Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 18-25
"Meine Bilder soll man auch am Nordpol verstehen"
Von Kito Nedo
Mit virtuosen Zeichnungen sexueller Exzesse und körperlicher Grausamkeiten eroberte Ralf Ziervogel die Kunstwelt. Jetzt will der Berliner Künstler auf dem Flughafen Tempelhof einen gigantischen Kubus bauen lassen
Nach der endgültigen Einstellung des Flugbetriebs war es im letzten Herbst sehr schnell still geworden um den Berliner Flughafen Tempelhof. Nun liegen 386 Hektar mitten im Zentrum der Stadt brach und warten auf neue Ideen.
Was tun mit einer Fläche, die etwa 500 Fußballfeldern entspricht? Kommt nun ein Freizeitpark, die Zusammenführung der beiden Berliner Zoologischen Gärten oder werden teure Townhousesiedlungen die heruntergekommene Flughafenumgebung in die Gentrifizierung treiben? Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht, dass sich die Entwicklung des "Tempelhofer Felds" zum nächsten stadtplanerischen Debakel der Hauptstadt auswächst. Wie wäre es also, man sparte sich den ganzen Ärger und errichtete einfach einen gigantischen, leeren Kubus mit den Kantenlängen von je 100 Metern? Klingt irreal? Das ist jedenfalls der Vorschlag des Künstlers Ralf Ziervogel. Und kein Witz. Im Gegenteil: Die Sache mit dem "archaischen, quadratischen Ding" verfolgt der zurzeit mit einem Stipendium des Berliner Senats in New York lebende Künstler mit heiligem Ernst.
Vielleicht klingt es absurd, doch in der kurzen Karriere des 1975 im Harz- Städtchen Clausthal-Zellerfeld geborenen Künstlers könnte der "Tempelhof- Cube" so etwas wie der ultimative Befreiungsschlag sein. Denn bislang lieben ihn alle für etwas ganz anderes.
Es sind seine großformatigen, auf über sechs Meter messende Papierbahnen hingeworfenen Zeichnungen mit sehr saftigen, detailreich ausgearbeiteten sexuellen Exzessen und grotesk überdrehten Grausamkeiten. Sie ließen den jungen Mann nach dem Ende des Studiums vor vier Jahren schlagartig zum Helden des deutschen wie internationalen Kunstbetriebs werden. Darauf scheint er festgelegt, auch wenn er immer wieder beteuert, mit diesem Kapitel längst abgeschlossen zu haben.
Warum ihn die Kunstwelt für seine brutalen Bilder so heftig verehrt, liegt auf der Hand: Als zorniges Enfant terrible liefert Ziervogel der hygienischen Gesellschaft sauber gerahmte Schmutzexzesse. Wer sensibel ist, der kann in den fein gestrichelten Zeichnungen die Vergänglichkeit des eigenen Körpers wie in einem Zeitraffer lesen. Das im realen Leben so qualvolle Nachlassen der Spannung, die Erschlaffung des Gewebes, die Zersetzung der Körper findet sich bei Ziervogel als Folge von Explosionen dargestellt und wird somit zur ästhetischen Offenbarung.
Durch die Hand des Zeichners strebt die Welt im Bruchteil von Sekunden mit aller entropischer Macht dem protoplasmatischen Zustand entgegen.
Alles wird zu Zellsaft. Doch anstatt abstrakte Schlieren zu produzieren, setzt Ziervogel auf das Detail. Mit großer Akribie widmet er sich dem kleinsten Kotkrümel, dem letzten gekrümmten Schamhaar oder allerlei herumfliegenden Eingeweiden. Warum diese Sorgfalt?
Hat der Mann Angst, er müsse irgendwann in der Zukunft persönlich die einst von ihm gesprengten Körper selbst wieder zusammensammeln und zusammenflicken? Oder ist es eine sehr besondere Art von Humor? Wahrscheinlich Letzteres.
Dazu passt, wie die Insignien des modernen Konsumentenlebens auf den geschundenen Körpern und ihren Resten verteilt werden: Wie die Garnitur auf einer besonders unappetitlichen Schlachtplatte zieren Apple- Notebooks, Varta-Batterien, Adiletten und Schwäbisch-Hall-Luftballons das gezeichnete Gemetzel. Was, so scheinen die Bilder zu fragen, ist hier schlimmer: der Wohlstandsterror der Marken oder der Penetrationskrieg der Körper? Oder hängt bei des gar zu sammen?
Beim Treffen mit Ziervogel macht es allerdings wenig Sinn, dem gnadenlosen Zeichner mit derlei Fragen zu kommen. Zu offensichtlich be müht er sich, nicht seine eigene Deutung zu betreiben.
Lieber lässt er die Betrachter seiner Bilder mit ihren Assoziationen in der frostigen Kälte der eigenen Ahnungen stehen. Ja, den Marquis de Sade habe er mal gelesen, und er habe auch am Anfang seiner grafischen Exkursionen in die Welt der sodomitischen Massen gestanden. Mittlerweile könne doch jeder erkennen, dass das für ihn keine Rolle mehr spiele. Nein, auch Robert Crumb sei keine Inspirationsquelle.
Im Gegenteil, den Stil des Übervaters des US-Underground-Comics fände er ziemlich öde, gar eklig.
