Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 79

Die Ästhetik des Aufbaus

Von Kito Nedo

Fotografien aus Palästina und Deutschland - zwei Schauen im Gropius-Bau

BERLIN: LISELOTTE GRSCHEBINA/HANNES KILIAN

Ohne die Umzugspläne von Beni Gjebin, dem Sohn der 1994 gestorbenen jüdischen Fotografin Liselotte Grschebina, würde es die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau womöglich nicht geben. Beim Aufräumen in seiner Wohnung im Jahre 2000 erinnerte sich Gjebin, dass die Fotosammlung seiner Mutter in einem Wandschrank lagerte. Schon 1957 hatte sie das Fotografieren aufgegeben, um ihrem Mann, einem Arzt, in seiner Praxis zu helfen. Auf Anraten eines Freundes bot Gjebin das Fotokonvolut schließlich dem Israel-Museum in Jerusalem an. Dort konnte man den Zufallsfund kaum glauben:

Die 1800 bislang unbekannten Abzüge dokumentieren nicht nur die Emigration einer deutschen Jüdin vor der Nazi-Verfolgung nach Palästina, sondern auch, wie sie ihre an der "Neuen Sachlichkeit" geschulte Ästhetik in ihre neue Heimat mitnahm.

Denn Grschebina (Jahrgang 1908), die zunächst in Karlsruhe Gebrauchsgrafik und figurative Malerei studiert hatte, bevor sie sich Ende der zwanziger Jahre an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart im jungen Fach der Werbefotografie einschrieb, war eine strikte Verfechterin des "Neuen Sehens", eines ungeschminkten Realismus, den die Avantgarde in den Zwanzigern zum ästhetischen Programm erklärt hatte.

So vereint die Ausstellung nicht nur modernistische deutsche Werbefotografie der Weimar-Ära mit der Aufbauästhetik vor und nach der Gründung Israels, sie legt auch Zeugnis ab von der Bildfindung der Fotografie selbst, als viele ihrer Produzenten ihr Potenzial, etwa die Montagetechnik, erstmals erkundeten.

Weniger spektakulär ist die Nachlassgeschichte von Hannes Kilian (1909 bis 1999), dem im Gropius-Bau zeitgleich eine Retrospektive gewidmet ist: über 500 000 Negative hinterließ der deutsche Pressefotograf, der für deutsche Zeitungen wie "Die Zeit" und internationale Magazine wie "Time Magazine" arbeitete. Sie befinden sich im Archiv des Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart.

In der Ausstellung, die vor allem Reportagefotografien zwischen 1937 und 1987 präsentiert, wird deutsche Geschichte erfahrbar: das kriegszerstörte Stuttgart, das geteilte Berlin, politische Repräsentanten wie Ludwig Erhard. Durch Kilians Fotos werden sie, eben so wie einfache Arbeiter oder Künstler, sondern einfühlsam als Menschen mit besonderer Gabe porträtiert.

Termine: Liselotte Grschebina, 5. April bis 28. Juni; Hannes Kilian, 4. April bis 29. Juni. Kataloge: Grschebina, 12 Euro; Kilian, Hatje Cantz Verlag, 25 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro. Internet: www.gropiusbau.de

Bildunterschrift:

"Hebräische Wassermelone", Foto von Liselotte Grschebina, entstanden um 1935

Hannes Kilian: "Luftbrücke" von 1949