Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 119

Das blaue Dorf auf dem Dach

Von Kerstin Schweighfer

Architektur: Ein ungewöhnliches MVRDV-Projekt in Rotterdam

KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Eigentlich wollte sich Sjoerd Did den einfach nur ein zusätzliches Stockwerk auf sein Flachdach setzen lassen: "Die Kinder waren so groß geworden, dass jedes sein eigenes Zimmer brauchte", erklärt der 48 Jahre alte Theaterperückenmacher aus Rotterdam, der mit seiner Frau Gies und den beiden Söhnen bis dahin in einem einzigen großen loftartigen Raum direkt über seinem Atelier gewohnt hatte.

Doch mit "einfach nur" waren die Diddens bei ihrem Freund Winy Maas vom Rotterdamer Architekturbüro MVRDV an der falschen Adresse. "In einer Familie geht es im Grunde genommen zu wie in einem Dorf", befand der. Deshalb haben die Diddens hoch über den Dächern von Rotterdam keine Schlafzimmer bekommen, sondern kleine Häuschen mit Satteldächern: eins für die Eltern und ein Doppelhaus für die Kids. Dazwischen liegt eine Gasse, daneben sind Sitzbänke und ein Platz mit einem Baum in einem großen Kübel - so wie die Eiche auf dem Dorfplatz. Auch hat jedes Häuschen seine eigene Terrasse, die je nach Sonnenstand genutzt wird. Und da "die Familie dem Himmel ein Stück näher gekommen ist", so Maas, wurde alles mit einer Polyuretan-Schicht in Knallblau überzogen.

Umgeben ist das so genannte "Didden-Dorf" wie eine Burg von einer schulterhohen Balustrade mit Fensteröffnungen, so dass man auch im Sitzen noch die Aussicht genießen kann. Im Sommer hält sich die Familie die meiste Zeit hier draußen auf. Hausherr Didden deutet auf eine Steck dose unter einer der Picknickbänke:

"Da können wir den Laptop anschließen und auch im Freien arbeiten." Architekt Maas hat den Außenraum deshalb ganz bewusst großzügiger gestaltet als die drei Schlafzimmerhäuschen, die nur 45 Quadratmeter des rund 165 Quadratmeter großen Flachdachs beanspruchen. Das optimistische Himmelblau des Miniatur-Dorfes hebt sich deutlich von der Umgebung ab. Auf das Dach gelangt man über zwei hölzerne Wendeltreppenhäuser, die in der Loftetage an der Decke hängen.

Die Treppe, die in das Häuschen der Kinder führt, ist wie eine Doppelhelix in einander verdreht - eine Form, die angeblich auf Leonardo da Vinci zu rück geht.

Und da Hausherrin Gies schönes langes Haar hat, hängt in der Mitte dieses Treppenhauses in Anlehnung an Rapunzel ein langer Kunsthaarzopf, an dem die Jungen klettern können. Das "Didden- Dorf" ist das kleinste MVRDVProjekt, hat aber in den Niederlanden das größte Auf sehen er regt:

"Weltweit übertrumpfen sich Architekten mit immer verrückteren Bauten", so Maas, "doch ein kleines Dorf auf dem Dach erstaunt die Leute mehr als die wildeste Skulptur in der Wüste!"

Bildunterschrift:

Leben auf dem Dach: Schlafhäuser, Terrassen und Bänke sind mit einer blauen Polyuretan-Schicht überzogen

Zwei Wendeltreppen führen hinauf zu den Häuschen auf dem Flachdach