Um sich vor Festlegungen und Über interpretationen zu schützen, hat sich Ziervogel für das Gespräch mit Journalisten eine schöne Gegenstrategie ausgedacht. Wie seine Bilder, kennt auch sein Sprechen keinen Anfang und kein Ende, was die Heraustrennung zitierfähiger Sätze unmöglich macht.
Zeichnen etwa, erklärt er, und lässt dabei seine Gedanken laut kreisen, sei der Durchgang von "Information durch meinen Körper" und deren anschließende Ablage "auf dem Papier". Da sei nichts Mystisches, nichts Genialisches dabei. Was ihn dazu treibt, "sich Löcher ins Knie bohrende, Drogen injizierende, sinnlos tätowierte Wolfsmenschen" oder eine "mit Headset ausgestattete, Fischgräten fickende Asiatin" (O-Ton Ziervogel) detailverliebt aufs Papier zu bringen, sei der "Einszueins-Modus" zwischen Gemeintem und Gezeigten: "Meine Bilder soll man auch am Nordpol verstehen." Punkt.
Nur wenn die Sprache auf die Planungen für seinen monströsen Würfel in Tempelhof kommt, wird der leidenschaftliche Schnellsprecher und wilde Denker plötzlich ganz ruhig und sachlich.
Denn hier gilt es nicht, die Ambivalenz des eigenen Schaffens vor Festschreibungen zu schützen, sondern die Macht der Medien geschickt für die Realisierung der künstlerischen Vision zu nutzen. "Das ist das Einzige, was mich interessiert", versichert der Mann, der so schön "Razivo" abgekürzt wird.
Damit man sein Tempelhof-Projekt beim Berliner Senat nicht so einfach als die Idee eines Größenwahnsinnigen ad acta legen kann, hat sich der Künstler mächtige Verbündete gesucht: den britischen Architekten David Chipperfield etwa, der in Berlin dem nächst die Restaurierung des Neuen Museums auf der Museumsinsel beendet, und das Stuttgarter Statikbüro Schlaich Berger mann und Partner (SBP), das seit seiner Gründung 1980 weltweit durch elegante und unkonventionelle Brücken-, Dächer- und Turmkonstruktionen von sich reden macht. Die Architekten und Ingenieure haben eine Konstruktion aus Stahlrohren entworfen, deren Innenraum mit einem fast blickdichten Gewebe von der Außenwelt abgeschirmt sein soll. Von außen jedoch wird eine transparente Membran die technische Konstruktion sichtbar halten. Nicht Künstler, nicht Architekt will Ziervogel hier sein, sondern der "Bauherr" einer maximalen Idee.
Wie nah seine Vision an der Realisierung ist? Schwer zu sagen. Doch immer dann, wenn der Senat einen neuen Ideenwettbewerb für den ehemaligen Naziflughafen ausschreibt, reicht Ziervogel brav sein Konzept ein. "Tempelhof" wird zur magischen Formel - schließlich ist ihm der Würfel ein "wünschenswerter Ort, eine Freistelle mitten in der Stadt". Doch von der stählernen Verbissenheit etwa eines Wilhelm von Boddien, der es schaffte, den Nachbau des Berliner Stadtschlosses - ein 500-Millionen-Euro-Projekt - nur wegen der Barockfassade an Berlins wichtigstem Boulevard durchzusetzen, hat Ziervogel nichts: "Für mich ist die Überlegung eines freien, klaren Raums wichtig. Das ginge aber auch in jedem anderen Stadtgebiet mit postindustrieller Gegenwart, also auch in New York oder São Paulo." Ob hinter so viel demonstrativ zur Schau getragener Gelassenheit schon wieder der nächste Angriff auf den ästhetischen oder stadtplanerischen Status quo lauert, ist ungewiss. Dass Ziervogel in Sachen Riesenkubus nicht locker lassen wird, so viel hingegen ist sicher.
Ausstellungen: "God's Cop", Sammlung Südhausbau, München, bis 9. April; "Lititi (Infinite + Infinite), Galerie Arndt & Partner, Berlin, 2. Mai bis 13. Juni.
Galeriekontakte: Arndt & Partner, Berlin, www.arndt-partner.de; Six Friedrich Lisa Ungar, München, www.sixfriedrichlisaungar.de Literatur: Ralf Ziervogel: "Every Adidas Got Its Story", Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008. Internet: www.suedhausbau.de/ sammlung_suedhausbau/aktuell.php, www.arndtpartner. de, www.ralfziervogel.com
Bildunterschrift:
Hyperaktiv: Ralf Ziervogel zeichnete auch beim Fotoshooting (Fotos:
Marcus Höhn)
Fein gekrümmtes Schamhaar: Ziervogel- Zeichnung "Tiernutze", Detail (2003, 140 x 287 cm)
Ziervogels raumfüllende Zeichnungen sind bis zu sechs Meter lang: Installationsansicht im Kunstverein Heilbronn (2008)
Ziervogel liefert der hygienischen Gesellschaft sauber gerahmte Schmutzexzesse: saftige Zeichnungen von Sex und Gewalt
Marquis de Sade lässt grüßen:
Detail aus "Kommste mit ins Cookies" (2004, 40 x 32 cm)
Große Akribie:
"Endeneu", (2006, 140 x 300 cm)
Ziervogels "ECCE"-Projekt (Simulation): ein Würfel mit einer Kantenlänge von 100 Metern auf dem stillgelegten Gelände des Flughafens Tempelhof
Für sein monumentales Kubus-Projekt hat sich Ziervogel prominente Verbündete wie den Architekten David Chipperfield gesucht
