Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 70-75
Große Kunst für kleines Geld
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Kann man für bis zu 5000 Euro gute Kunst kaufen? Aber sicher! Erfahrene Sammler geben Tipps, warum sich nicht nur in Krisenzeiten der Gang durch Galerien und über Kunstmessen lohnt. Dazu ein hilfreiches Glossar zum Sammeln für Einsteiger
Eigentlich ist Sammeln ja ein ureigener menschlicher Instinkt.
Wir sammeln Feuerholz, Muscheln am Strand, Schuhe mit zu hohen Absätzen, Bierdeckel oder Autogramme von Filmstars. Doch wenn es um bildende Kunst geht, wird die Sache plötzlich kompliziert. Da gibt es die einen, die finden, echte Gemälde gehören ins Museum. Dort schaut man sie voller Ehrfurcht an. Aber zu Hause tut es das gerahmte Blumenmotiv von Ikea an der Wand. Andere wiederum würden sich gern mit Originalkunstwerken umgeben, halten Kunstkauf aber für das Privileg der Reichen. Zumal in den Medien immer dann über Kunst berichtet wird, wenn sie für sehr viel Geld den Besitzer wechselt: Damien Hirsts Totenschädel für 75 Millionen Euro verkauft! Yves Saint Laurents Kunstsammlung für 374 Millionen Euro versteigert! Dabei gibt es gute Kunst in allen Preisklassen. Das bestätigen nicht nur renommierte Sammler wie Harald Falckenberg oder Ingvild Goetz, das zeigt auch der Gang durch die Galerienviertel, die Showrooms der Auktionshäuser oder über die Art Cologne in Köln. Der entscheidende Schritt ist der über die Schwelle in den Ausstellungsraum - und die lässige Frage nach der Preisliste. Natürlich ge hört zum ernsthaften Sammeln auch die Kenntnis der Materie. Es hift, wenn man sich in die Kunstgeschichte vertieft und Bezüge, Entwicklungen und Parallelen erkennt. Doch Sammeln hat auch mit Leidenschaft zu tun. Und mit Liebe auf den ersten Blick. Wer sich für ein Kunstwerk begeistert, sollte nicht reflexartig darüber nachdenken, ob der Erwerb auch eine gute Wertanlage ist. Schließlich kaufen wir das teure Kleid ja auch nicht, weil es einen hohen Wiederverkaufswert besitzt, sondern weil wir toll darin aussehen.
Kunst verspricht aber nicht nur den kurzfristigen Oha-Effekt, wir kaufen uns damit ein Stück Einzigartigkeit.
Modische Designerstücke überleben oft nicht mal eine Saison, Kunst ist im besten Fall ein bewusstseinsverändernder Dauerbrenner.
Glossar:
Sammeln für Einsteiger Auktion: Handelsplatz für Kunst aller Art, in der Regel zum Wiederverkauf. Verkäufer (Einlieferer) beauftragen das A.-haus mit der Versteigerung von Kunstwerken, interessierte Käufer bieten darauf. Das höchste Gebot erhält den Zuschlag, das A.-haus berechnet für den Service eine Provision (20 bis 25 Prozent des Verkaufspreises). Auktionen sind nach Kunstgattungen und -epochen sortiert. A.-häuser geben Kataloge heraus, oft auch online einsehbar, und stellen die zu versteigernden Werke (Lose) zur Besichtigung aus. Neben internationalen Unternehmen wie Christie's und Sotheby's sind gerade für Sammler mit begrenztem Budget kleinere Häuser, z. B. Grisebach, Neumeister, Lempertz, Karl & Faber oder Ketterer interessant. Daneben gibt es auch reine Online-Auktionen.
Berater: Auch Art Consultant genannt, unterstützen einen Auftraggeber (Konzern, Privatsammler) beim Sammeln von Kunst. B. sollten sich durch umfassende Kenntnisse des Kunstbetriebs, gute Kontakte zu Galerien und Künstlern und Marktübersicht auszeichnen. Für seine Dienste erhält der B. ein fixes Honorar oder Vermittlungsgebühren. Geldinstitute wie die Deutsche Bank oder UBS bieten Premiumkunden kostenlose Kunstberatung.
Catalogue raisonné: Kommentiertes Werkverzeichnis eines Künstlers, das den Anspruch auf Vollständigkeit und historische Richtigkeit legt. Gilt im Zweifelsfall als Beleg für die Echtheit eines Kunstwerks.
