Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 36-43
Gestohlene Augenblicke
Von Barbara Hein
Wenn sich die Nacht über Tokio senkt, zieht es Daido Moriyama mit seiner Kamera in die Abgründe der Großstadt. Sein in Deutschland bisher kaum bekanntes Werk dokumentiert in eindrucksvollen Bildern die Öffnung Japans gen Westen - seit über 40 Jahren
Dieses seltsame Verlangen hatte Daido Moriyama schon immer gespürt. Bereits Ende der vierziger Jahre, als Kind von gerade mal zehn Jahren, hatte es ihn hinausgezogen in die Straßen von Urawa, einer kleinen Stadt vor den Toren Tokios. Er liebte es, sich ziellos durch die Gassen treiben zu lassen, vorbei an den Panzern der amerikanischen Sieger, den Menschen und den Märkten. Das alltägliche Treiben im Labyrinth der Stadt faszinierte ihn. Oft lief er stundenlang, vergaß die Zeit, die Schule und die Sorge der Eltern, die sicher waren, dass aus ihrem verträumten, vagabundierenden Sohn, dessen Zwillingsbruder im Alter von zwei Jahren gestorben war, nie etwas werden würde.
"Eigentlich habe ich mein Leben lang nichts anderes gemacht, als herumzustreunen", sagt Moriyama heute beim Gespräch hoch oben in einem Tokioter Luxushotel, wo die Hauptstadt ihm buchstäblich zu Füßen liegt.
Er sieht jünger aus als 70 Jahre, sein Haar ist voll und schwarz, er trägt Jeans zum perfekt sitzenden Jackett, darunter einen schwarz-weiß gestreiften Pullover.
Er sitzt aufrecht in einem Samtsessel und spricht so leise, dass auch die Simultanübersetzerin ihre Stimme dämpft: "Der einzige Unterschied zum Umherstreunen als Kind ist, dass ich irgendwann eine Kamera mitnahm.
Aber mein Blick, meine Faszination am Leben, am Zufall, an der Stadt ist dieselbe geblieben." Längst zählt Moriyama, der seit 1961 in Tokio lebt, zu den bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen Japans, rangiert auf einer Ebene mit den in Europa und den USA bekannteren Kollegen Hiroshi Sugimoto oder Nobuyoshi Araki. Mit letzterem ist er seit Jahrzehnten befreundet, gelegentlich haben sie auch zusammen gearbeitet.
Dabei ist Moriyama ein Einzelgänger.
Er vergleicht sich selbst gern mit dem struppigen, herrenlosen Hund auf seinem wohl bekanntesten Bild "Stray Dog, Misawa, Aomori" von 1971. Auch der Titel seiner Essayserie über die eigene Arbeit, geschrieben 1982 für das japanische Fotomagazin "Asahi Camera", verweist auf dieses Schlüsselbild:
"Memories of a Dog".
Vor allem in den siebziger Jahren prägte Moriyama seinen harten, rauen Stil: grobkörnige, oft unscharfe, angeschnittene Schwarzweißbilder, aus der Bewegung geschossen, mit starken Hell dunkelkontrasten. Wenn er von "Stadt" spricht, ist in erster Linie Tokio gemeint, obwohl er auch in vielen anderen Städten wie New York, Osaka, Buenos Aires oder Shanghai gearbeitet hat. Aber Tokio ist sein Mittelpunkt, vor allem die Stadtteile Shibuya und Shinjuku. Im ersten hat er sein Atelier, im zweiten hat er seine wichtigsten Motive gefunden: vorübereilende Passanten, schlafende Obdachlose, leicht be kleidete Animierdamen oder schummrige Seitenstraßen. Wie bei vielen japanischen Künstlern seiner Generation spiegelt sich auch in Moriyamas Arbeit die Suche nach der Identität einer Gesellschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Kulturschock erlebte.
Westliche, vor allem amerikanische Einflüsse drangen wie durch geöffnete Fluttore in den lange erfolgreich abgeschirmten Schutzraum der jahrhundertealten japanischen Traditionen.
