Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 92
Von Mäusen und Mördern
Von Mirja Rosenau
HAMBURG: MAN SON 1969 - VOM SCHRECKEN DER SITUATION
Was hat Charles Manson mit mongolischen Wüstenrennmäusen gemeinsam?
So viel wie die Sesamstraße mit der Baader-Meinhof-Gruppe, Max Beckmann mit Kinderprostituierten an der tschechischen Grenze oder Andy Warhols Experimenten zur psychedelischen Reizstimulation. Die Ausstellung "MAN SON 1969" bringt vieles mit vielem zusammen, wobei alles um ein gemeinsames Zentrum kreist: die bestialischen Morde, mit denen die "Manson-Family", eine kalifornische Hippie-Kommune um Anführer Charles Manson, 1969 die Welt aufschreckte.
Gerade noch war die Menschheit höchst zivilisiert auf dem Mond gelandet, als sie sich auf Erden schon im archaischen Blutrausch erging. Flowerpower ging schockierend fließend in Helter Skelter über. Das Jahr war durch eine "Ambivalenz der Extreme" geprägt.
Um deren "Reiz und Gefahr" nachzuspüren, werden in der Kunsthalle 53 Kunstwerke angeführt. Viele haben die Kuratoren Frank Barth und Dirck Möllmann in Auftrag gegeben, zu gut einem Drittel werden Arbeiten aus der Sammlung hinzukombiniert. Sie assoziieren George Grosz' Frauenmörder oder Meister Franckes Christus und stellen Parallelen zwischen dem Amerika von einst und heute und einem Versuchsaufbau mit Mäusen (Lutz Dammbeck, "Die Umerziehung der Umerzogenen", 2007/09) her. Keineswegs wolle man, so betonen die Kuratoren, einen "eindeutigen wissenschaftlichen oder sozialgeschichtlichen Ansatz" verfolgen, auch werde keine "explizite Aufklärungsthese" aufgestellt. Wie Fliegen lassen sie die Werke vielmehr um den "dunklen Fixstern" Manson schwärmen und erzeugen damit manch gelungenen Gruseleffekt.
Um Bedeutungen keinesfalls zu verengen, wird den Werken dann allerdings auch in der Ausstellung keinerlei erklärender Text zur Seite gestellt. So wird das schillernde Thema einmal mehr verrätselt und sein gefährlich reizvolles Zentrum umso anziehender gemacht. Man mag sich schließlich gegen jeden "roten Faden" verwehren: Er zieht sich wie eine schlecht verwischte Blutspur durch die Schau, an die sich fast unwillkürlich der Aufklärungseifer heftet.
Termin: bis 26. April. Katalog: 9 Euro.
Internet: www.hamburger-kunsthalle.de
Bildunterschrift:
Lutz Dammbecks Versuchsaufbau mit Menschen, hier leider ohne Mäuse