Design: Möbel, Modeaccessoires und Industrie- D. sind beliebte Sammelobjekte, auch weil sie praktischen Nutzwert haben. Stücke von bekannten Designern (z. B. Charles Eames, Eileen Gray, Ron Arad) werden hoch gehandelt.
Auktionshäuser wie Phillips, Quittenbaum oder von Zezschwitz bieten spezielle D.-Versteigerungen, es gibt D.-Messen; u. U. wird man aber auch auf Flohmärkten fündig.
Druckgrafik: Unter diesen Begriff fallen Kunstwerke, die mittels Druckverfahren wie Holzschnitt, Lithografie, Siebdruck, Radierung oder Aquatinta mehrfach hergestellt werden.
Die Arbeiten sind meist auf Papier und preiswerter als etwa Gemälde (Unikate) desselben Künstlers (s. a. Editionen).
Editionen: Oberbegriff für Kunst, die in größerer Stückzahl produziert wird, gilt für Arbeiten auf Papier, Skulpturen oder auch Fotografien.
Faustregel: Je größer die Edition (Auflage), desto preiswerter das Werk. Manchmal bieten Museen oder Kunstvereine günstige Sonder-E. zeitgenössischer Künstler an.
Fotografie: wird neben Malerei und Skulptur heute als gesonderte Kunstkategorie gesehen.
Man unterscheidet Kunst-F. (z. B. An dreas Gursky, Candida Höfer, Bernd und Hilla Becher), Gebrauchs-F. (Mode, Werbung) und Dokumentar-F. (Fotojournalismus). Wegen des niedrigeren Preisniveaus eignet sich F. als Sammlungsschwerpunkt. Zu beachten, gerade bei alter F., sind Auflage (s. a. Editionen) und Zeitpunkt des Abzugs. Merke: Die ersten, vom Künstler selbst hergestellten Bilder (Vintage Prints) sind wertvoller als postum entstandene.
Außerdem erfordert F. als lichtempfindliches Medium spezielle Rahmung.
Galerie: Ausstellungsort und Handelsplatz für Kunst. In der Regel spezialisiert sich die G. auf ein künstlerisches Programm, z. B. zeitgenössische Kunst, alte Kunst, Design. Man unterscheidet zwischen Galerien, die mit lebenden Künstlern arbeiten und sich überwiegend dem Erstverkauf von Kunstwerken (Primärmarkt) widmen, und solchen, die sich hauptsächlich mit dem Wiederverkauf von Kunst (Sekundärmarkt) beschäftigen. Überblick über Ausstellungen und Lage der Galerien in größeren Städten bieten gedruckte G.-Führer, oft gratis und online verfügbar.
Griffelkunst: 1925 in Hamburg von einem Kunstlehrer gegründeter Verein, der regelmäßig grafische Blätter, Fotografien und Multiples zeitgenössischer Künstler herausgibt, die nur Mitglieder kaufen können, darunter auch Werke von Stars wie Jonathan Meese, Dorothy Iannone und Tal R. Die Wartefrist zur Aufnahme liegt bei drei Jahren.
Jahresgaben: Gegenwartskunst in kleiner Auflage und zu günstigen Preisen speziell für Mitglieder von Kunstvereinen, entstehen in der Regel als Sonderedition im Zusammenhang mit einer Ausstellung. J. können meist auch von Nicht-Mitgliedern erworben werden.
Informationen: www.kunstvereine.de Kunstmessen: Verkaufsveranstaltungen, auf denen Galerien unter einen Dach in individuellen Kojen Kunstwerke ausstellen und verkaufen.
Die wichtigsten europäischen K. sind Arco Madrid, Tefaf Maastricht, Art Cologne, Art Basel, Frieze (London), Fiac (Paris) und Art-Forum Berlin. K. sind auch Info- und Kontaktbörsen.
Der Besuch kostet Eintritt, Galerien geben Gratiskarten an ihre Kunden. Zum Rahmenprogramm gehören oft auch Sonderausstellungen und Podiumsdiskussionen. Im K.-Umfeld finden oft Nebenmessen mit jüngeren, weniger etablierten Galerien statt.
Künstlerbuch: In kleiner Auflage von Künstlern gestaltete, in aufwändigem Druckverfahren hergestellte Buchobjekte. Spezialisten auf diesem Gebiet: Despalles Éditions in Mainz, Kätelhön in Möhnesee-Wamel, Kleinheinrich in Münster, Till Verclas in Hamburg.
