Ausgabe: 03 / 2009

"Kein Fokus auf Superstars"

Risiko: Sharjah-Biennale- Leiter Persekian im Gespräch

Die Sharjah-Biennale (19. März bis 16. Mai) gilt als größtes Kulturereignis der arabischen Welt.

Sie findet unter dem wachsamen Auge von Scheich Sultan bin Mohammed Al-Qasimi statt, der seit 1972 über das drittgrößte der sieben Emirate herrscht. Seine Tochter, Hoor Al-Qasimi, Absolventin der Londoner Slade School of Fine Arts, hat die Organisation übernommen. Künstlerischer Leiter ist seit 2005 Jack Persekian. Der 45-jährige armenischstämmige Palästinenser, der in Ost-Jerusalem lebt, gilt als einer der wichtigsten Förderer junger Kunst, speziell aus den kulturell isolierten palästinensischen Gebieten. Mit ihm sprach art-Autorin Camilla Péus.

Herr Persekian, was unterscheidet die Sharjah Biennale von den weltweit rund 200 Biennalen?

Der wichtigste Unterschied ist, dass wir uns auf die arabische Welt konzentrieren. Unsere Mission ist es, so viele arabische Künstler wie möglich zu bestärken, Vorschläge einzureichen. Außerdem gibt es kein übergeordnetes Thema.

Ich will keine Bequemlichkeit, keinen doppelten Boden. Es gibt keinen Filter zwischen Kunst und Betrachter.

Anstelle einer Wunschliste haben sie einen "open call" für Künstler und Autodidakten ausgeschrieben.

Warum?

Wir sind risikofreudig. Wir fokussieren nicht mehr auf Superstars, die eine solche Biennale in den Augen vieler rechtfertigen würden, sondern uns interessieren die weniger etablierten Künstler, auch solche, die nicht studiert haben.

Zugleich möchte ich die drückende Einflussnahme von Kuratoren unterbinden.

Mit dem Ergebnis, viele mittelmäßige bis schwache Arbeiten zu bekommen?

Wir wollten Arbeiten neuer Künstler sehen, egal, von woher sie stammen oder welchen Ruf sie genießen.

Von rund 250 Vorschlägen haben wir 29 akzeptiert. Darüber hinaus habe ich selbst weitere 29 Künstler gezielt ausgewählt, darunter Ayse Erkmen aus Istanbul, Videokünstlerin Mariam Ghani aus Brooklyn, Lawrence Weiner aus New York und Lamya Gargash aus Dubai.

Haben Sie Werke von Künstlern ablehnen müssen, weil sie die Regeln der Scharia, der islamischen Lebensordnung, verletzen?

Kunst, die Nacktheit, Sex, Krieg oder Religion thematisiert? Sharjah gilt immerhin als eines der konservativsten Emirate.

Diesmal glücklicherweise nicht.

Ich habe keine Vorschläge gesehen, die brisante Themen in einer Art und Weise behandeln, die in Sharjah inakzeptabel wäre.

Weil die Künstler diese Themen gar nicht erst wählen, da sie ohnehin davon ausgehen, ausgesiebt zu werden?

Ich weiß es nicht. Ich hatte bei früheren Biennalen mit Zensur zu tun, vor allem was Nacktheit betrifft. Wir haben die Künstler damals gebeten, die Erwartungen der Biennale-Besucher im Hinterkopf zu haben. Wir bestärkten sie, Betrachter mit ihren Werken einzunehmen, statt sie zu provozieren oder gar zu beschämen.

Wie hoch ist der Prozentsatz der Künstlerinnen?

Wir zeigen mehr Arbeiten von Frauen als von Männern.

Wird Kunst aus Israel auf der Biennale zu sehen sein?

Nein. Ich würde eine Teilnahme israelischer Künstler nicht erlauben.

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben keinerlei Beziehungen zu Israel. Selbst wenn man wollte, wäre es unmöglich, israelische Künstler einreisen zu lassen.

Umgekehrt gelangen auch keine Emiratis nach Israel.

Wie hoch ist ihr Budget?

Zuletzt haben wir mit drei Millionen Dollar Regierungsgeldern gearbeitet. Hoffentlich wird das Budget für die Biennale durch die weltweite Finanzkrise jetzt nicht niedriger, denn wir finanzieren über 60 Prozent der Biennale- Projekte. Mein Hauptantrieb dabei ist es, die Produktion von Kunst zu fördern. Ich interessiere mich nicht für eine Biennale als Vitrine, die präsentiert, was der Kunstbetrieb hergibt. Dazu gibt es in diesem Teil der Welt zu wenig Ressourcen, technischer und finanzieller Art. Die eigentliche Legitimation unserer Biennale ist daher zu unterstützen - und so Teil einer neuen Kunstentwicklung zu sein.

Sie haben auch die palästinensische Al-Ma'mal Foundation for Contemporary Art gegründet. Zu welchem Zweck?

Die Stiftung ist aus meiner Anadiel- Galerie hervorgegangen, die ich 1992 in Jerusalem gegründet habe. Das Ziel ist, Kunst zu kreieren und zu verbreiten. Ich stelle Platz und Mittel zur Verfügung, zum Beispiel für die jährliche "Jerusalem Show", die für zehn Tage an verschiedenen Orten der Jerusalemer Altstadt zu sehen ist. Und ich ermögliche den Austausch mit internationalen Künstlern.

Die Stiftung ist eine Lebensader zur Außenwelt.

Internet: www.sharjahbiennial.org

Bildunterschrift:

Installation der ägyptischen Künstlerin Amal Kenawy auf der 8. Sharjah-Biennale

"Ich interessiere mich nicht für die Biennale als Vitrine des Kunstbetriebs"

Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum (Mitte) auf der Kunstmesse Art Dubai 2008

Biennale-Leiter Jack Persekian

"Wir hatten auch schon mit Zensur zu tun, vor allem was Nacktheit betrifft"

Abo