Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 36-41
Goldene Zeiten
Von Almuth Spiegler
Um 1900 spielte eine Stadt verrückt: Jugendstil und Décadence, Psychoanalyse und Spätromantik prägten die Wiener Moderne. Eine glorreiche Epoche der Kunst - doch die Wiener haben ihr Misstrauen bis heute nicht abgelegt
2 DIE MODERNE 1900-1910: Reportage Wien
SERIE DIE MODERNE 2 Wie Bilder die Welt verändern: Der Kompaktkurs zur Kunst des 20. Jahrhunderts 1900-1910: Zwischen Jugendstil und Expressionismus + Reportage Wien \ MENSCHHEITSDÄMMERUNG Zwischen Dekadenz und Revolution 1870-1920 1. Das Musée d' Orsay in Paris: Salon und Frühmoderne 2. Der Jugendstil in Wien: Design gegen den Historismus 3. Das Berlin der zehner Jahre: Avantgarde und Weltende \ ZWISCHEN DEN KRIEGEN Triumph und Ächtung der Avantgarde 1920-1945 4. Das Bauhaus in Dessau: Denkfabrik für eine bessere Welt 5. Paris in den dreißiger Jahren: Labor der internationalen Kunst 6. Faschismus und Moderne in Italien: Der Sündenfall der Futuristen \ DIE ATLANTISCHE MODERNE Das neue Leitbild Amerika 1945-1980 7. New York und die Abstraktion: Amerika emanzipiert sich 8. Kunstzentrum Rheinland: Pakt der Sammler und Künstler 9. Szeemann in Monte Verità: Ende der Moderne?
Den Schiele-Gedenkraum?
"Den gibt es schon seit Jahren nicht mehr." Der ältere Herr am Eingang des kleinen Hietzinger Bezirksmuseums, gleich neben der ultimativen Wiener Touristenattraktion Schloss Schönbrunn, zuckt ungerührt die Schultern. "Waren sowieso nur Kopien da. Aber die Staffelei haben wir noch - schaut aus wie jede andere auch." Fehlt nur noch das "eh wurscht" des gelernten Wieners.
Aber wo er Recht hat, hat er manchmal wirklich Recht - überkopfhoch, braunschwarz steht das wuchtige Relikt belanglos in einer angerammelten Ecke im zweiten Stock. Ein bisschen rote Farbe klebt noch auf der Leiste, auf der die Leinwand aufliegt. Weiter unten hat sich etwas Weißes ins Holz gefressen. Egon Schieles Staffelei, sie trägt keine Wundmale des Enfant terrible des Wiens um 1900.
Nur wenige Häuser weiter, in der Hietzinger Hauptstraße 114, im Haus seiner Schwiegereltern, war er im Oktober 1918 gestorben. Drei Tage nach seiner Frau Edith. Innerhalb nur eines Jahres hatte die Spanische Grippe praktisch die gesamte Wiener Moderne ausgerottet - Schiele, Otto Wagner, Koloman Moser. Gustav Klimt war schon Anfang des Schicksalsjahres einem Gehirnschlag erlegen. Eine Gedenktafel erinnert heute nur noch an Schieles Sterbeort, kein Zimmer mit falschen Möbeln und falschem Sentiment wurde hergerichtet. Selbst das nahe Ehrengrab, am Friedhof des Wiener Nobelbezirks, ist erstaunlich unpathetisch:
Ein schlichtes Stück Rasen, ein paar orangefarbene Tagetes sind gerade aus der Vase gekippt, in der steinernen Laterne brannte wohl schon lange keine Kerze mehr - und das Grabrelief zeigt ein aneinander anscheinend recht unbeteiligtes Paar, Mann und Frau, angeblich nach einer Zeichnung Schieles Jahre nach seinem Tod entstanden. Keine Spur von der peniblen, existenziellen Selbstbeschau, die der Maler mit sich so erbarmungslos trieb.
