Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 79

Wo Lenin rückwärts laufen lernt

Von Kerstin Schweighfer

Eine Retrospektive des litauischen Film- und Videokünstlers im Van Abbemuseum

EINDHOVEN: DEIMANTAS NARKEVICIUS

KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Zwei Liebende, die sich in den Armen liegen, ihre Gesichter sind nicht zu erkennen. Nur 30 Sekunden dauert dieser Schwarzweißfilm, stumm und poetisch. Im krassen Gegensatz dazu steht ein zweiter Streifen, der wie ein Dokumentarfilm anmutet - laut, mit englischen Untertiteln und in einem weitaus größeren Projektionsformat: Darin hat sich der litauische Film- und Videokünstler Deimantas Narkevicius, 44, selbst zum Protagonisten gemacht. Er sitzt im Zug und spricht mit anderen Reisenden. Über das Sowjeterbe seiner Heimat. Über den Tod seiner Eltern. Dieser Doppelfilm von 1998 ist eine von neun filmischen Arbeiten und einer Reihe von Installationen und Fotos, die in einer Narkevicius-Retrospektive in Eindhoven zu sehen sind. Zuvor wurde die Schau in Madrid präsentiert; ein letzter Halt ist in Bern geplant.

Der gelernte Bildhauer wurde im letzten Jahr mit dem Vincent Award des Stedelijk Museum in Amsterdam ausgezeichnet.

Spätestens 2001, als er Litauen auf der 49. Biennale in Venedig vertrat, war ihm der Durchbruch gelungen. Narkevicius verknüpft persönliche und politische Geschichte.

Die jüngste Vergangenheit seiner Heimat, die sich erst Anfang 1990 vom Sowjetjoch befreien konnte, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Er experimentiert nicht nur mit Ton und Licht, sondern auch mit Projektionsformaten und den verschiedensten Ausrüstungen, filmt zuweilen sogar mit einer Kamera aus sozialistischen Zeiten.

Manchmal sind die Protagonisten stumme Zeugen aus der Vergangenheit wie die Lenin-Statue in der litauischen Stadt Vilnius: Nach der Unabhängigkeit der baltischen Republiken war sie nach 1991 unter lautem Beifall vom Sockel gestürzt worden. "Als ob sich durch das Entfernen eines Denkmals auch die Gesellschaft so fort ändern würde", so Narkevicius. In seinem Werk "Once in the XX Century" lässt er diese Bilder, Material eines litauischen Fernsehteams, durch eine einfache Montage deshalb rückwärts laufen, so dass Lenin unter Beifall wieder auf seinem Sockel landet.

Termin: 28. Februar bis 24. Mai. Katalog: 30 Euro.

Internet: www.vanabbemuseum.nl

Bildunterschrift:

Stumm und poetisch: Filmstill aus dem Video "His-Story" aus dem Jahr 1998