Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 113
Hoffen auf den "Höhenrausch"
Von Almuth Spiegler
Kulturhauptstadt: Hunderte Projekte in Linz und Vilnius
Aber das war ja doch meine Idee! Die Führerstadt Linz wird Europäische Kulturhauptstadt 2009!", ruft ein Adolf Hitler auf der Bühne des Linzer Off- Theaters Phönix. Die hier genussvoll zelebrierte Satire "Der Zwerg ruft" von Kurt Palm war nicht die erste Breitseite, die das Linz-09-Team noch vor Jahresbeginn einstecken musste.
Auch als europäische Kulturhauptstadt bleibt die für Stahlindustrie und elektronische Kunst bekannte Donaustadt eine sperrige Schönheit. Der aus der Schweiz geholte Kulturhauptstadt-Programmchef Martin Heller zeigte für lokale Empfindlichkeiten wenig Sentiment. Und natürlich formierte sich schnell Widerstand:
Die Abgelehnten-Plattform "linz- 0nein" ging online, und ein "pink Hitler" protestierte in der Parade ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers" im Schlossmuseum Linz (bis 22. März) gegen die angeblich verharmlosende Darstellung.
Gegen ein derart lebhaftes Antiprogramm muss sich das offizielle schon ziemlich anstrengen, setzt man hier in der bildenden Kunst doch bevorzugt auf das klassische Ausstellungsformat: Den Start machte das Lentos-Museum mit der komplexen Schau "Best of Austria" (bis 10. Mai), die bewusst mit den Klischees spielt und alles andere ist, als sie verspricht. Weniger diskursimmanent geht es im selben Institut mit Kutlug? Ataman weiter, der Künstler gibt - warum auch immer in Linz - "Mesopotamische Erzählungen" (bis 19. April) zum Besten, anhand von acht nagelneuen Video- und Fotoarbeiten.
Den Höhepunkt des Festivalprogramms bildender Kunst verspricht aber eine zu unrecht wenig bekannte Institution zu liefern:
Das OK Offene Kulturhaus Oberösterreich inszeniert den ersehnten Linzer "Höhenrausch" - und bittet von 29. Mai bis 31. Oktober zum bislang noch weitgehend geheimnisumwobenen Kunstparcours über den Dächern der Stadt.
Verantwortlich für das Unternehmen sind der Schweizer Kunstkritiker und Kurator Paolo Bianchi sowie OK-Leiter Martin Sturm.
Ingesamt 220 Projekte, ausgestattet mit mehr als 68 Millionen Euro, sollen Linz zum Erlebnis machen. Dass dies auch mit weniger (vermutlich 100 Projekte und ein Budget von derzeit rund elf Millionen Euro) funktioniert, diesen Beweis muss Vilnius, mit Linz zur EU-Kulturhaupstadt 2009 ernannt, antreten: Denn die litauische Regierung strich nach und nach das Budget für Vilnius um rund 40 Prozent zusammen. Das engagierteste Projekt aber ist dem Rotstift nicht zum Opfer gefallen: der Umbau des einstigen Revolutionsmuseums, das unter sowjetischer Herrschaft eingerichtet wurde, zur Nationalen Kunstgalerie.
Hier gilt es vor allem das Werk des in Litauen gefeierten Nationalmalers Mikalojus Konstantinas Ciurlionis (1875 bis 1911) zu entdecken.
Internet: www.linz09.at, www.culturelive.lt/de, www.linz0nein.org
Bildunterschrift:
Die Installation "Private Moon" von Leonid Tishkov - hier eine Aufnahme aus Singapur 2008 - soll in der Schau "Höhenrausch" in Linz gezeigt werden
