Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 52-57

Bauchtanz der weißen Wände

Von Till Briegleb

In Deutschland gilt noch immer das Bauhaus-Evangelium der Transparenz und des rechten Winkels. Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. setzt fließende Baukörper und spektakuläre Fassadenkostüme dagegen - Event-Architektur oder Befreiung der Form?

Wirkungsvolle Philosophie zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch auf ihre Parolen verkürzt noch funktioniert. Sokrates' "Ich weiß, dass ich nichts weiß", Nietzsches "Gott ist tot" oder Wittgensteins "Wovon man nicht reden kann, dar über muss man schweigen" sind Zitate, deren Sinn so klar ist, dass sie in vielen Zusammenhängen schlüssig erscheinen. Das gilt auch für den Heraklit zugeschriebenen Ausspruch "Alles fließt!", der in unserer Gegenwart flüchtiger Werte und Bin dungen wie ein Leitspruch wirkt.

Auch Jürgen Mayer H. führt Heraklits "panta rhei!" im Munde, wenn er über seine Arbeit spricht. "Alles fließt und setzt sich miteinander auseinander", sagt er, um die flüssigen Grenzen zu beschreiben, die für ihn zwischen Kunst, Architektur und Design bestehen.

Jürgen Hermann Mayer, wie er urkundlich heißt, experimentierte bisher mit temperaturempfindlicher Bettwäsche, die einen Abdruck des warmen Körpers zeigt, entwarf mittelmäßig bequeme Sessel aus Mosaiksteinchen für den Design-Glasmosaikhersteller Bisazza, baut Häuser als amorphe Gebilde, die keinerlei Hinweis auf ihre Nutzung mehr geben, oder zeigt in Galerien und Museen vergrößerte Datenschutzmuster als Kommentar zur Überwachungskonjunktur des medialen Zeitalters. Die Muster finden sich aber auch auf den Oberflächen seiner Möbelentwürfe, deren runde Formen wieder in den Fassaden seiner Gebäude auftauchen, die wiederum wie Skulpturen wirken.

Diese fließenden Übergänge zwischen den Genres verlaufen sich zu einem homogenen Stil, einer unverwechselbaren Jürgen-Mayer-H.-Ästhetik aus erstarrten Energieflüssen und abstrakten Naturzitaten, die auf eine lange Traditionslinie zurücksieht: Obwohl Gebäude Heraklits Bildnis vom Fluss der Dinge besser nicht konkret er füllen sollten, haben Architekten immer wieder versucht, mit steifen Formen Bewegung, Zeit und Dynamik dar zustellen. Angefangen beim Barock, wieder aufgenommen im Jugendstil und im Expressionismus eines Erich Mendelsohn mit seinem Einsteinturm und dem Kaufhaus Schocken in den zwanziger Jahren, rollte die Welle der Begeisterung für den erstarrten Schwung über die siebziger Jahre, wo die Linien vor allem im Design das Tanzen lernten, hin zu der computergenerierten so genannten Blob-Architektur der Gegenwart.

"Mich interessiert generell eine Architektur, die kräftig ist und einen starken Ausdruck hat, aber gleichzeitg elastisch und flexibel genug ist, mit unterschiedlichen Funktionen zu arbeiten", erklärt Jürgen Mayer H. das Zeichenhafte seiner Architekturentwürfe.

Seine Pavillons für den Erlebnispark der dänischen Heiz- und Klimatechnikfirma Danfoss in der Form absurder lehmfarbiger Wellengebirge lassen ebensowenig Rückschlüsse auf den Inhalt zu wie das sehnige Stützwerk der gelb verkleideten Mensa Moltke in Karlsruhe, das jeder Vorstellung einer stabilen Konstruktion spottet.

Bei der riesigen Pilzlandschaft in der Altstadt von Sevilla, "Metropol Parasol", die ab 2010 archäologische Aus grabungen, eine Markthalle, einen Versammlungsplatz und eine Aussichtsplattform in einer psychedelischen Struktur unterbringen wird, hat Jürgen Mayer H. die Travestie von Zweckarchitektur schließlich auf die Spitze getrieben. Und blättert man den kürzlich erschienenen Werkkatalog über die ersten zwölf Jahre seiner selbständigen Tätigkeit durch, so präsentiert sich Jürgen Mayer H. darin als ein erfindungsreicher Formspieler ohne Angst vor plakativen Gesten.

Doch der Mann, der so engagiert gegen das Gedankenkorsett einer anständigen Nutzarchitektur rebelliert, wirkt selbst überhaupt nicht wie ein Formen-Playboy. Seine Wohnung wie sein Büro befinden sich in einem gediegenen Gründerzeitbau in jenem Teil West-Berlins beim Ku'damm, wo eher die Rettung des gemütlichen Wohlstands der BRD die Stimmung prägt.

In dem aufgeräumten Büro in der Bleibtreustraße arbeiten viele adrette Männer mit ähnlichen Kurzhaarschnitten wie Jürgen Mayer H. einen trägt, und der Eindruck von Frechheit und Esprit wird eigentlich nur durch ein paar Möbelstücke von Konstantin Grcic und Arne Quinze sowie eine Wandcollage mit den Entwürfen des Büros gewahrt.

