Ausgabe: 05 / 2009
Seite: 67

In der Übung liegt die Kraft

Von Thomas Wagner

Angesichts der Krise rät Künstlern, sich wieder mehr dem spirituellen Training in der Werkstatt zuzuwenden, als kurzlebigen Ausstellungserfolgen nachzujagen

WAGNERS KOLUMNE

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt - das Gespenst der Religion." Mit diesem Paukenschlag beginnt das neue Buch des Philosophen Peter Sloterdijk, dessen Titel einem Gedicht Rainer Maria Rilkes entlehnt ist, in dessen Schlusszeile es kategorisch heißt: "Du musst dein Leben ändern." Nun ist der ebenso originelle wie eloquente Interpret unserer Gegenwart keineswegs fromm geworden. Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, würde er der Sache keine überraschende Wendung geben. Was wir "Religion" oder "Religionen" nennen, so der Dreh, den er der geistesgeschichtlichen Bühne gibt, sei nichts anderes als eine Fülle missverstandener spiritueller Übungssysteme, die allesamt dazu dienten, uns materiell, symbolisch und rituell zu perfektionieren.

Nur wenn sich der Mensch auf solche Übungstechniken einlasse, könne er sich selbst erzeugen und mittels mentaler Vorwegnahmen angesichts einer drohenden Menschheitskatastrophe sein "Immunsystem" stärken. Wie einst die Botschaft des monotheistischen Gottes, so sei heute die Botschaft der weltweiten Krise zu groß für die Welt, und nur wenige seien bereit, ihr zu folgen.

Wo es darum geht, das gesamte religiöse, spirituelle, ethische Material der Kulturgeschichte anhand der Frage neu durchzusehen, wie sich der Mensch selbst zu vervollkommnen vermag, kann die Kunst nicht außen vor bleiben. Auch sie bedient sich schließlich jeder Menge "autoplastischer Prozeduren", wie Sloterdijk das nennt, und auf ihrem Feld lassen sich - von Friedrich Schiller bis Joseph Beuys - viele Beispiele dafür finden, dass der Mensch seine Fähigkeiten erst noch entwickeln muss, um ganz Mensch zu werden. Wie aber sieht das Übungsfeld der Kunst aus? Was lässt sich hier eigentlich trainieren?

Geht es beim Üben ganz generell darum, einzelne Fähigkeiten oder Qualifikationen nicht nur einmal, sondern dauerhaft zur Verfügung zu haben, so ist die Kunst kein allzu verlässlicher Trainer. Zu singulär, konkret oder gar verworren erscheinen in ihr die Verhältnisse, zu trügerisch und zu wenig eindeutig ist ihre sinnliche Gestalt.

Doch kann man in ihren symbolischen Übungsräumen, von realen Konsequenzen entlastet, sehr wohl erfahren, wie sich damit umgehen lässt, von etwas heimgesucht zu werden, das auf den ersten Blick unverständlich erscheint, oder wie es ist, von höheren und unheimlichen Mächten bedroht zu werden. Auch impft uns die Kunst, weil sie auf einer subjektiven Sicht beharrt, gegen die gebräuchliche Art von pragmatischem Kompromiss, an dem zumeist etwas faul ist. Vor allem aber macht sie uns bekannt und übt uns im Scheitern. "Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern", so nennt das der Schriftsteller Samuel Beckett. "Der Mensch kommt nur voran, solange er sich am Unmöglichen orientiert", so sagt es Sloterdijk.

Allerdings geht er mit der Kunst heftig ins Gericht.

Die "autoritative Stimme", wie sie Rilke beim Anblick jenes archaischen Torso Apollos im Louvre vernommen hat, von dem sein Gedicht spricht, sie sei "kaum noch zu hören". Statt als ein spirituelles Übungssystem unter anderen zur Optimierung des irdischen Daseins beizutragen, tendiere das Kunstsystem, so Sloterdijk, zur schlechten Wiederholung. Im Grunde habe die Kunst die Imitation als den entscheidenden Mechanismus der Traditionsbildung aufgegeben und an ihre Stelle die suspekte Ideologie der Kreativität gesetzt. Mehr noch: Zu beobachten sei eine Verschiebung von der "Kunst als Herstellungsmacht" zur "Kunst als Ausstellungsmacht".

In der Tat. Dieser Hieb lässt sich kaum parieren. Es stimmt: Die Kunst hat der Werkstatt den Rücken gekehrt und sich Galerie und Museum an den Hals geworfen.

Trainiert wird nicht Kunstfertigkeit, eingeübt wird, wie man Ausstellungserfolge erzielt. Und solange das so weitergeht und sie hauptsächlich dem Gesetz der Veräußerlichung folgt, übt sich die Kunst im Falschen.

Auch wenn Gerhard Richter, Neo Rauch und Markus Lüpertz Kirchenfenster gestalten und bei Maurizio Cattelan der Papst von einem Meteor erschlagen wird - das Gespenst, das im Kunstsystem umgeht, heißt nicht Religion. Egal, wie wir es nennen, es tritt im Gewand einer ex hibitionistischen Unbekümmertheit auf, die nicht mehr zu unterscheiden weiß, was wert ist, wiederholt zu werden, und was nicht. Die Kunst, das sieht Peter Sloterdijk ganz richtig, muss das Üben wieder üben.

Bildunterschrift:

Auch wenn Gerhard Richter, Neo Rauch und Markus Lüpertz Kirchenfenster gestalten - das Gespenst, das in der Kunst umgeht, heißt nicht Religion