Ausgabe: 04 / 2009

Kleine Enzyklopädie der Kunstklischees (23)

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (23)

Intervention, die: f., Sg., [von lat. intervenire "dazwischenkommen"], meint urspr. das milit. o. staatl. Eingreifen in nat. o. internat. Angelegenheiten. Nimmt allerd. ein Künstler eine I. vor, handelt es sich i. A. um den künstlerischen Akt einer künstlichen Unterbrechung der ->Sehgewohnheit mit ungewohnten Mitteln, mit dem Ziel, den Bewusstseinszustand des Betrachters auf neue Erkenntnisebenen zu transponieren.

Über drei Millionen US-Zuschauer sind Woche für Woche dabei, wenn die Elite-Teenager der TV-Serie Gossip Girl aufeinander herumhacken.

Die verwöhnten Kids wohnen an der schicken Upper East Side und könnten in ihren begehbaren Kleiderschränken Partys feiern. Weitere Zeichen für Wohlstand? Die Kunstsammlung der Eltern. Um das Loft von Hauptfigur Lily (Kelly Rutherford) mit einer geballten Ladung echter Kunst auszustatten, haben die Set-Designer der Serie mit dem Art Production Fund, einer New Yorker Nonprofit-Kunstorganisation zusammengearbeitet.

Die Auswahl kann sich sehen lassen: Kiki Smith hängt im Foyer, Richard Phillips im Treppenhaus, Elmgreen & Dragset nicht weit von Aaron Young und Karen Kilimnik. 25 Werke wurden ausgeliehen: Drei davon sind Originale, der Rest hochwertige Reproduktionen, angefertigt in Kooperation mit den Künstlern. Ab 18. April auf Pro Sieben.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (5)

Michel, 6, über "Der Fleischerladen" (um 1583) von Annibale Carracci "Ich sehe ganz viele Männer und ganz viel Fleisch. Das Fleisch ist von den Tieren, die da hängen. Die Männer machen verschiedene Sachen mit dem Fleisch. Bei dem einen hängt es an einem Haken mit einer Glocke. Keine Ahnung, wieso da eine Glocke dran ist! Der Mann da unten hält ein Tier fest, damit er es töten kann. Er will es bestimmt essen. Ich glaube das ist in Afrika. Die Männer sind nämlich alle viel dunkler im Gesicht als hier. Vielleicht verkaufen sie das Fleisch auch.

Links ist ein Ritter, der will Fleisch kaufen für die anderen Ritter. Die haben Hunger vom Kämpfen. Da, wo meine Mama unser Fleisch kauft, hat der Mann auch eine weiße Schürze an - wie der eine Mann da mit der Glocke. Mama kauft das Fleisch auf dem Markt, aber da sind keine ganzen Tiere, da sind die schon in Stücken. Gemüse kaufen wir da auch. Aber Gemüse mag ich nur ein bisschen. Karotten, wenn's sein muss. Fleisch esse ich viel lieber: Fleischwurstbrot mit Senf drauf. Oder Rehbraten!"

Feuerwehrautos, Kräne, Planierraupen - vielen jungen Eltern ist heute ein wenig unwohl, wenn ihr Nachwuchs sich mit dem Zusammenbauen derart profaner Geräte vergnügt. Man will schließlich ein kultiviertes Kind haben, an Geigenunterricht zeigt es kein Interesse, also was tun? Die Firma Fischertechnik, seit Jahr zehnten ein Garant für frühmännliches Baukastenglück, hat die Marktlücke erfühlt und bietet jetzt ein einzigartiges Set an: Bauen, aber mit Genie! "Da Vinci Machines" enthält Entwürfe des großen Künstlers und Erfinders Leonardo da Vinci (1452 bis 1519), sie sind nicht ganz leicht nachzubauen, dafür aber lernt man eine Menge.

Zum Beispiel über die Schmiedezange, deren Technik Leonardo verbesserte, indem er ein Schraubgewinde im Griff installierte - nun konnte der Schmied die Spannung halten, ohne seine Hände zu strapazieren.

Genial! "Binde deinen Karren an einen Stern", so hatte schon Leonardo damals Schülern geraten.

GEHT'S NOCH?

Eine Frau steht auf einer Stockholmer Brücke und droht zu springen.

Passanten verhindern das, sie wird in die Psychiatrie gebracht, dort bespuckt sie Krankenschwestern - und erklärt später, sie sei gar nicht suizidal, sondern nur Kunststudentin. Der gespielte Selbstmord war eine Performance, Diplomarbeit der 35-jährigen Anna Odell. Wir überlassen ausnahmweise einem Arzt das kunstkritische Fazit. Klinikleiter David Eberhard empfahl: "Sie soll sich die Haare schneiden und einen richtigen Job suchen."

