Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 76

Blicke unter fliegende Röcke

Von Almuth Spiegler

Schau des französischen Künstlers in der Oberösterreichischen Landesgalerie

LINZ: HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC

Dintime Blick - bei Henri de Toulouse- Lautrec kann er einen sowohl unter die fliegenden Röcke von Varieté-Tänzerinnen führen, als auch zu einem jungen Mann, der scheinbar völlig ungestört auf einem Baumstamm hockt, in sich zusammengesunken, vertieft in seine Gedanken. Die Spannung zwischen öffentlichem und privatem Leben um 1900, die allzu grellen Masken der Animierdamen und deren abruptes Fallen in den stillen Momenten, das alles konnte Toulouse- Lautrec (1864 bis 1901) als distanzierter Beobachter unvergleichlich in seinen Bildern widerspiegeln.

Vielleicht war es sein Schicksal als Außenseiter im sündigen Montmartre-Milieu, bedingt durch seine adelige Herkunft und seine körperliche Behinderung, die seine Sensibilität für die schwachen Momente der modernen Gesellschaft schärfte.

Mit rund 70 Werken will der französische Kurator Alain Tapié jetzt diesen "Intimen Blick" im zumeist vom Glamour der Sujets verstellten Werk des Malers wieder sichtbar machen. Die Ausstellung in der Oberösterreichischen Landesgalerie Linz findet anlässlich des Linzer EU-Kulturhauptstadtjahres statt.

Vor genau 100 Jahren fand die erste Toulouse-Lautrec-Ausstellung Österreichs statt, in Wien allerdings. Die dann höchstwahrscheinlich Egon Schiele gesehen hat, der sich von der Pose einiger Modelle seines Kollegen inspirieren ließ - was in Linz die begleitende Ausstellung "Aus der Sammlung: Körperbilder - Egon Schiele, Gustav Klimt und Henri de Toulouse- Lautrec" belegt. Eine zweite kleine Schau stellt Toulouse-Lautrecs lustvollem Blick noch den furchtsam-misstrauischen des Hausheiligen Alfred Kubin gegenüber ("Aus der Sammlung: Frauenbilder von Alfred Kubin"). Ein spannungsreicher Kontrast, der sogar noch vertieft werden soll - im Gegenzug zur Unterstützung des Musée Toulouse-Lautrec wird demnächst eine Ladung apokalyptischer Zeichnungen langhaariger Schlangen und schwangerer Skelette aus der Feder von Alfred Ku bin von Linz nach Albi in Südfrankreich reisen.

Bildunterschrift:

Toulouse-Lautrecs Lithografie "Die Truppe von Mademoiselle Églantine" (1896, 62 x 80 cm)