Leasing: Kunst auf Raten. Viele Galeristen lassen sich auf Ratenzahlung oder Probehängung von Kunst ein. Daneben gibt es auch kommerzielle L.-Firmen wie Leasconcept, die für einen monatliche Ratenbetrag Kunst ausleihen, z. B. eine Arbeit von Robert Rauschenberg auf Raten. Nach Ablauf der Mietzeit bezahlt man den Restwert oder mietet das nächste Kunstwerk. Günstige Alternative: die Artothek (www.artothek.org). Wie in einer Bibliothek kann man sich, oft kostenlos, ein Bild oder eine Skulptur für bis zu vier Monate ausleihen.
Provenienz: Die Besitzergeschichte eines Kunstwerks. P. spielt beim Wiederverkauf besonders bei Auktionen eine wichtige Rolle, um rechtmäßige Eigentümerverhältnisse zu klären. Lücken in der P. können auf Diebstahl hindeuten. Ein namhafter Vorbesitzer kann den Wert eines Kunstwerks steigern.
Street Art: Sammelbegriff für Eingriffe im öffentlichen Raum, bezeichnet vor allem Wandmalereien, Schablonengraffiti, Sticker, Skulpturen und Performances. S.-Aktionen werden in der Regel ohne Genehmigung durchgeführt.
Zu den bekanntesten Vertretern zählt der britische Künstler Banksy. Viele S.-Künstler stellen auch verkäufliche Werke auf Leinwand oder Papier her. Das Auktionshaus Bonhams führt inzwischen regelmäßig S.- Auktionen durch.
Signatur: Zuordnungs- und Echtheitshinweis auf Kunstwerken. In der Regel kennzeichnet ein Künstler seine Werke auf Vorder- oder Rückseite mit seiner Unterschrift als Originale.
Es gibt aber auch unsignierte Werke. Bei Zuordnungsproblemen hilft das Werkverzeichnis (s. a. Catalogue raisonné).
Umsatzsteuer: Beim Erwerb von Kunst fällt die gesetzliche U. von 7 Prozent für Bilder, Originalgrafik und Plastiken an, 19 Prozent für Fotografie und Kunstgewerbe.
Versicherung: Reguläre Hausratsversicherungen decken Kunst im Schadensfall nur begrenzt ab. Für umfassenderen V.-schutz muss die Police entsprechend des Werts der Kunstsammlung erhöht werden. Spezialversicherer wie Axa oder Hiscox bieten Sammlern zudem Hilfe bei Schätzungen und Transport-V.
Vorzugsausgaben: Sie heißen auch "Col lector's Edition", und werden von Verlagen als limitierte Sondereditionen zu ausgewählten Kunstbüchern und Ausstellungskatalogen angeboten.
Den V. liegen signierte und nummerierte Zeichnungen, Fotografien, grafische Blätter, Objekte oder Multiples bei. Verlage:
Hatje Cantz, Kerber, Phaidon, Prestel, Schirmer/ Mosel, Snoeck, Taschen, teNeues, Verlag für moderne Kunst, Walther König.
Wertsteigerung: Monitärer Gewinn beim Wiederverkauf von Kunst. Die W. hängt vom ursprünglichen Kaufpreis und der Marktentwicklung des Künstlers ab. In der Regel hat das früh und günstig erworbene Werk eines Künstlers mehr W.-potenzial als ein später auf der Höhe seines Erfolgs gekauftes. Schon leichte Beschädigungen, aber auch der Wandel des allgemeinen Kunstgeschmacks führen zu Wertverlust.
Kasten:
Erst lesen, dann kaufen!
Literaturtipps für angehende Sammler und andere Kunstfreunde Collecting Contemporary von Adam Lindemann. Taschen Verlag, 24,99 Euro Contemporary Europe Art Guide von Marc Gordon. Hatje Cantz Verlag, 24,80 Euro Fit für den Kunstmarkt von Claudia Herstatt. Hatje Cantz Verlag, 14,80 Euro Kunst ist käuflich von Dirk Boll. Rüffer & Rub Verlag, 25,40 Euro Ratgeber Kunst von Karlheinz Schmid.
Lindinger+Schmidt, 3 Bde., je 14,80 Euro
Bildunterschrift:
"Gute Kunst muss nicht viel Geld kosten: Dieses Multiple von Hans Haacke hat 300 Euro gekostet. Ich habe mir später von ihm noch eine Widmung draufschreiben lassen, das steigert natürlich seinen Wert. Grafiken und Multiples sind ein idealer Einstieg. Wichtig ist auch der Besuch von Ausstellungen, Kunstmessen und Museen.