Schiele ist der James Dean der österreichischen Moderne, starb jung, mit 28, schicksalhaft umweht von Sex, Gefängnis und frühem Genie. Ihm ist erspart geblieben, was Oskar Kokoschka erleiden musste, der die Kriege überdauerte und aus seinem Londoner Exil nicht unbedingt leidenschaftlich in die Heimat zurückgerufen wurde. Österreich liebt seine Künstler eben erst, wenn sie tot sind, sagt man sich und denkt an Thomas Bernhard. Und nicht mal das ist garantiert. Denn zu ihrer anbrechenden Moderne, zu dieser mystifizierten Zeit um 1900, als Wien verrückt zu spielen schien und so unterschiedlichen wie schicksalhaften Personen wie Sigmund Freud und Adolf Hitler, dem misogynen Otto Weininger und der Saloniere und Journalistin Berta Zuckerkandl Nährboden gab, haben die Wiener bis heute ein reichlich ambivalentes Verhältnis.
Es ist jedenfalls kein sympathischer Ton, der einem noch im Ohr klingt, denkt man an 2006 zurück, als der Staat nach jahrzehntelangem Kampf Gustav Klimts "Goldene Adele" endlich an ihre rechtmäßigen Erben restituierte.
"Es war ja doch kein gutes Bild", schimpfte man ihr nach. Die 135 Millionen Dollar, die Ronald Lauder dafür kurz darauf zahlte, die höchste bis dato für ein Gemälde erzielte Summe, ließen diese Stimmen noch schriller werden.
Nur zweimal ums Eck vom Ober St. Veiter Friedhof mit dem Schiele- Grab - eine Barackensiedlung. Nein.
Es ist die Wiener Werkbundsiedlung, als eine der späteren in Europa 1932 erbaut, nach Vorbild der Weißenhofsiedlung in Stuttgart. 32 Architekten haben hier 70 Modellhäuser für einfaches, individuelles Wohnen im Grünen, fern von Wiens Arbeiterpalästen wie dem Karl-Marx-Hof, errichtet. Nur 14 wurden damals verkauft, den Rest übernahm die Stadt Wien, die sie bis heute verwaltet. Heute streitet man um die Kosten des Erhalts, um Zweckmäßigkeit, um die Authentizität.
Und mittlerweile ist es nicht mehr nur der Putz, der hier abbröckelt.
Bei einem Einfamilienhaus Josef Hoffmanns bricht regelrecht das Mauerwerk von der Terrasse. Neugierige Blicke eines jungen Pärchens folgen einem beim entsetzten Durchwandern dieser unter Wienern weitgehend unbekannten, überschaubaren Anlage, der Kampfhund ohne Beißkorb pinkelt an den Randstein vor Österreichs einzigem Haus von Richard Neutra, 1923 in die USA ausgewanderter, in Kalifornien bald gefeierter Architekt des internationalen Stils. Jetzt steht vor seinem verblassten Wiener Kleinod, mitten im Gerümpel im Garten, tatsächlich ein Gartenzwerg. Ein Treppenwitz, über den einem das Lachen gründlich vergeht. Nebenan, die Doppelhäuschen von Neutras Lehrer, Adolf Loos, sind noch am besten in Schuss.
Trotzdem, erbärmlich. Eine schäbige Geisterbahn der Wiener Moderne, in der die Gegensätze im Elend nivelliert werden: Loos und Hoffmann.
Das waren die Pole, um die die Avantgarde um 1900 kreiste, ersterer hasste die von Hoffmann und den Secessionisten propagierte angewandte Kunst, provozierte sie 1908 mit seiner Schrift "Ornament und Verbrechen" (siehe Seite 45). Woher kam nur die Konkurrenz der zwei, die ausrückten, um im Sinne Otto Wagners den Historismus der Wiener Ringstraßenzeit zu bekämpfen, in dem sie sozialisiert worden waren? Vielleicht hatte alles im Jahr 1898 begonnen, als Hoffmann Loos angeblich verweigerte, das Sitzungszimmer in der neuen Secession einrichten zu dürfen - Loos schien ihm zu konservativ in seinem Lob der "alten Handwerkstradition". Loos und konservativ? Man glaubt es nicht, steht man vor seinem einst verlachten "Haus ohne Augenbrauen" am Michaelerplatz.
