Ausgabe: 04 / 2009
Seite: 121
Beraubte Sammler
Von Stefan Koldehoff
Enteignet, vertrieben, ermordet: Ein Buch erzählt die Geschichten jüdischer Familien, deren Nachkommen bis heute nach ihren verlorenen Kunstwerken suchen
BUCH DES MONATS
Vor zehn Jahren, zum Abschluss einer internationalen Konferenz in Washington, verpflichteten sich auch die Träger der öffentlichen deutschen Museen dazu, in ihren Sammlungen nach Raubkunst aus der NS-Zeit zu suchen. Weil sich die meisten von ihnen aber nach wie vor weigern, dieser Selbstverpflichtung auch nachzukommen, haben inzwischen im Auftrag von Sammlererben freie Provenienzforscher die Aufgabe übernommen. Monika Tatzkow, selbst Historikerin in Berlin (siehe Seite 115), und die Wiener Autorin Melissa Müller belegen nun mit einem opulenten Band, dass dabei nicht in erster Linie materielle Werte rekonstruiert werden. An 15 einzelnen Fällen zeigen die beiden Autorinnen, dass es vor allem Lebenswege waren, die die Nationalsozialisten zerschlugen, und ganze Familien, die sie erst ihrer Kunstwerke beraubten und dann ins Exil zwangen oder ermordeten.
Den jüdischen Publizisten Paul Westheim betrog seine Freundin Charlotte Weidler, die ihm nach dem Krieg erzählte, seine Sammlung sei zerstört worden. Tatsächlich verkaufte sie Westheims Bilder in New York. Der Kunsthändler Walter Westfeld musste seine Bestände bei der Konkurrenz in Köln zwangsversteigern lassen, bevor er nach Auschwitz deportiert wurde. Und das Spitzweg-Gemälde, das Else und Leo Bendel gestohlen wurde, hing noch bis vor kurzem im Amtssitz des Bundespräsidenten. Wer das sorgsam recherchierte Buch gelesen und die bis heute beschämenden Dokumente gesehen hat, die es präsentiert, wundert sich um so mehr, dass in letzter Zeit vor allem der Kunsthandel lautstark einen Schlussstrich unter die deutsche Restitutionsdebatte fordert.
Bildunterschrift:
Sinnbild der Debatte um Restitutionen:
Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" (1913), einst Eigentum der Familie Hess
Melissa Müller, Monika Tatzkow: Verlorene Bilder - verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde. Elisabeth Sandmann Verlag. 249 S., 180 Abb., 34 Euro