Dort werden einem die Augen geöffnet. Kunst kann man nicht einfach kaufen.
Kunst muss man erfahren und spüren. Mit der Erfahrung verändert man sich selbst. Es lohnt sich, aber man muss dazu bereit sein." HARALD FALCKENBERG, Sammler und Unternehmer, Hamburg
"Was mich am Sammeln interessiert - auch aus anthropologischer Perspektive -, ist die Begegnung mit der Andersheit, das Moment der Irritation. Für mich ist Sammeln eine hochemotionale Angelegenheit. Aaron Young bin ich 2004 zum ersten Mal begegnet.
Er zeigte mir eine seiner ersten Arbeiten: "High Performance".
Ich war begeistert und habe das Video damals für 2500 Euro gekauft - es war überhaupt mein erster Videokauf für die Sammlung - und damit der Grundstein." JULIA STOSCHEK, Sammlerin, Düsseldorf
"Meine große Liebe sind die Grafikmappen, die ich als junge Sammlerin erworben habe. Dazu zählen wunderbare Radierungen von David Rabinowitch, Kaltnadelradierungen von John Chamberlain, Farbradierungen von Sol LeWitt, Lithografien von Fred Sandback und Aquatintas von Robert Mangold. Da es nur wenige Papiersammler gibt, hat man eine große Auswahl. Außerdem kann man so eine Sammlung in wenigen Schubladen unterbringen." INGVILD GOETZ, Sammlerin aus München, mit einer Grafikmappe von Shusaku Arakawa
"Diesen Außenbordmotor im Streamline-Design habe ich auf einem Münchner Flohmarkt entdeckt. Ich habe dafür 150 DM gezahlt - der Schätzwert liegt beim Tausendfachen!
Aber solche Trouvaillen findet man heute nicht mehr. Mein Tipp: Sein Auge schulen, ein Gespür entwickeln, Museen besuchen, und durchstreifen Sie einfach mal Galerien und Antiquitätenläden in Belgien." FLORIAN HUFNAGL, Designexperte und Direktor der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne, München
"Ich empfehle Druckgrafiken von Klassikern und Alten Meistern.
Da können wahre Glücksgriffe gelingen, wie diese Lithografie von Max Liebermann für 180 Euro. Wer in diesem Segment sammeln will, sollte fundiertes Wissen haben, Auktionskataloge lesen und Ergebnisse prüfen: Was ist liegen geblieben und noch zu haben?" WERNER SCHMIDT, Generaldirektor a. D. der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
"Bei einem Budget von 5000 Euro rate ich zu folgendem krisenfesten Investment: 40 Prozent für Reisekosten und Eintrittsgelder bei Messen, Museen und Biennalen, 20 für Kunstzeitschriften und Bücher, 10 für Kunstvereinsmitgliedschaften, 10 für Jahresgaben, 10 für Kaffee und Kuchen bei Künstleratelierbesuchen und 10 Prozent für Künstler als Finanzierungshilfe neuer Arbeiten. Man sollte beim Sammeln nicht nur in Hardware investieren, sondern auch an die Software denken!" IVO WESSEL, Berliner Sammler und Software-Entwickler, die Neonarbeit "Pleasures" von Sylvie Fleury hat er für 5000 Franken erworben
"Diese Collage von Birgit Brenner habe ich auf dem Art-Forum Berlin entdeckt - sie hat 800 Euro gekostet. Ich hatte noch nie von der Künstlerin gehört, war aber sofort hingerissen. Kunst darf für mich nicht entschlüsselbar sein, sonst würde sie mich sofort langweilen.
Beim Sammeln sollte man ständig sein Auge schulen, um Zusammenhänge und Referenzen zu erkennen. Und ruhig auch Museumsleute um Rat fragen:
Die denken langfristig." CHRISTIANE PRINZESSIN ZU SALM, Sammlerin und Medienmanagerin, München/Berlin
"Für einen Dollar denkt der US-Künstler David Horvitz eine Minute an den Sammler. Diese Aktion fand ich super, und das konnte ich mir gerade noch leisten. Ich kaufe Kunst nach meinem Bauchgefühl und Budget - und in dieser Reihenfolge. Aber man sollte sich einfach mal von den großen Namen lösen und sich viel mit anderen Sammlern austauschen. Und auch bei größeren Galerien gibt es immer Kunst für den kleinen Geldbeutel." TOMMI BREM, Sammler und Mitgründer der Internetplattform Independent Collectors, Stuttgart