Der Chef selbst lässt jede Attitüde eines internationalen Stararchitekten vermissen. Wenn Jürgen Mayer lacht, dann eher verlegen. Sein Tonfall ist leise und weich, Interviews zu geben scheint ihm unangenehm. Und wenn man ihn auf den Prominentenstatus anspricht, den er als international beachteter Künstlerarchitekt mittlerweile hat, dann reagiert er bescheiden, wie man es zwar von dem Sohn der schwäbischen Provinz erwarten mag, der er ist, aber nicht von einem Mann, der einen Gestalterspleen auslebt. Das einzig wirklich Kapriziöse an ihm ist der Umgang mit seinem Allerweltsnamen:

Mittlerweile lässt sich Jürgen Mayer mit dem nachgestellten H. nur noch in Großbuchstaben schreiben, genau so: J. MAYER H.

Doch wenn er seine Konzeption von Gestaltung erklärt, dann merkt man - und er spricht es auch häufiger aus -, dass er kämpft. Jürgen Mayer H. kämpft mit den deutschen Dogmen von Transparenz und Nüchternheit, die ausgehend vom Bauhaus und der so genannten "Zweiten Stuttgarter Schule" Glas und rechten Winkel immer noch als die Kardinaltugenden guter deutscher Architektur propagieren.

Indem er seine Gebäude oft verschlossen und undurchsichtig entwirft, ironisch mit der Form umgeht und auch nicht vor greller Farbe zurückschreckt, formuliert Jürgen Mayer H. einen kritischen Ansatz, dessen Ziel es ist, gestalterischen Freiraum für eine vielfältigere Architektursprache zu gewinnen.

Dabei kämpft er natürlich auch mit dem Vorwurf, seine fließenden Formen seien nur ein neuer Dialekt des globalen Immobilienjargons.

Wenn von Shanghai bis Moskau in Investorensprache von der "bewohnten Skulptur", die "starke neue Identitäten" erzeuge, fabuliert wird, um damit vor allem rücksichtslos und schnell viel Geld zu verdienen, dann steht ein Architekt, der mit so augenfälligen Reizen baut wie Jürgen Mayer H., automatisch im Verdacht, die dienende Funktion der Architektur an den Kommerz zu verraten. Tatsächlich unterschätzt man die Kraft dieser Gebäude aber sehr, wenn man sie nur modisch und äußerlich betrachtet.

Die als Kunstwerke maskierten Häuser Jürgen Mayer H.s entwickeln gerade innen und im Detail eine Qualität, die das spektakuläre Fassadenkostüm rechtfertigen.

Bei seinem Erstlingsbau, dem 2002 eröffneten Stadthaus von Ostfildern, verbirgt die leicht schräg stehende Kiste mit der Schirmmütze, aus der ein computergesteuerter Regen Muster vor dem Haus in ein Wasserbecken fallen lässt, ein herrlich verschachteltes Gefüge. Frei stehende Treppen, große Öffnungen zu Gängen und Freiflächen so wie verschieden geformte Zimmer und Säle schaffen zahlreiche eigenwillige Raumeindrücke, die in einer seitlich klaffenden Loggia und einem Dachgarten ihren krönenden Abschluss finden.

Die Villa Dupli.Casa am Hang des Neckartals bei Marbach, die mit ihren marshmallowartigen Erkern wie der Glückstraum eines James-Bond-Szenografen wirkt, besteht im Inneren aus einer theatralisch ineinanderfließenden Raumfolge. Ein Bauchtanz weißer Wände auf einem dunklen Holzfußboden mit diversen Höhenunterschieden, Treppen und sportwagenartig gerahmten Ausblicken schafft hier eine Bühne des Lebens ohne Mitleid für Selbstzweifel. Bei einem Haus für Mädchen aus problematischen Familienverhältnissen in Hamburg-Bergedorf, das Jürgen Mayer H. für die Stiftung "Unternehmer Helfen Kindern" gebaut hat, funktioniert diese selbstbewusste Geste allerdings kontraproduktiv.

Die Mädchen, die in dem auffälligen grüngelben Objekt wohnen, fühlen sich durch die aufdringliche Form erneut stigmatisiert. Sie sind jetzt die "Kinder aus der komischen grünen Hütte".

Doch aus diesem gestalterischen Missverständnis zu schließen, Jürgen Mayer H. ignoriere soziale Zusammenhänge und die gesellschaftliche Verantwortung des Architekten, täte ihm wiederum Unrecht. Theoretisch interessieren ihn janusköpfige Begriffe wie "Transparenz", die vorne Ehrlichkeit und hinten Überwachung meinen. Mit Designobjekten versucht er das prekäre Verhältnis von Diskretion und Indiskretion in der Öffentlichkeit aufzuzeigen, wenn er rote Sitzgelegenheiten entwirft, auf denen der warme Po einen klar konturierten hellen Abdruck hinterlässt.

