Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 115
"Udes Argumentation unhaltbar"
Von Angelika Kindermann
Streitfall: Historikerin Tatzkow zum Münchner Klee-Bild
Seit Jahren fordern die Erben der 1978 gestorbenen Sophie Lissitzky-Küppers das auf zwei Millionen Euro geschätzte Gemälde "Sumpflegende"(1919) von Paul Klee, das sich als Leihgabe im Lenbachhaus befindet, zurück.
Die Stadt München, die das Werk für umgerechnet rund 350 000 Euro 1982 mit der Gabriele-Münter und Johannes-Eichner Stiftung bei einer Versteigerung erworben hat, gibt sich stur. Nun haben Melissa Müller und Monika Tatzkow mit ihrem Buch "Verlorene Bilder - verlorene Leben" (siehe Seite 121), in dem sie auch die Odyssee dieses Werks aus dem Besitz von Lissitzky-Küppers aufzeigen, Bewegung in den Fall gebracht.
Mit Historikerin Tatzkow sprach art-Redakteurin . art: 1993 hat das Landgericht München befunden, dass die Münchner das Bild gutgläubig erworben haben. Sie kommen zu einem anderen Ergebnis?
Tatzkow: Ja, denn nach deutschem Zivilrecht kann Eigentum an abhanden gekommenen Sachen durch einen - selbst gutgläubigen - Käufer grundsätzlich nicht erlangt werden. Das Landgericht behauptet in seinem Urteil, das Bild sei 1937 von den Nationalsozialisten aus dem ehemaligen Provinzialmuseum Hannover, wo es als Leihgabe hing, eingezogen und enteignet worden. In diesem Urteil fehlt die Prüfung des Einziehungsgesetzes von 1938. Nach dem konnten nur Erzeugnisse der entarteten Kunst enteignet werden, "soweit sie bei der Sicherstellung im Eigentum von Reichsangehörigen standen". Sophie Lissitzky-Küppers war aber seit 1927 mit dem jüdischen Sowjetbürger El Lissitzky verheiratet, verlor damit die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie war Sowjetbürgerin und lebte nahe Moskau. Sie konnte also gar nicht enteignet werden. Rechtlich blieb das Bild Besitz der Familie Lissitzky- Küppers. Alle nachfolgenden Verkäufe waren unrechtmäßig.
Münchens Oberbürgermeister Christian Ude spricht sich gegen eine Rückgabe aus und behauptet, der Verlust des Bildes habe "nichts zu tun mit rassistischen oder politischen Gründen". Ursache sei "allein das Werk selbst".
Was meinen Sie?
Ich halte diese Argumentation für unhaltbar. Sie ignoriert die ermittelten Tatsachen, die ich Herrn Ude auf Anfrage seines Kulturreferenten Dr. Küppers bereits am 25.4.2008 übersandt hatte. Denn Sophie Lissitzky-Küppers war schon vor der rechtswidrigen Beschlagnahme und dem Verkauf der "Sumpflegende" als "jüdischbolschewistisch versippt" persönlich diffamiert worden. Ihr Sohn aus erster Ehe, Kurt Küppers, war 1935 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde 1937 verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert.
Sollte Ude sich in diesem Fall überhaupt äußern?
Da die Stadt Mitbesitzer des Bildes ist, muss sich Herr Ude mit dem Fall befassen. Er hätte gemäß der Washingtoner Erklärung von 1998/99 (in der sich 44 Staaten inklusive Deutschland zu Erforschung ihrer Kunstankäufe aus NS-Zeit verpflichtet haben/Anm. der Red.) schon lange selbst veranlassen sollen, dass zur Provenienz des Bildes Untersuchungen durchgeführt werden. Nach dem jetzigen Wissensstand könnte das Stadtparlament jederzeit die Rückgabe von Klees "Sumpflegende" beschließen, dies im Amtsblatt veröffentlichen und das Bild, beziehungsweise den Eigentumsanteil der Stadt auf die Antragsteller übertragen.
Sind die Münchner besonders engstirnig?
Ja, die Münchner sind schon besonders engstirnig - gelinde gesagt, denn die Ignoranz gegenüber dem Verfolgungsschicksal von Lissitzky- Küppers ist mit "engstirnig" schon nicht mehr zu bezeichnen. Andere gehen anders vor: Die Stadt Köln etwa gab das Werk "Die Weintraube" von Louis Marcoussis, das aus dem Besitz von Lissitzky-Küppers stammt und im Museum Ludwig hing, 2000 den Erben zurück.
Bildunterschrift:
München will es behalten: Paul Klees Gemälde "Sumpflegende" (1919)
Monika Tatzkow
