Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 58-59

Sehnsucht nach Legenden

Von Thomas Glavinic

Seit Jahren träumt von Nusch, der Frau des Schriftstellers Paul Eluard, und deren Freundin Sonia Mossé, die Man Ray 1930 beide porträtierte

Blickwechsel Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt SERIE (6)

Mit 20 lebte ich in einer WG, trug unvorteilhafte schwarze Kleidung und arbeitete viermal die Woche als Taxifahrer, von 17 Uhr bis fünf Uhr früh, manchmal auch von 17 Uhr bis 17 Uhr.

Ich kam gegen sechs nach Hause, schlief selten vor sieben ein, wachte nachmittags gegen zwei auf und hatte dann noch zwei bis drei Stunden, ehe ich wieder im Taxi sitzen musste. Lesend wartete ich auf Fahrgäste, oft stundenlang.

Ich wollte ein Schriftsteller sein. Um zwei Uhr früh, wenn zumindest werktags nicht viel zu verdienen war, fuhr ich nach Hause und schrieb bis vier, dann brachte ich noch ein, zwei Geschäftsleute zum Flughafen und machte Schluss.

Diese zwei Stunden am Schreibtisch waren mir wichtig. Sie hielten meinen Glauben daran aufrecht, dass die Durchschnittlichkeit meines Alltags einmal ein Ende haben könnte, dass ich ein Schriftsteller werden würde, ein guter und ein berühmter, mit allen Konsequenzen.

An den freien Tagen schrieb ich und trieb mich herum.

Abends traf ich Geistesverwandte, zumindest hielt ich sie dafür, ich kam erst später dahinter, dass sie die Bücher, die sie lasen, eher als Chic begriffen und weniger als eine Chance, etwas Neues, Großes für ihr Leben zu entdecken.

Wir saßen herum, tranken, stritten, schwangen große Reden und suchten nach einer Möglichkeit zum Sex.

Einer der Freunde hatte einen dicken Band über die Fotografie von Man Ray. Abends blätterte ich darin, betrachtete die Fotos, las über den Hintergrund ihrer Entstehung.

Die Namen der Dadaisten und Surrealisten kannte ich schon lange, ich mochte, was sie geschrieben hatten, und hier nun sah ich viele von ihnen abgebildet. Ich besorgte mir "Die zwölf Gespräche der Surrealisten über Sexualität", in denen auch Frauen zu Wort kamen, die von Man Ray fotografiert worden waren. Schöne Frauen. Kluge Frauen. Selbstbewusste Frauen. Geheimnisvoll und unnahbar.

Aber irgend jemand, das sah man auch, kannte sie doch näher. Ich vermutete: Künstler. Schriftsteller gar.

Mein Lieblingsbild war jenes von Nusch Eluard und Sonia Mossé. Es sieht aus, als halte Sonia Mossé Nusch Eluard in den Armen, und man erkennt nicht, dass Nusch Eluard in Wahrheit brünett ist, weil Mossés Haar über ihrem liegt.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich dieses Bild betrachtet habe, vom Wunsch erfüllt, ein Teil dieser Geschichte zu sein oder wenigstens eine ähnliche zu erleben. Eines hoffentlich nicht fernen Tages in solchen Kreisen zu verkehren.

Ein echter Schriftsteller zu werden, gut, geehrt und erfolgreich, dessen Freunde andere echte Künstler sind, gut und geehrt und erfolgreich. Mit Fotografen unter ihnen, die nicht nur knipsen, sondern fotografieren. Mit Frauen unter ihnen, die schön und klug sind, aufregend und verführerisch, sexuell selbstbestimmt, modern und wild und unkonventionell. Das wünschte ich mir: Legenden zu erleben. Zeiten, Milieus, Kreise, in denen alles passieren könnte. Mein Man Ray würde mich anrufen, komm vorbei, ich mache Fotos von dir, ich würde hingehen, und er hätte eine richtige Idee, er hätte sich genau überlegt, was für ein Foto er mit mir machen wollte.

Aber vor allem natürlich: die Frauen. Wo traf man solche wie die beiden auf dem Foto? Wo lief in meiner realen Welt eine Nusch Eluard herum? Wo begegnete ich einer Sonia Mossé? Denn das war es, was ich unter allen Umständen wollte: erstens: ein guter Schriftsteller sein. Zweitens: schöne, aufregende Frauen gut kennen lernen.

Heute, wenn ich dieses Bild ansehe, über 15 Jahre später, denke ich darüber nach, ob bis jetzt viele meiner Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Ich habe Romane veröffentlicht, und ich muss längst nicht mehr als Taxifahrer arbeiten. Das ist mehr, als mir damals prophezeit wurde.

Ob ich ein guter Schriftsteller geworden bin, werde ich nie wissen, denn das erfährt man selbst nun mal nicht.

Ein Man Ray ist mir noch nicht begegnet (vielleicht, weil ich kein Paul Eluard bin?). Ich halte mein Gesicht für Pressefotos hin und höre klick, klick, klick. Ich kenne und treffe andere Künstler, aber verruchte Salons sind nie der Ort unserer Zusammenkunft. Ganz grundsätzlich findet zu wenig statt, was dereinst als Legende taugen würde, mir selbst oder gar anderen. Zumal mir auch selten Frauen wie die beiden auf dem Bild begegnen, Frauen, deren Gesichter für mich Projektionsflächen sein können für Sehnsüchte, die über die Banalitäten der alltäglichen zwischenmenschlichen Wünsche hinausreichen. Frauen, die einfach großartig und hinreißend sind, würdevoll, schön, charismatisch, Frauen, an die es sich ständig zu denken lohnt, die das Leben mit höherer Bedeutung füllen. Solche nämlich sah ich mit 20 auf diesem Bild, ich sah die Verheißung einer Zukunft, in der sich die Dinge verdichten würden.

Wahrscheinlich hatten auch Man Ray und die Surrealisten nicht nur legendenhaften Alltag. Wahrscheinlich war es nicht mal ganz einfach, der Mann von Nusch Eluard zu sein, selbst wenn man Paul Eluard war. Egal. Die Welt, die dieses Bild für mich zeigt, ist eine gloriosere, als ich sie je kennen gelernt habe, und auch wenn ich vielleicht eines Tages aufhören werde, nach dieser Welt zu suchen, so werde ich doch wohl nie aufhören, von ihr zu träumen.

Kasten:

Der 1972 in Graz geborene österreichische Romanschriftsteller wurde mit seinem Debüt "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" (1998) bekannt. Es folgten "Herr Susi" (2000) und "Der Kameramörder" (2001), alle beim Verlag Volk und Welt. Der Roman "Wie man leben soll" (2004) erschien beim Deutschen Taschenbuch Verlag. Seither veröffentlichte er im Hanser Verlag "Die Arbeit der Nacht" (2006) und wurde mit dem Förderungspreis zum Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. Mit dem Roman "Das bin doch ich" (2007) war der Autor in der Finalrunde für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Bildunterschrift:

"Frauen, die einfach großartig und hinreißend sind, würdevoll, schön, charismatisch, Frauen, an die es sich ständig zu denken lohnt"

Man Ray: "Nusch (Eluard) und Sonia Mossé", (Silbergelatineabzug, 17 x 12 cm, 1930)