Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 92-93
Ein Mann, ein Wort
Von Tim Sommer
LONDON: TATE TRIENNALE
Die Tate Britain ruft eine neue Kunstepoche aus. Diese Triennale hat zwei Teile, die nicht viel miteinander zu tun haben und deshalb getrennt zu bedenken sind: Die Schau selbst - und ihren Titel. "Altermodern" hat Kurator Nicolas Bourriaud seine Ausstellung genannt, eine Wortschöpfung, die eine neue, eine "andere Moderne" ausruft. So ernst ist es der Tate, dass der eben lancierte Epochenbegriff gleich einen dicken Eintrag im neu erschienenen Tate-Kunstwörterbuch bekommt. "Altermodern", so heißt es da, sei eine "Neudefinition der Moderne im Zeitalter der Globalisierung, die sich auf Übertragungen zwischen den Kulturen und Raum-Zeit-Übergänge bezieht." Künstler der anderen Moderne "positionieren sich in den Brüchen der Weltkultur". Das klingt romantisch und etwas überspannt zugleich.
Aber es hat seinen Charme: Die Welt - und damit die Bedingungen und Themen der Kunst - haben sich nach dem Mauerfall durch Internet und Globalisierung radikal verändert. Jede Documenta, jede Biennale macht es augenfällig - aber noch fehlt ein Begriff, um das schillernde Phänomen einer weltweit vernetzten Kunst zu bezeichnen, die formal fast nichts und inhaltlich so vieles verbindet. Wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich die Moderne formierte, stehen wir wieder an einer Epochenschwelle.
Das 21. Jahrhundert ist eben nicht nur postkolonial, postmodern, post kommunistisch - wir richten uns grundsätzlich neu ein in der Welt. Was ist uns die Natur wert? Welche Rolle spielt die Herkunft noch für das Ich?
Welche Verheißungen kommen nach den Ideologien? Neue Fragen werden die Kunst für viele Jahrzehnte beschäftigen.
Es wird sich zeigen, ob sich der noch ziemlich hohle Begriff "Altermodern" als Gefäß bewährt, die Tendenzen dieser unübersichtlichen Zeit darin einzusammeln.
Zum Glück aber ist Bourriaud keiner dieser Dikta-Kuratoren, die Kunst dazu missbrauchen, ihre Thesen zu beweisen.
Seine Triennale ist klug und zugleich sinnlich, abwechslungsreich, stark.
Große Namen, fast unbekannte Künstler, alte Helden und junge Avantgarde - Bourriaud mischt nach Belieben und verzichtet auch auf den der Tate Britain sonst obligatorischen Insel-Bezug. In den heiligen Hallen der Duveen-Galerien explodiert ein riesiger, glitzernder Atompilz von Subodh Gupta, gebaut aus Edelstahl-Küchenkram - ein Kommentar zu Bevölkerungsexplosion und Pakistan-Konflikt. Lindsay Seers baut Thomas Edisons erstes Filmstudio von 1893 nach und zeigt darin eine sehr lustige autobiografische Studie: Sie habe als Kind, überwältigt vom Sehen, spät sprechen gelernt und dann entschieden, eine Kamera zu werden, später dann ein Projektor für die gesammelten Eindrücke.
Kann man eine Künstlerexistenz besser begründen? Walead Beshty schickte schlichte Glaswürfel um die Welt, klebte dann die Bruchstücke wieder zusammen und präsentiert sie auf den für die Reise benutzten FedEx-Kartons als Sockel: ein bissiges Globalisierungsdenkmal.
Peter Coffin inszeniert mit klassischen Werken aus der Tate-Sammlung eine Multimediashow, nicht wahnsinnig geistreich, aber doch effizient, um neue Sinnresourcen scheinbar totgesehener Kunst zu erschließen.
Klare Konturen einer anderen Moderne entstehen so freilich nicht - aber Bourriauds Ausstellung beweist immerhin, dass dröge Dokumentationen, Markt- und Ethnokitsch nicht die letzten Antworten der Kunst auf die Globalisierung waren.
Termin: bis 26. April. Katalog: Tate Publishing, 17,99 Pfund, im Buchhandel zirka 25 Euro.
Internet: www.tate.org.uk
Lesen Sie ein Interview mit Nicolas Bourriaud auf: www.art-magazin.de/Bourriaud
Bildunterschrift:
Die Sammlung als Bühne: Peter Coffimit Licht und Geräuschen Werke von Naum Gabo (Mitte), William Turner und Francis Picabia
