Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 110-111

"Die Sache wird gut ausgehen"

Von Stefan Koldehoff

Finanzkrise I: MoMA-Direktor Glenn D. Lowry zur Lage der US-Museen

AKTUELLES AUS DER WELT DER KUNST

Besonders hart trifft die globale Finanzkrise, so ist in Deutschland oft zu lesen, die privat finanzierten Museen in den USA, angeblich, weil die nötigen Spenden ausblieben. art-Autor sprach darüber mit einem der mächtigsten Museumschefs der USA, mit dem New Yorker MoMA-Direktor Glenn D. Lowry, der im Kölner Museum Ludwig zu Gast war. art: Wie geht es dem Museum of Modern Art im Moment?

Lowry: Museen unterscheiden sich da überhaupt nicht von anderen Institutionen oder Unternehmen.

Wir unterliegen denselben Kräften, die uns in guten Zeiten florieren und in schlechten Zeiten leiden lassen. Wir erleben gerade schwierige Zeiten. Aber insgesamt, so glaube ich, sind die Museen in den USA in guter Verfassung.

Das bedeutet nicht, dass sie nicht auch leiden. Aber sie haben die Ressourcen, dem Sturm zu trotzen. Natürlich muss man die Lage Stadt für Stadt und Region für Region bewerten. Es gibt Orte wie New York, die gute Voraussetzungen haben: Hier leben viele Menschen, viele besuchen die Stadt, und selbst in schwierigen Zeiten ist noch genügend Kapital vorhanden. Einer Kleinstadt im mittleren Westen geht es da anders.

Gibt es Formen von öffentlich finanzierter Unterstützung?

Das MoMA profitiert von sehr günstigen Regelungen, die es Stiftern erlauben, für Geld- oder Kunst spenden Steuervergünstigungen zu erhalten. Das ist eine Form der indirekten Subventionierung.

Aber 99 Prozent unseres operativen Budgets kommen aus selbst erwirtschafteten Einnahmen.

Ein Prozent sind städtische Beihilfen - etwa für museumspädagogische Angebote.

Sind Sie neidisch, wenn Sie sehen, dass in Deutschland Kommunen, Länder oder der Staat Museen stützen?

Gar nicht. Ich bewundere das.

Aber es gibt viele verschiedene Wege, ein Museum zu organisieren und zu betreiben. Keiner der Wege ist besser als der andere.

Müssen Sie durch die Krise auf Werke verzichten, die Sie gerne ankaufen würden?

Oh, die Liste wird gerade länger und länger. Die Ironie des Augenblicks, den wir gerade erleben, ist ja, dass man, wenn man die Mittel hätte, so gut wie kaum jemals zuvor kaufen könnte. Die Preise am Kunstmarkt haben sich nicht nur stabilisiert, sie sinken gerade dramatisch. Also sollte man im Moment Ausschau halten, und das tun wir. Aber unsere finanziellen Möglichkeiten sind durch die Krise eingeschränkt.

US-Museen haben eine Möglichkeit, die in Deutschland Tabu ist.

Sie können Werke aus der eigenen Sammlung verkaufen ...

Ja, das war seit der Gründung unseres Hauses eine ganz zentrale Möglichkeit, um eine Sammlung in dieser Qualität zusammenzubekommen.

Und das ist auch gut so. 1931 erhielten wir das erste Bildergeschenk von Lillie P. Bliss - mit der ausdrücklichen Anweisung, wieder zu verkaufen, wenn wir dafür wichtigere Arbeiten kaufen können. Also haben wir einige Degas-Bilder aus ihrer Sammlung verkauft und damit die epochalen "Demoiselles d'Avignon" von Picasso zu bezahlen.

Würden Sie Werke verkaufen, um den Betrieb zu finanzieren?

Nein, Kunst darf nur verkauft werden, um andere Kunst zu kaufen.

Was wird sich für das MoMA verändern, wenn die Krise anhält? (Klopft auf Holz) Bisher haben wir nicht viel gemerkt. Der Tourismus in New York hat nicht merklich abgenommen. Der schwache Dollar macht es für Europäer und Asiaten interessant, hier Geld auszugeben.

Das kann sich alles ändern.

Die Herausforderung für alle Museen ist nun, stärker als zuvor mit unserem Publikum in Verbindung zu treten. Die Menschen haben begrenzte Zeit, begrenzte Mittel, und sie haben Angst. Früher hieß es: Wir sehen einen Film, dann gehen wir ins Museum und anschließend essen. Das ist in den USA vorbei. Da geht man jetzt entweder ins Kino oder ins Museum.

Noch müssen Sie keine Ausstellungen streichen oder bei den Lauder-Brüdern um einen neuen Scheck bitten?

Es wäre schön, wenn man jedesmal bei Leonard oder Ronald S.

Lauder klingeln könnte und einen Scheck bekommen würde. Nein, wir hängen von unserer Fähigkeit ab, uns selbst zu helfen - durch Eintrittsgelder, Mitgliedschaften, Fundraising und unsere Shops.

All das wird schwieriger werden.

Ich mache mir keine Illusionen.

Bisher mussten wir keine Ausstellungen streichen. Aber wenn die Lage sich verschlechtert, müssen wir neu nachdenken. Das Dilemma ist, dass niemand weiß, wie schlecht sich die Sache entwickeln kann. Ich sehe mir die Fakten sorgfältig an, traue keiner Prognose - und glaube doch, dass die Sache gut ausgehen wird.

Das ungekürzte Interview lesen sie auf: www.art-magazin.de/lowry

Bildunterschrift:

Buhlen ums Publikum: Das MoMA hat in New Yorker U-Bahnstationen Werke aus der Sammlung plakatiert - hier eine Arbeit von Cindy Sherman

Markenzeichen rote Socken:

Glenn D.

Lowry, seit 1995 Direktor des Museums of Modern Art in New York

Trotz Krise ein gefragtes Touristenziel: das MoMA in Manhattan