Als Kompromiss musste er damals Blumenkästen an den sonst nicht dekorierten Fenstern anbringen - Kaiser Franz Joseph soll die Hofburg angeblich trotzdem nie mehr über den gegenüberliegenden Eingang verlassen haben, so "scheußlich" fand er den Anblick des Hauses. Man glaubt an den Traditionalisten Loos dann aber doch noch, steht man im Wien-Museum vor einer Kordel und starrt in sein ehemaliges Wohnzimmer in der Bösendorferstraße 3, das hierher, in den Fünfziger-Jahre-Bau überführt wurde.
Ein fast rustikaler Kamin, viel dunkle Holzvertäfelung, eine zusammengestückelte Sitzgruppe, Pölsterchen hier, ein paar Bildchen da - unglaublich bieder, damals, 1903, gegen die geschlossene Wirkung des "Gesamtkunstwerks" der Wiener Werkstätte (ein)gerichtet.
"Dieser alte Muff", meint der Künstler Heimo Zobernig. "Ich hasse diese Zeit eigentlich. Was damals ein bisschen Avantgarde war, ist heute Spießergeschmack." Man trifft einen der Begründer der neuen Wiener Schule der Modernismus-Reflexion nicht zufällig im Café Museum. Man musste ihn schon hierher bitten, zwischen all die rot gebeizten Thonet-Stühle, zwischen Mahagoni und Messingbeschläge, in die allzu gelackte Strenge, die hier vor sechs Jahren angeblich ganz im Sinne von Adolf Loos wieder rekonstruiert wurde - 1899 hat Loos die Inneneinrichtung gestaltet, programmatisch schlicht und für damals recht schmucklos, was ihm den Spitznamen "Café Nihilismus" einbrachte.
Hier trank die Wiener Avantgarde ihren kleinen Braunen, Karl Kraus, Franz Werfel, Alban Berg, aber auch die Mitglieder der nahen Secession, die Loos bald ablehnen würden.
Zobernig zündet sich die nächste Zigarette an. Gab es eine Wiener Moderne überhaupt? "Eher in der Architektur und der Wiener Werkstätte, da formulierte sich viel, was später fürs Bauhaus interessant wurde." Am Ende, so Zobernig, bleibe aber alles im Ornament stecken und eine bourgeoise Angelegenheit. Die Abstraktion, die für seine Arbeit wichtig ist, die hat er in Wien nicht entdeckt. "Vielleicht war Wien ja zu klein, um paradigmatische Modernesetzungen, wirkliche Erneuerungen durchzusetzen." Auch für seine Studierenden an der Akademie der bildenden Künste sei Wien um 1900 kein Thema heute.
War es für ihn auch nicht. Bis MAKDirektor Peter Noever ihn 1993 einlud, die Schausammlung der Wiener Werkstätte neu einzurichten. Liebe ist daraus keine geworden, eher kritische Auseinandersetzung, zögerlicher Respekt.
Etwa vor einem weißen Schrank, den Koloman Moser 1904 für das Sanatorium Purkersdorf entworfen hatte.
Ihn ließ er in einfachsten Materialien nach schriftlichen Beschreibungen in einer Gefängniswerkstatt nachbauen, zweimal. Heraus kam ein postmodern verzierter Schrank, der heute in jedem Möbelhaus stehen könnte. "Das Möbel scheint mir für seine Zeit sehr radikal zu sein, skulptural, ohne Dekoration." Letzte Zigarette. Wir wandern hinaus ins graue Winterwetter, stehen vor der Secession, lesen über dem Eingang das berühmte Motto, gedichtet vom Kunstkritiker Ludwig Hevesi: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit." Stimmt immer noch. Seit kurzem ist Zobernig auch wieder Mitglied hier.