Wohnsiedlungen in Hongkong: maximale Verdichtung, Hunderttausende von Menschen auf engstem Raum, jeder Zentimeter wird genutzt. Zum Bild dieser Stadt gehören seit Jahrzehnten auch selbst gebaute Wohnungen auf den Dächern der großen Mietsilos: Mit Wellblech und Plastik errichten Chinesen kleine Häuser auf großen Häusern. Demnächst sollen die Dachsiedlungen von Hongkong von den Behörden beseitigt werden, die kanadische Architektin Rufina Wu und der deutsche Fotograf Stefan Canham haben sie besucht und setzen ihnen mit dem Buch "Portraits from Above" (Peperoni Books, 45 Euro) ein Denkmal.

PRODUKTKRITIK Prometheus trifft keine Schuld. Er hat den Göttern zwar das Feuer gestohlen und somit in mythischen Zeiten das erste Licht- und Heizungsunternehmen gegründet, doch weder ahnte er, dass es dereinst Deko-Kamine geben würde, noch ist er für deren Design verantwortlich. Trotzdem trägt eine Serie der Firma Safretti, die aus kreisrunden oder elliptischen Kaminchen für die Wand besteht, seinen Namen. Diese sind wahre Meisterleistungen des Eskapismus, gemahnen sie doch an die zerstörte Natur und trösten zugleich über den Verlust, der so schlimm nicht sein kann, wenn der mit Spezialgel oder Bio-Ethanol betriebene Fortschritt weder rußt noch riecht - und nicht einmal einen Kamin braucht. Doch ein wenig wärmt in dunklen Zeiten ja jedes Lichtlein die Seele, ob Tisch- oder Gartenfackel, ob Teelicht oder Flammenzünglein an der Wand. Bei Safretti ist das Feuer endlich zum Bild seiner selbst geworden - flach, geruchlos, ungefährlich.

Ach, fast hätten wir's vergessen:

Im Sommer kann man den ans Wohnungsgebirg gefesselten Prometheus als Blumenvase verwenden.

DIE ART-HOME-STORY ( 21 )

Zu Gast bei Herbert Volkmann Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Sonnenbrille Seit Jahren verlasse ich das Haus selten ohne. Das hängt mit den unterschiedlichen Zuständen zusammen, in denen ich mich befinde: Manchmal möchte ich nicht, dass die Leute meine Augen sehen.

Außerdem besteht aufgrund des Ozonlochs die Gefahr von Augenerkrankungen durch erhöhte UV-Strahlung.

Anzug Das ist ein Nadelstreifenanzug aus England im Stil der zwanziger Jahre.

Also mit sehr breiten, langen Hosen und Hosenträgern. Der ist fast 15 Jahre alt. In England gibt es ungeheuer gute Schneider. Zu diesem gingen früher eine Menge Kunstleute hin: Werner, Lüpertz, Baselitz. Ich hatte noch einen zweiten, den ich mal in einem Hotel reinigen ließ. Da passierte ein Unglück: Er war auf Kindergröße geschrumpft.

Hocker Ein sehr bequemer Hocker! Man kann ihn verstellen, rauf und runter.

Weil er unten rund ist, kann man sich hin- und herbewegen.

Das ist angenehm beim Arbeiten.

Ich arbeite gern auch mal im Sitzen, weil meine Beine nicht mehr die besten sind. Der Hocker tut seit Jahren bei mir seine Dienste.

Francis-Bacon-Katalog An diesem Originalkatalog aus dem Pariser Grand Palais von 1971 hänge ich sehr - er war ein Geschenk von Jonathan Meese.

Für Bacon war das eine der wichtigsten Retrospektiven zu seinen Lebzeiten. In dem Katalog sind Sachen drin, die mittlerweile als verschollen oder zerstört gelten.

Handschuhe Die trage ich, um bestimmte Narben oder Stellen an meinen Händen zu verdecken. Darauf hat mich ein guter Sammlerfreund gebracht, der irgendwann sagte: "Trag doch die gleichen Handschuhe wie Lagerfeld!" Diese hier sind aber eine Nummer brutaler, das sind Motorradhandschuhe.

Für harte Jungs gibt es die auch mit Metall. Wenn ich in die Öffentlichkeit gehe, habe ich immer diese Handschuhe an.

