Ausgabe: 03 / 2009

GLOSSE

Wirtschaftskrise bereitet Chanels kostspieligem Taschenzauber ein jähes Ende

CLAUDIA BODIN

Bei der Eröffnung des Chanel-Kunstpavilllons wehte ein eisiger Wind durch den New Yorker Central Park. Und Karl Lagerfelds Markenzeichen, seine schwarzen Biker-Handschuhe, erfüllten endlich einmal ihren Zweck. Während der Chanel-Chefdesigner mit warmen Händen in den weißen, von Promi-Architektin Zaha Hadid entworfenen Pavillon entschwand, hielten draußen tapfer durchgefrorene Prominente wie TV-Star Sarah Jessica Parker ihre Chaneltäschchen im Namen der Kunst in die Kameras.

Darum ging es schließlich bei dieser gewaltigen PR-Aktion, für die 18 renommierte Künstler, darunter Sophie Calle, Yoko Ono und Daniel Buren, Arbeiten entworfen hatten, um Chanels legendärem Handtaschenklassiker "2.55" zu huldigen.

Doch der kostspielige Taschenzauber fand ein jähes Ende: Die Wirtschaftskrise traf Lagerfeld und Co. mit voller Wucht. Was gestern noch als Zeichen lustvoll zur Schau gestellter Dekadenz entzückte, galt auf einmal als geschmacklos. Ja selbst den Superreichen, denen die Wallstreet-Misere nicht ernsthaft etwas anhaben konnte, war die Shoppinglaune verdorben.

Und das Luxushaus Chanel musste 200 Mitarbeiter entlassen.

Aber in schweren Zeiten offenbaren sich die wahren Qualitäten eines Mannes wie Lagerfeld: Der unzeitgemäße Pavillon, ein Lieblingsprojekt des Modezars, wurde wieder in 700 Einzelteile zerlegt und in 55 Container verpackt. Nichts mehr mit weiteren Auftritten in London, Moskau und Paris. Über die mehr als 400 000 Dollar (rund 302 000 Euro) Standmiete für das Gastspiel im Central Park verlor der Fashiondesigner - ganz Gentleman - ohnehin kein Wort. Die transportable Kunsthalle verfrachtete man aufs Chanel-Firmengelände in Frankreich. Hier kann sie nun endlich das sein, was Lagerfeld ohnehin die ganze Zeit schon tief im Inneren empfand: Hadids Kreation sei für ihn, so ließ er uns jetzt wissen, eine Skulptur: "Ich bevorzuge sie leer." Auf Karls Urteil ist eben immer Verlass.

Bildunterschrift:

Karl Lagerfeld mit Zaha Hadid, die den Chanel-Kunstpavillon entworfen hat

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