2006 war er ausgetreten, am Beginn eines längeren, unsäglichen internen Zwists der renommierten Künstlervereinigung.
Mittlerweile scheint alles wie der ruhig unterm goldenen "Kraut happl", wie die Wiener den charismatischen Bau gleich einmal verunglimpften.
1898 war er vom Wagner- Mitarbeiter Joseph Maria Olbrich gebaut worden, hin und wieder wird er als erster White Cube der Kunstgeschichte genannt, ein Irrglaube, meint nicht nur Zobernig: "Es ist eher eine Halle, die bis heute aufwändige architektonische Einbauten verlangt." Dieses Manko des White Cube, eines neutralen Ortes, an dem Kunst sich entwickeln kann, ohne "irgendwelche barocken Schnörkel im Hintergrund", prägte auch Markus Brüderlin, der Wien in den neunziger Jahren als staatlich engagierter "Bundeskurator" kennen lernte. Seither arbeitet er an verschiedenen Stationen die Moderne auf - in der Basler Fondation Beyeler und jetzt im Kunstmuseum Wolfsburg. Seine These: "Wien hat die Klassische Moderne verpasst und ist von der Prä- direkt in die Postmoderne gerutscht." Ein zentraler Schauplatz dieser Prämoderne war die Wiener Werkstätte, 1903 von Hoffmann, Moser und dem Mäzen Fritz Wärndorfer nach dem Vorbild der britischen Arts-and-Crafts- Bewegung gegründet. Ihr Sitz war in einem adaptierten Gewerbebau in der Neustiftgasse 32/34, noch heute ein beeindruckendes Ensemble. Während der zweiten Türkenbelagerung stand hier das Zelt von Kara Mustafa, verkündet eine Gedenktafel am Hauseck. Darunter hat jemand frech "Snobs" gesprayt.
Sonst kein Hinweis auf die legendäre Produktionsstätte elitären Kunsthandwerks, zu einem Großteil für das jüdische Großbürgertum geschaffen.
Doch der Luxus war nicht zu halten, 1932 musste die WW Bankrott anmelden.
Ein zynischer Fingerzeig auf das Schicksal der angebrochenen Wiener Moderne steht direkt vor dem Eingang zum Gebäude. 1908 hatte Wiens antisemitischer Bürgermeister Karl Lueger hier ein Denkmal aufstellen lassen - für den "lieben Augustin"... alles ist hin.
Bildunterschrift:
Auf der Suche nach der Wahrheit des Leibes:
Egon Schiele, der James Dean der Wiener Moderne. Links:
"Selbst bildnis, 44 x 31 cm, rechts: "Weiblicher Akt mit grünem Polster", 45 x 32 cm, beide von 1910
Das wohl berümteste Bild der Wiener Moderne, hinter Glas im Wiener Belvedere: "Der Kuss" (1907/08, 180 x 180 cm) von Gustav Klimt
Schiele war der James Dean der Wiener Moderne - Genie, Sex und früher Tod
Klarheit, Eleganz, Licht: Die 1906 eröffnete Postsparkasse von Otto Wagner gehört zu den Meisterwerken des Jugendstils
Die Wiener Secession wurde 1898 erbaut - als alternativer Ausstellungsort zum konservativen Künstlerhaus
1899 gestaltete Adolf Loos das "Café Museum" als bewusst schmucklosen Raum, 2003 wurde es nach einer umstrittenen Rekonstruktion wieder eröffnet
Die Werkbundsiedlung heute: eine schäbige Geisterbahn der Wiener Moderne
Kaiser Franz Joseph mied den Anblick dieses allzu "nackten" Hauses von Adolf Loos am Michaelerplatz.
Es wurde 1909 erbaut