Existentielle Sinnfragen beschäftigten Künstler und Literaten. In der Fo tografie bahnte sich die so genannte "Provoke-Ära" an, die nach dem von 1968 bis 1970 erschienenen Fotomagazin "Provoke" (der englische Begriff für "provozieren") benannt ist, dessen Redaktion Moriyama ab der zweiten Ausgabe angehörte. Auf der Suche nach Wahrheit und Werten verließen ihre Vertreter die kulissenhafte Studioatmosphäre, in der die japanische Fotografie bis dahin entstanden war. Mit der Kamera eroberten sie den Alltag, loteten die Grenzen ihres Mediums aus und setzten dabei auf eine radikale Ästhetik.
Auf seinen Streifzügen zog und zieht es Moriyama bis heute in die Grauzonen und Grenzgebiete der Gesellschaft, vor allem in die grell beleuchteten Straßen von Shinjuku, in Stripclubs, Stundenhotelzimmer, Kabuki-Theater und unzählige Bars. "Meine Faszination gilt Orten, an denen Menschen ihre Alltagsmasken fallen lassen", sagt er. "Ich mag chaotische Orte, an denen ich Menschen förmlich riechen kann.
Sie ziehen mich instinktiv an. Dort kommen Uraffekte wie Gier und Lust zum Vorschein, dort zeigt sich die menschliche Essenz in all ihren Facetten, in all ihrer Rohheit." Mit Eikoh Hosoe hätte Moriyama als junger Mann - nicht nur in dieser Hinsicht - an keinen besseren Lehrer geraten können. Der nur fünf Jahre ältere Hosoe galt bereits Anfang der Sechziger als einer der bedeutendsten Fotografen und Filmemacher der avantgardistischen Nachkriegsära in Japan. "Das war eine aufregende, atemlose, stimulierende Zeit", erzählt Moriyama, während sich sein Blick ins Unendliche richtet. "Bei Hosoe durfte ich ein äußerst breites Spektrum erleben:
Aktfotografie, Fashion-Shootings, Filmarbeiten, Reportagen." 1961 fotografierte Hosoe in seiner berühmten Serie "Ba Ra Kei: Ordeal by Roses" den Schriftsteller Yukio Mishima im Garten dessen Tokioter Hauses. Moriyama hatte gerade seine dreijährige Assistenzzeit begonnen und war fasziniert von Mishima. "Er war ein besonderer Mensch", sagt er und hält kurz inne. "Hosoe hat wunderbare, dramatische Porträts seiner wunden Seele geschaffen. Er war angezogen von den dunklen, psychologisch und sexuell aufgeladenen Sujets seiner Schriften. Mich hat das ausgesprochen fasziniert - und inspiriert." Mishima zettelte am 25. November 1970 einen Staatsstreich an. Er besetzte das Hauptquartier der Selbstverteidigungsstreitkräfte, nahm den Kommandanten als Geisel und versuchte in einer flammenden Balkonrede die Soldaten dazu zu bringen, das Parlament zu besetzen, um die Kaiserherrschaft wieder herzustellen. Mishima scheiterte allerdings schmach voll am schieren Desinteresse der Menge und verübte noch an Ort und Stelle Seppuku, den ritualisierten Selbstmord, zu dem das Harakiri, der tödliche Bauchschnitt, gehört.
Bildunterschrift:
Kurz im Vorbeigehen geschossen: ein nächtliches Gespräch am Straßenrand aus der Serie "Shinjuku 2000-2004" (oben). "Der Moment, in dem ich den Auslöser drücke, ist intuitiv und animalisch", sagt Moriyama. Rechts: "Documentary 78" von 1985
Manche Bilder zeigen zufällige Blicke, wie das Licht- und Leitungschaos aus "Shinjuku 2000-2004" (oben), manche gezielte: "How to take beautiful Photographs 6" von 1986 (rechts)
Großstadtwesen: schlafende Frau aus "Shinjuku 2000-2004" (oben), streunende Katze aus "Buenos Aires 2004-2005" (rechts)
"Wir sind voller Triebe, Gier und Lust. Das sind nicht immer schöne Dinge, die wir begehren, im Gegenteil. Ich weiß es, ich bin selbst so"
Das wohl berühmteste Bild von Moriyama: "Stray Dog, Misawa, Aomori 1971"
"Ich streune selbst wie ein Hund": Moriyama, 2008 fotografiert von Andreas Seibert
