Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 51
Von der Schönheit heulender Motoren
Von Thomas Wagner
Die Begeisterung der italienischen Futuristen für Geschwindigkeit und Technik ist auch nach 100 Jahren aktuell, meint - trotz Ökotrend und Abwrackprämien
Futurismus muss ich nur sagen - und schon funkeln die Augen meines Freundes Nick vor Rauflust!
Aber mal ehrlich, als Futurist hat man es gegenwärtig genauso schwer wie als Sportwagenfahrer. Nicht wegen der Spritpreise, sondern wegen der wenig korrekten Denkweise, die beiden unterstellt wird. Schließlich wissen es jetzt alle besser, besonders jene, die seit der Ölkrise vor 30 Jahren politisch geschlafen haben, nun aber im Rabattmarkenheftchen ihres Gewissens fleißig Ökopunkte sammeln.
Eine Lösung des Problems des Individualverkehrs, wie es so schön heißt, hat trotzdem keiner, schon gar nicht die Autoindustrie mit ihrem virilen Muskeldesign und notorischen PS-Fetischismus.
Es ist also jede Menge Selbstgefälligkeit im Spiel, wenn die vergangene Zukunft ins Visier genommen wird. Dabei hat der Blick zurück durchaus seinen Reiz. Es ist wenige Wochen her, da jährte sich das Datum zum 100.
Mal, an dem Filippo Tommaso Marinettis "Futuristisches Manifest" auf der Titelseite des "Figaro" erschien - jener avantgardistische Kampfschrei, mit dem der schlaflose Dichter aus einem noch weitgehend bäuerlich-behäbigen und feudal regierten Italien aggressiv seine auf Krieg, Laufschritt und den Rausch der Geschwindigkeit gegründete Fantasie einer beschleunigten Massengesellschaft in die Welt schleuderte. Allzu gern möchten wir glauben, seine Prophetie habe sich, ob ihrer Männerfantasie und ihres Technofaschismus, von selbst erledigt. Doch vieles, was er herbeiwünschte, ist Realität geworden - von der Beschleunigung aller Lebensbereiche, der industriellen Massengesellschaft und der Allmacht der Technik bis zur Allgegenwart des Automobils, mit dem der Ritt auf der Kanonenkugel begann.
Kein Wunder, dass die Geburtsstunde von Marinettis Dynamismus der Bericht über eine Spritztour ist, bei der Mann und Maschine in lustvoller Raserei ihre Kräfte vereinen.
Berühmt ist jene Stelle des Manifests, an der er schreibt: "Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit." Folgerichtig findet er "ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint", schöner "als die Nike von Samothrake". Der Sieg über die Göttin des Sieges und die alte Mythologie endete bekanntlich in einer neuen Mythologie. Und doch trafen die Futuristen ins Schwarze:
Das Automobil war die Erfindung, die das Lebensgefühl der Moderne revolutioniert hat.
Bald schon schlugen Krieg und Stadtplaner Schneisen durch die Städte, auf dass sie autogerecht wurden, und Architekten bauten bereitwillig die Kulissen zu einer urbanen Fantasie, die auf Tempo setzte. Die neue Mobilität gab aber nicht nur dem Mann am Lenkrad das Gefühl von Potenz, Herrschaft und Macht, sie vermittelte einer ganzen Gesellschaft die Illusion, ihre eigene Antiquiertheit mittelstechnischer Apparaturen überwinden zu können.
Die motorisierte Fortbewegung brachte nicht nur die Ästhetik der Maschine auf Touren, sie etablierte auch ein Verhältnis zur Natur, das auf Unterwerfung baut, Mensch, Maschine und Materie verschmelzen lässt. Ironie der Geschichte:
Schon Marinettis eher gemächliche Ausfahrt endete im Graben.
Wir ganz und gar mobil Gewordenen aber starren heute wie gelähmt auf die Bremsspur eines irregeleiteten technischen Fortschritts und müssen doch einsehen: Der Reiz der Geschwindigkeit ist ebenso geblieben wie die mit der Technik verbundenen Machtfantasien. Also wird, so lange man nicht bereit ist, Mobilität unabhängig von einer noch immer futuristisch geprägten Autoerotik der Geschwindigkeit zu denken, keine Abwrackprämie, keine Kosmetik und kein neuer Antrieb die Autobranche aus der Zwickmühle befreien können.
Eine Schlüsselrolle könnte das Design spielen, liegt doch in einer neuen Kultur individueller Mobilität die einzige Chance, Technik, Ästhetik und Ökologie zu versöhnen.
Diese aber braucht, will sie ökonomisch bestehen, ein entsprechendes Prestige. Sprich: Der Sexappeal des Autos der Zukunft muss von Macht und Geschwindigkeit entkoppelt werden. Ist es da nur Zufall, dass das bislang einzig ernst zu nehmende Gefährt, das nicht nur technisch anders ist, "Mindset" heißt - also Denkweise oder geistige Haltung - und ein aerodynamisches Coupé ist, das auf High Heels, großen, schmalen Rädern dahinrollt?
Bildunterschrift:
Vieles, was sich die Futuristen herbeiwünschten, ist tatsächlich Realität geworden - von der Allmacht der Technik bis zur Allgegenwart des Automobils
