Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 113
Das Ende der Glamourbauten?
Von Till Briegleb
Krise III: Deutsche Architekten sehen positive Seiten
Es gibt unter Architekten die Redewendung vom "atmenden" Büro. Damit ist nicht eine neue Klimatechnik gemeint, sondern das zyklische Entlassen und Einstellen von Mitarbeitern. Angestellte mit Projektverträgen werden in der Konjunktur ein- und mit der Krise ausgeatmet - im Moment also eher aus. Der holländische Architekt Erick van Egeraat hat kürzlich Insolvenz angemeldet, Norman Foster entlässt weltweit 350 Mitarbeiter, schließt seine Büros in Berlin und Istanbul, und auch renommierte deutsche Büros wie Sauerbruch und Hutton (Berlin) mussten Arbeitsverträge auslaufen lassen.
Doch halten sich die Erstickungsanfälle in Grenzen. Da Bauen ein langwieriges Geschäft ist, verzögert sich die Dramatik. Das "haarige Ende" erwartet Matthias Sauerbruch, dem vier zukünftige Projekte auf Eis gelegt wurden, in den nächsten Jahren. Zwar werden in Westeuropa laufende Projekte in der Regel fertig gebaut, aber Sauerbruch sieht für die Architektur bestätigt, was Karl Lagerfeld für die Mode erklärt hat: "The Bling is dead!" Internationale Glamourbauten sind am meisten bedroht: So wird der für St. Petersburg geplante Gazprom- Turm - ein 396 Meter hoher Entwurf des Londoner Büros RMJM Architects - vorerst nicht realisiert.
Das vom Büro Foster erdachte Moskauer Hochhaus Russia, als 600 Meter hohes Symbol für Russlands Größe erdacht, soll nun auf 200 Meter gestutzt werden.
Deutsche Architekten sehen diese Entwicklung durchaus positiv.
"In den letzten Jahren gab es nur die Unterscheidung zwischen spektakulär und langweilig. Das war nicht hilfreich", meint Michael Schumacher vom Frankfurter Büro Schneider + Schumacher und fügt hinzu: "Mittlerweile ist die Bezeichnung ‚Stararchitekt' eher ein Schimpfwort. Ich möchte keiner sein." Auch Jürgen Engel von KSP Engel und Zimmermann - international agierendes Büro mit Hauptsitz in Braunschweig - erwartet ein Ende des "leichtfertigen Entwerfens". Deutsche Büros, bis her oft wegen ihrer technisch innovativen, aber ästhetisch nüchternen Baukultur belächelt, sieht Engel gegenüber "Windeiern" im Vorteil. Gewissenhaftigkeit sei in schwierigen Zeiten ein enormer Wert.
Eine reale Krise bei den 40 000 Architekten in Deutschland gibt es nicht. Amandus Sattler vom Münchner Büro Allmann Sattler Wappner meint: "Geld ist genug da. " Doch stehen große Projekte auf dem Prüfstand, weil teure Neubauten als "derzeit falsches Signal" empfunden werden, wie es in der Begründung des Daimler- Konzerns zur vorläufigen Absage des Neubaus der Zentrale in Stuttgart heißt. Jürgen Engel sieht die Rezession deswegen mehr im Psychologischen. Die Branche leide nicht am Abschwung, sondern:
"Das Krisengerede nervt!" Also:
Einmal durchatmen, bitte!
Bildunterschrift:
Wird gestutzt: das Moskauer Hochhaus Russia (links außen/ Simulation) - vorerst nicht gebaut wird der Gazprom-Turm in St. Petersburg (Simulation)
Wird weitergebaut: Leipzigs Paulinum von van Egeraat
