Städelschule für Skulptur zuständig ist, findet den Spartenwechsel heute ganz normal und auch richtig:

"Ich nehme selbstverständlich auch Studenten, die malen oder Videos machen wollen, in meiner Klasse auf.

Die frühere Einteilung in Medien war auf handwerkliche Techniken abgestellt.

Persönlich bezeichne ich mich noch als Bildhauer. Das ist zwar ein alter und irgendwie störender Begriff, aber immer noch am treffendsten. ‚Skulpteur' wäre vielleicht noch eine Möglichkeit. Aber wie hört sich das denn an? Das klingt mir zu homoerotisch." Stella Hamberg hat bei Martin Honert an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste "Dreidimensionales Gestalten" studiert. Eine Bezeichnung, die in ihrer Manieriertheit auch in Honerts Ohren nicht wirklich Abhilfe aus dem Dilemma schafft. "Schon in meiner Studienzeit haben Bildhauerinnen übrigens sehr selbstbewusst und großformatig gearbeitet", sagt Honert. "Heute sind in meiner Klasse sogar durchschnittlich 60 bis 70 Prozent Frauen. Die besten von ihnen besitzen etwas von dem, was Stella Hamberg in starkem Maße auszeichnet:

Durchsetzungsvermögen und eine fast unheimliche Energie." Gitte Schäfer Galeriekontakt: Galerie Mehdi Chouakri, Berlin, www.mehdi-chouakri.com Katja Strunz Galeriekontakt: Galerie Contemporary Fine Arts, Berlin, www.cfa-berlin.com Stella Hamberg Galeriekontakt: Galerie Eigen+Art, Berlin/Leipzig, www.eigen-art.com Ausstellung: Galerie Eigen+Art, Berlin, 16. Mai bis 4. Juli.

Kitty Kraus Galeriekontakt: Galerie Neu, Berlin, www.galerieneu.com Ausstellung: Kitty Kraus, Guggenheim Museum, New York, Herbst 2009.

Michaela Meise Galeriekontakt: Galerie Johann König, Berlin, www.johannkoenig.de Ausstellung: Michaela Meise, Greene Naftali Gallery, New York, ab 4. Juni

GREGOR HOHENBERG (PORTRÄTFOTOS)

GITTE SCHÄFER (*1972) stöbert die mysteriösen Objekte, mit denen sie ihre Stelen bestückt, auf dem Flohmarkt auf: klobige Vasen aus Birkenholz etwa oder sonstige Kuriositäten des Kunstgewerbes im letzten Jahrhundert. 2005 fiel auf dem Berliner Art Forum ein Messestand auf, der dicht mit Schäfers totempfahlgleichen Säulen ausstaffiert war.

Mittlerweile sind die Stelen zu Schäfers Markenzeichen geworden. Inzwischen sucht die Künstlerin, die an der Kunsthochschule Weißensee bei Katharina Grosse studiert hat, ihre skulpturalen Anleihen in anderen historischen Quellen. Bei alten Gartenanlagen etwa.

So legte sie unlängst aus Bruchsteinen und Himalayasalzen einen riesigen ornamentalen Teppich aus. "Ich bin überhaupt nicht nostalgisch. Mir geht es darum, dass wir uns fragen, woher die Dinge kommen und ob wir sie nicht vorschnell kategorisieren", erklärt Schäfer.

KATJA STRUNZ (*1970) lässt scharfe, gefaltete Stahldreiecke wie Fledermäuse auffliegen oder schleudert ihre schwarzen Kuben die Wände hoch. "Einbruchstellen" hieß ihre bislang imposanteste Ausstellung 2008 in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts.

"Als ich studiert habe, stand der Minimalismus ganz oben auf der Werteskala. Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Und so bin ich eher wieder in die europäische Abstraktion, in Richtung Konstruktivismus gegangen - was zu der Zeit fast verpönt war." Strunz hat an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe bei Luc Tuymans und Meuser studiert.

Sie möchte mit ihren Arbeiten das "Zeit-Raum-Kontinuum" durchbrechen. Tat sächlich rufen sie Erinnerungen an El Lissitzkys legendären "Proun-Raum" (1923) wach, zugleich haben ihre wie herumschwirrenden Körper einen futuristischen Touch.