In der Praxis ist Jürgen Mayer H. bemüht, die "verdeckten Kräfteverhältnisse" einer Gesellschaft in seinen Entwürfen auszudrücken. Für ihn sei Architektur eine Möglichkeit, ein gesellschaftskritisches Statement abzugeben, betont er immer wieder. Ein Statement zur Nachhaltigkeit, wenn er bei dem hieroglyphenförmigen Stützsystem der Mensa Moltke den nachwachsenden Rohstoff Holz verwendet; ein Statement zur notwendigen "Inszenierung von Gemeinschaft", wenn er im Stadthaus von Ostfildern unterschiedlichste Funktionen von städtischen Behörden zur Bücherei und dem Trauzimmer in einer inspirierten Umgebung verknüpft; oder ein Statement für "Zukunftswollen", indem er seinen Gebäuden starke optische Anleihen aus den siebziger Jahren mitgibt, einer Zeit, als Optimismus die Menschen beflügelte.

Der Wunsch, Architektur philosophisch aufzuladen, treibt Jürgen Mayer H. dennoch nur am Rande um.

Vielleicht aus Vorsicht, weil Architekten in der Geschichte einfach zu häufig versucht haben, ihren persönlichen Geschmack als gesellschaftlich bedeutendes Anliegen zu verkaufen. Vielleicht aber auch, weil er wie alle guten Architekten ein Bastler und Optimist ist, der sich an den neuen Freiheiten des Bauens begeistert. Jedenfalls wünscht er sich vor allem, "dass Architektur weiterhin als Abenteuer verstanden werden kann." Bei Heraklit heißt eine solche Auffassung: "Im Wandel finden die Dinge zur Ruhe."

Literatur: Henry Urbach, Cristina Steingräber (Hrsg.): J. MAYER H., Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro. Ausstellung: "Patterns of Speculation. J.

MAYER H.", San Francisco Museum of Modern Art, bis 7. Juli. Galerie: Magnus Müller, Berlin.

Internet: www.jmayerh.de

Bildunterschrift:

Wie hingegossen an den Hang: die Privatvilla Dupli.Casa in der Nähe von Ludwigsburg

PRIVATVILLA DUPLI.CASA, BEI LUD WIGSBURG. Die Villa liegt am Hang des Neckartals, gegenüber dem Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Ein 1984 hier gebautes Haus wurde abgerissen, von 2005 bis 2008 errichtete Jürgen Mayer H. den Bau, der auf dem alten Grundriss basiert, diesen aber variiert. Im Gartengeschoss gibt es ein Schwimmbad (siehe Bild links), im mittleren Geschoss befinden sich die Wohnräume, im Obergeschoss Schlafräume und ein Arbeitszimmer.

Mayer H. baut amorphe Gebilde, die keinen Hinweis auf ihre Nutzung geben

HOCHSCHULMENSA IN KARLSRUHE.

Ob man dabei nun an ein "aufgeklapptes Nutellabrot" oder an Waben in einem Bienenstock denkt: Die 2007 fertiggestellte Mensa ist schon jetzt das bekannteste Gebäude auf dem Campus in Karlsruhe. Kein Fenster ist geformt wie das andere, innen wurde die Beleuchtung in die schrägen Wände integriert.

Mit hellen Farben und tanzen den Linien vermeidet Mayer H. das graue Einerlei vieler Universitätskantinen.

Blick auf die Längsseite der Mensa mit Nebeneingang

Modernes Kontorhaus an einer verkehrsreichen Kreuzung im Zentrum von Hamburg: Der Name ADA 1 steht für die Adresse: An der Alster 1

ADA 1, HAMBURG. Es ist nicht das erste Mal, dass in Hamburg Fenster wie Bullaugen gestaltet werden, um auf die Wassernähe der Hansestadt anzuspielen - doch Jürgen Mayer H. gelingt eine prägnante Variante maritim inspirierter Baukunst. Horizontale Fensterbänder bestimmen das Bild der Fassade, durch die abgerundeten Formen wirkt sie weich und fließend. Die Botschaft dieses Gebäudes: Es sieht nicht nur gut aus, sondern bietet auch eine gute Aussicht - Büromenschen können von hier aus auf die Alster schauen.

Ganz in Weiß: Blick in das lichtdurchflutete Foyer des Bürokomplexes

Nur die Stuhlreihen sind gerade: das Erdgeschoss der Mensa

Neuerdings mit Bart: Jürgen Mayer H., 43, lässt jede Starattitüde vermissen

"Metropol Parasol" für die andalusische Stadt Sevilla (Simulation): Gigantische Sonnenschirme überspannen die Plaza de la Encarnación

Der Ganzkörper-Fingerabdruck des Menschen auf seiner Ruhestätte: Die temperaturempfindliche Bettwäsche mit Datenschutzmuster entwarf Jürgen Mayer H. 1997

Er wünscht sich, dass Architektur weiterhin als Abenteuer verstanden wird