"Wir waren darauf vorbereitet, radikal zu sein", sagt der frischgebackene Hausherr Ross Russell. Gemeinsam mit dem Londoner Architekturbüro "dRMM" (de Rijke Marsh Morgan) haben er und seine Frau Sally im äußersten Osten der englischen Grafschaft Suffolk ein Sliding House realisiert: einen Komplex von drei hintereinander liegenden Gebäuden (Glashaus, Wohnhaus und Gästehaus), die durch eine mobile Ummantelung miteinander verbunden werden können. Vier elektrische Motoren bewegen den Mantel über die Schienen und können ihn an jeder beliebigen Stelle stoppen. Russell schwärmt: "Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis, wenn das Dach zurückfährt und den Himmel freigibt." Mehr Infos und ein Video auf: www.drmm.co.uk

EINE LISTE Künstlerbands 1. A. R. Penck, eigentlich Ralf Winkler, trat schon Anfang der achtziger Jahre mit seiner "Penck-Band" auf. Er war einer der ersten bildenden Künstler, die sich auch auf der Bühne erprobten - mit Vorliebe am Schlagzeug.

2. Carsten Nicolai schafft als Musiker und Labelbetreiber unter den Pseudonymen "noto" und "alva noto" minimalistische Sounds, die mit vereinzelt schmerzhaft hohen Tönen sehr futuristisch klingen und "Minimal Techno"-Fans gefallen dürften.

3. Luc Tuymans tritt mit der Rockband "The Monkey Pussy" auf. Den düsteren Rock dominieren Schrammelgitarre, Bass und Drums. Tuymans' Bühnen-Performance hingegen hat was vom New Wave der Endsiebziger.

4. Martin Eder schnulzt als "Richard Ruin et les Demoniaques" mit überspanntem Timbre Titel wie "Lacrima", "Misfortunate" oder "No Sorrow" - Themen: Sehnsucht, Liebe, Untergang. Bühnendress: Klunker, Pomade, kapriziöse Gesten.

5. Jonathan Meese und Tim Berresheim haben unter der Leitung von Jos Moers Weihnachtslieder wie "Stille Nacht" und "O Tannenbaum" experimentell und elektronisch gecovert. Durch die merkwürdigen Klangverschiebungen wirken sie wie eine Parodie auf die oft zu sehr um Coolness bemühte Loungemusik.

6. Markus Lüpertz macht Free Jazz in einer siebenköpfigen Altherren-Combo - sein Part: wild dirigierend aufs Klavier einhämmern.

Bildunterschrift:

Wer genau hinschaut, entdeckt in der kuscheligen Kissenlandschaft Fischgräten, Totenköpfe und Penisse - und mittendrin die Künstlerin: Annette Messager, 65. Die Londoner Hayward Gallery ehrt die aufmüpfige Französin noch bis 25. Mai mit einer großen Retrospektive. Zu sehen sind Installationen, Skulpturen und Fotos aus allen Werkphasen seit den frühen siebziger Jahren.

Auszeit von der Krise: Dicht an dicht sitzen die Bieter unter der spektakulären Kuppel des Pariser Grand Palais. Und spektakulär war auch der Umsatz:

Die breite Sammlung von Kunstwerken, Möbeln und Kunstgewerbe des gestorbenen Modedesigners Yves Saint-Laurent und seines Lebensgefährten Pierre Bergé brachte Ende Februar rund 374 Millionen Euro - Weltrekord bei der Versteigerung einer Privatsammlung. Mehr Infos unter: www.art-magazin. de/kunstmarkt/yves_saint_laurent_auktion

Künstlerische I.: "Wrapped Reichstag" (Berlin, 1995) durch Christo und Jeanne-Claude

Zeichen des Wohlstands: echte Kunst in der US-Serie "Gossip Girl"

Militärische I.: Spezialtrupp an Seilen bei Erstürmung an einer Hausfassade

Leonardos Entwurf für einen Streitwagen mit beschleunigtem Rotor

Innovation an der Schmiedezange: der Griff mit Schraubgewinde.

Unten eine Leonardo-Skizze

Sucht sie schon einen Job? Die pseudosuizidale Studentin Anna Odell

Leben am Abgrund: Vor 50 Jahren begannen arme Chinesen, auf den

Dächern von Hongkong improvisierte Häuser zu bauen

Kein Millimeter wird verschenkt: Blick in eine der Dachwohnungen

Der Maler Herbert Volkmann, 55, in seinem Atelier in Berlin-Mitte. Kontakt: www.galerievolkerdiehl.com

In sechs Minuten fährt der Holzmantel auf Schienen über den 28 Meter langen Komplex aus drei Gebäuden

Künstler und ihre Bands: Martin Eder alias Richard Ruin (oben links), A. R.

Penck am Schlagzeug der "Penck- Band" (oben rechts) und Carsten Nicolai als "noto" oder "alva noto"

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