Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 68-69
Eine Sekunde ohne Kontinuum
Von Nora Bossong
Die Schriftstellerin ist fasziniert von den Arbeiten der Amerikanerin Cindy Sherman. Am meisten beeindrucken sie die "Film Stills" der Künstlerin
Blickwechsel Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt SERIE (7)
Als ich zum ersten Mal durch New York lief, erkannte ich die Straßen wieder. Sie waren mir vertraut seit meiner frühesten Kindheit, seit ich zum allerersten Mal fernsehen durfte und einen großen gelben Vogel und ein grünes Ding, das in einer Mülltonne saß - Bewohner der "Sesame Street" -, verwundert betrachtete. Sie waren an meiner Seite geblieben, begleitet von den Geschichten im Hause Huxtable, der "Ghostbusters" und vieler anderer. Ich sah Feuerleitern die Hauswände bewuchern und begriff, dass es für mich immer Hauswände mit Feuerleitern gegeben hatte.
Als ich zum ersten Mal Cindy Shermans "Untitled Film Stills" sah, erkannte ich sie ebenfalls wieder. Schwarzweiße Frauengestalten, eingefroren mitten in einer Handlung.
Reminiszenzen an Filme der fünfziger und sechziger Jahre.
Reine, ins kollektive Gedächtnis eingegangene Fiktionsausschnitte.
Weil es mir eindeutig schien, dass es ein Äquivalent in der Film- oder Fernsehgeschichte geben musste, suchte ich nach den Vorbildern: eine Szene aus "Rear Window", ein frühes Pin-up-Porträt eines amerikanischen Starlets. Aber ich fand diese Vorlagen nicht. Ich stieß statt dessen auf einen Bruch, eine Abweichung von dem, was ich in der Filmfiktion fand. Immer wieder wich das Sherman- Bild mir aus, wenn ich es greifen, neben eine frühe Fotografie der Monroe legen, in einen Hitchcock-Film ein bauen wollte. Die Bilder entzogen sich mir, je mehr ich mich ihnen näherte. Mit jedem Schritt, den ich auf die Frauengestalt zuging, zerfiel ihre Identität. Je plastischer ich mir ihr Gesicht machen wollte, desto mehr löste es sich in der Körnigkeit der Fotografie auf.
Von allen Bildern, die ich von Cindy Sherman kenne, sind mir die "Untitled Film Stills" die liebsten geblieben.
Sie haben etwas Klassisches, Mysteriöses und Verletzliches (oder Verletzendes?), diese Szenen, diese Frauen, diese angerissenen, narrativen Handlungen, die es nicht gibt. Weil es über diese Fotoinszenierungen hinaus keine Handlung gibt, weil es, um es kurz zu machen, eben kein Bild aus einem Film ist.
, denke ich auf meinem Rückweg von der Galerie Metro Pictures, wo ich mir Shermans neueste Ausstellung angesehen habe. Es ist spät, der Regen, der während der Dämmerung fiel, ist zu Pfützen zusammengeflossen. Die Luft hat sich mit der kalten Feuchtigkeit vollgesogen, auch die Hauswände strömen sie aus, in den kleinen Straßen sickert sie sogar aus den Laternenflecken.
Die nächste Straße ist kaum erleuchtet. Diese Klammheit überall, ich schlage den Mantelkragen hoch.
Meine Tasche schlägt mir gegen die Hüfte, der Reißverschluss ist offen, ich kann jetzt nicht auf sie Acht geben, auf was, um Himmel willen, soll ich denn noch alles Acht geben, es reicht mir, wenn ich mich heil durch diese Straße bringe, das wäre schon etwas, ich würde nicht darauf wetten. Wetten ist immer eine schlechte Idee. Vor allem, wenn man allein ist. Und ich bin allein. Das bin ich doch?
Ich war zumindest bis eben noch überzeugt davon. Jetzt die se Idee, ich könne nicht allein sein. Da könnte noch jemand anderes sein - also bitte, wer? Und wo? Aber schlagen die Absätze denn im Takt meiner Schritte?
Links von mir erstreckt sich der Washington Square, eine dunkle, unbestimmte Fläche. Wäre es Dezember, könnte ich dort vorne einen erleuchteten Weihnachtsbaum unter einem Triumphbogenimitat sehen. Dann wäre wenigstens etwas erleuchtet. Es ist aber nicht Dezember. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das der Washington Square ist.
Ob dies alles New York ist. Ob die Stadt nicht um mich herum aufgehört hat. Weggebrochen ist in der Dunkelheit.
Auf was kann ich mich hier noch verlassen?
Vielleicht darauf: eine junge Frau, allein in einer dunklen Straße. Ich sehe ihr Gesicht, ihr blondes Marilyn-Haar aus dem Dunkel heraus leuchten. Mehr als ihr Ausdruck ist es ihre Haltung, das Hochschlagen des Kragens, die angezogenen Schultern, die den Eindruck einer Bedrohung vermitteln. Um sie herum die Dunkelheit der Straße, nur durch kleine Laternenflecken durchschossen. Sie weicht vor der dunkleren Seite des Bildes zurück.
Eine Figur auf der Flucht. Was sie bedroht, könnte sich dort im Dunkeln verbergen. Doch was ist es, eine andere Person oder ihre eigene Angst - es könnte der Schrecken sein, der sie ergreift, weil rechts von ihr nichts mehr ist, keine Häuserzeile, kein Park, nur schwarze Fläche. Der Horror, wenn die Stadt aufhört. Und je größer die Stadt ist, die verschwindet, desto gefangener bleibt die Figur in ihrer Autarkie. Die Isoliertheit eines "Film Stills" ohne Film. Ist es das? Was sie flieht, könnte jenseits der Dunkelheit, jenseits der Ränder der Aufnahme liegen. Es könnte ebenso gut gar nicht vorhanden sein, nirgends, weder hier noch dort. Die Szene wird nicht fortgesetzt, die Angst nicht eingelöst durch das Eintreten von irgendwas. Es gibt hier kein Kontinuum. Keine Sekunde, die auf diesen Moment folgt. Ich oder sie oder wer zerfällt in der Körnigkeit der Aufnahme. Wird zurechtgerückt von den Wasserflecken auf dem Objektiv.
Kasten:
wurde 1982 in Bremen geboren. Sie lebt heute in Berlin, wo sie auch Kulturwissenschaften und Philosophie an der Humboldt-Universität studiert hat. Für das Manuskript zu ihrem ersten Roman "Gegend" (2006) erhielt sie das Leipziger Literaturstipendium und das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung. 2007 erschien ihr Gedichtband "Reglose Jagd" (zu Klampen Verlag), im gleichen Jahr bekam sie das Berliner Senatsstipendium. Die Frankfurter Verlagsanstalt brachte im Frühjahr auch Bossongs zweiten Roman "Webers Protokoll" heraus. Den Text zu Cindy Shermans "Film Still # 54" schrieb die Autorin nach ihrem New-York-Aufenthalt als Stipendiatin im Deutschen Haus (2008/09).
Bildunterschrift:
Cindy Sherman: "Untitled Film Still # 54" (Schwarzweißfotografie, 1980, 20 x 25 cm)
"Die Bilder entzogen sich mir, je mehr ich mich ihnen näherte. Mit jedem Schritt, den ich auf die Frauengestalt zuging, zerfiel ihre Identität"
IM NÄCHSTEN HEFT: Arno Geiger über Eugène Delacroix' Selbstbildnis (um 1830)