STELLA HAMBERG (*1975) hat ihre ultimative Zauberformel an die Atelierwand gebannt: "1+1 =1". Entliehen ist die paradoxe Berechnung von dem russischen Filmemacher Andrej Tarkowskij. "Man sollte die Welt als Einheit begreifen und sich selbst als Teilchenbeschleuniger oder Botenstoff." So verhilft Hamberg wie aus einem inneren Drang ihren monströsen Bronze-"Berserkern" zu plastischer Existenz. In Ton knetet sie die 2,50 Meter großen Modelle expressiv und mit deutlichen Fingerspuren für die Gießerei. Nur Gesichter und Hände sind nuanciert. Hamberg durchforstet Zeitschriften nach drastischer Mimik und wird etwa bei Leonardo DiCaprio fündig. Ihre "Gefährten" wiederum sind in der giftig schillernden Farbpalette des spätgotischen Malers Matthias Grünewald patiniert.

Lange hat sich niemand mehr so beherzt an das konservative Material Bronze gewagt.

KITTY KRAUS (*1976) spürt Wahrnehmungsphänomenen nach. Ihre prozesshaften Arbeiten glänzen durch die Abwesenheit von festen Körpern. So baut sie kubische Lampen aus Eis und Spiegeln, die jeweils eine Glühbirne bergen. Während die gefrorene und oft tintengefärbte Variante am Ende nichts als eine traurige Pfütze samt Birne hinterlässt, strahlen die aus Spiegelscheiben arrangierten Leuchtkuben ihre vielfach gebrochenen Reflexionen durch die Fugen geheimnisvoll nach außen ab. Bereits im Studium bei Lothar Baumgarten an der UdK in Berlin fiel Kraus durch kluge, aber selten umgesetzte Projektideen auf. "Ich bin heute nicht mehr ganz so materialfeindlich", findet Kraus. "Meine Kunst hat sehr viel mit dem Körper zu tun." Neben der plastischen Arbeit verfasst sie auch aufklärerische Texte - etwa über die Hinrichtungsform der Guillotine.

MICHAELA MEISE (*1976) baut minimalistische Skulpturen so, als müsste sie ein neues Mobiliar nach tänzerischen Gesichtspunkten erfinden. Jedes Loch ist eigenhändig gebohrt und die Balance der ineinander gesteckten Spanplattenteile am Ende oft überraschend.

Meise, die an der Frankfurter Städelschule bei Ayse Erkmen studierte, hat sich stark mit dem Ausdruckstanz als Phänomen der Moderne beschäftigt. Ihre Versuchsanordnungen im Raum haben immer eine gewisse Eleganz. Andererseits zeigen sie deutliche Spuren der handwerklichen Bearbeitung, kleine Fehlstellen oder Unregelmäßigkeiten. 2005/06 erhielt Meise den Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.

Bildunterschrift:

Schäfer-Werke "Lanzelot und Sanderein" (2009, 185 x 150 x 60 cm) und "Alon" (2007, 158 cm)

Totems für das kollektive Gedächtnis:

Gitte Schäfer mit ihrer Skulptur "Zampi" (2008)

"Einbruchstellen": Strunz-Werke aus Stahl, Lack und Holz 2008 in der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin

Erinnerungen an die Moderne: Katja Strunz in ihrem Atelier vor der Arbeit "Maquette für Raumfalte" von 2008

Stella Hamberg im Garten des Berliner Sammlers Jens Greve, vor ihrer Bronzeskulptur "Berserker II" (2007, 245 x 260 x 130 cm)

Stella Hambergs tonnenschwere Bronze-"Berserker" wirken wie vom Himmel gestürzte Meteoriten

Eine von Hambergs "Gefährten"-Skulpturen (2008, 114 x 90 x 96 cm)

Bronzeskulptur "Berserker I" (2007, 244 x 150 x 100 cm)

Mit lautem Feminismus und weichen Materialien haben die Bildhauerinnen nichts im Sinn

Installation mit von innen beleuchteten Spiegelkuben von Kitty Kraus, der "blauorange"-Kunstpreisträgerin 2008, in Berlin

"Kein Bedürfnis, schwere Sachen zu fabrizieren": Kitty Kraus in ihrem Berliner Atelier vor einer Glasarbeit ohne Titel (2009, 200 x 50 x 30 cm)

In den Bildhauerklassen der Kunsthochschulen sind inzwischen bis zu 70 Prozent Frauen

Runde Boxen ohne Titel (2001/02) aus Pappe

Michaela Meise im Atelier, im Hintergrund ihre Skulptur "Fenster" (2004)