Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 111-112
Weniger Geld, weniger Besucher
Von
Finanzkrise II: Auch europäische Museen spüren erste Folgen
Die schwere Finanzkrise hat die Museen in den Vereinigten Staaten ungleich härter getroffen als die meist öffentlich subventionierten europäischen Häuser. Aber auch hier hat die weltweit schwierige Wirtschaftslage zu Einschränkungen geführt.
Abgesagte Ausstellungen, zurückgehende Besucherzahlen, weniger Sponsorengelder - art-Korrespondenten haben nachgefragt.
Hamburg: "Es gibt Partner, die uns infolge der aktuellen Entwicklung nicht mehr unterstützen", räumt die Sponsorenbeauftragte der Hamburger Kunsthalle Ida Kaufmann ein, allerdings ohne Namen oder Folgen zu nennen. Der zum Museum gehörenden Galerie der Gegenwart macht zudem eine spezielle Krisenerscheinung zu schaffen: In Finanznot geratene Kunstbesitzer fordern ihre Leihgaben zurück. "Es sind immer Einzelfälle, aber das geht dann manchmal von heute auf morgen ... Dann kommt ein Anruf: Bitte einpacken, morgen muss es da und da sein", erklärte Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner (Foto) jüngst im Rundfunk.
Leipzig: Für Sonderausstellungen wird im Grassi- Museum für Angewandte Kunst traditionell mit Sponsorengeldern gerechnet. Doch nur für eine von sechs Sonderausstellungen in diesem Jahr ist das Budget komplett gedeckt. "Einige Geldinstitute, die uns gefördert haben, bestehen so gar nicht mehr", erklärt Museumsdirektorin Eva Maria Hoyer (Foto).
"Ich fahre nun einige Projekte auf Sparflamme. Für eine Ausstellung müsste ich in ganz Sachsen und Berlin plakatieren, kann es aber nur in Leipzig. Für eine andere Ausstellung mussten wir den Katalog weglassen."
Basel/Winterthur: "Die Auswirkungen der Krise erreichen die Schweiz weniger dramatisch", meint der Direktor des Kunstmuseums Basel, Bernhard Mendes Bürgi. Sein Haus ist wie die meisten Museen im Land zum Großteil von der öffentlichen Hand getragen, und mit privaten Sponsoren gibt es langfristige Verträge. Selbst die gebeutelte Großbank UBS "erfüllt vollständig ihre Zusagen für die Van-Gogh-Ausstellung", die in Basel Ende April eröffnet wird. Scharf im Wind steht das Fotomuseum Winterthur, das nur zu 25 Prozent öffentlich subventioniert ist. "Uns fehlen im laufenden Jahr 250 000 Franken (rund 170 000 Euro)", sagt Direktor Urs Stahel (Foto). "Wir müssen da und dort einsparen."
Lyon: In Frankreich ist Kultur Chefsache, weshalb die Haushalte der großen Museen gesichert sind. Doch Sonderveranstaltungen wie die Biennale von Lyon, die vom Direktor des Museums für moderne Kunst Thierry Raspail (Foto) geleitet wird und auf private Gelder angewiesen ist, haben es schwer: So zog neben anderen Sponsoren auch Renault seine Zusage für die Biennale zurück, die am 16. September beginnen soll. Daraufhin trat die designierte Biennale-Kommissarin Catherine David zurück. Ihr Nachfolger, Hou Hanru, und Raspail versichern tapfer: Die Biennale findet statt!
Frankfurt: Durch den Konkurs von Lehman Brothers geht dem Städel-Museum und der Schirn eine jährliche Unterstützungssumme im fünfstelligen Bereich verloren. Doch, so räumt Direktor Max Hollein (Foto) ein, "wir haben beispielsweise mit einem guten Dutzend Unternehmen, darunter die Bank of America, Škoda-Auto Deutschland oder Bank Julius Bär, längerfristige Corporate-Partner-Verträge". Für das laufende Jahr sei das Programm in allen drei Häusern (inklusive Liebieghaus) abgesichert. "Aber es wird in Zukunft gewiss schwieriger."
München: Die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne kann 2009 keine Automobilausstellung realisieren. So musste die für Sommer geplante Schau zur 50-jährigen Erfolgsgeschichte des Mini abgesagt werden, weil der entsprechende Partner aus der Industrie abgesprungen ist. Florian Hufnagl (Foto), Direktor der Neuen Sammlung:
"Die Zeiten sind hart und gerade Ausstellungen zum Automobildesign schwierig geworden. Aber unser Museum ist krisenerprobt und findig."
Wien: Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder (Foto) meldete einen Ausfall von zwei Millionen Euro Sponsorengeldern, ein "herber Verlust". Auch bei den Vermietungen bekommt die Top-Location Albertina die Wirtschaftskrise zu spüren: "Wir rechnen mit 300 000 Euro weniger", so der Direktor.
Abgenommen haben auch die Touristenströme:
"Aus der Finanzkrise ist eine Wirtschaftskrise ist eine Tourismuskrise geworden - und die ist jetzt auch bei den Museen angelangt", analysiert Schröder. In den nächsten Jahren wird er zwölf Millionen Euro einsparen müssen, als Erstes sagte er deshalb schon mal die kleinen Studienausstellungen ab. Die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, Sabine Haag, räumt "rückläufige Besucherzahlen" ein, ohne konkret zu werden. Bei den Sponsoren, so Haag, "hat man den Eindruck, es ist zäh, und die Banken sind ganz draußen".
Amsterdam: Beim Van Gogh Museum rechnet man dieses Jahr nur noch mit 1,25 Millionen Besuchern, letztes Jahr wurden noch 1,5 Millionen Besucher gezählt: Allein im Januar 2009 kamen 20 Prozent weniger Gäste als im Vorjahresmonat.
Sponsoren sind bislang noch nicht abgesprungen, doch, so Direktor Axel Rüger, "es ist eine Herausforderung, in diesen Zeiten neue Sponsoren zu gewinnen". Auch sein Kollege Wim Pijbes (Foto), Chef des Rijksmuseum, ist vorsichtig:
"Wir müssen niemanden entlassen, aber wilde Sprünge werden wir dieses Jahr nicht machen." Pijbes rechnet mit 15 Prozent weniger Museumsbesuchern.
London: Die National Gallery lässt über ihre Pressestelle mitteilen, man sei "besorgt" wegen der Rezession und habe "einige Sponsoren verloren, doch andere hinzugewonnen". Das Institut sei allerdings "in der glücklichen Lage, einen dreijährigen Sponsorenvertrag mit Credit Suisse" zu haben.
Direktor Sir Nicholas Penny (Foto) beteuert, er sei "fest entschlossen, der Versuchung zu widerstehen, in die Defensive zu gehen, und statt dessen positiv zu bleiben".
Berlin: Bislang muss im Gropius-Bau erst ein fest eingeplantes Ausstellungsprojekt auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Doch Direktor Gereon Sievernich (Foto) rechnet mit einer Verschärfung der Lage. "Die Bugwelle kommt erst noch an", so Sievernich. Bei den Staatlichen Museen haben sich die Folgen der Krise auch noch nicht dramatisch bemerkbar gemacht. Nur eine Ausstellung musste auf 2010 geschoben werden, weil kurzfristig Sponsoren ihre Unterstützung verringert oder zurückgezogen haben. Zwar meldete die Deutsche Bank Rekordverluste, doch Friedhelm Hütte, Leiter der Kunstabteilung der Bank, will an der Kooperation mit der New Yorker Guggenheim in Berlin nicht rütteln.
Es gelte "jetzt noch effizienter mit den vorhandenen Mitteln umzugehen".
