Ausgabe: 03 / 2009

Ein Gesicht ist ein Gesicht ist ein Gesicht ist ein Gesicht

Es sind feinste Nuancen, um die es Roni Horn in ihrer Arbeit geht. Oft widmet sich die New Yorkerin in Fotos, Texten und Skulpturen wochenlang einem einzigen Objekt. In der Londoner Tate Modern findet nun eine umfassende Werkschau statt

HANS PIETSCH

Wir kennen ihr Gesicht mit den vielen Sommersprossen aus dem Kino.

Hinter der bürgerlichen Fassade der von ihr gespielten Frauenfiguren lauert Widersprüchliches, lauern Gegensätze: Aggression und Unterwerfung, Trauer und Freude, Normalität und Perversion. Diese Frau, die kein einziges Mal lächelt, bleibt uns ein Rätsel.

Vor knapp vier Jahren hat Roni Horn Isabelle Hupperts endlos wandlungsfähiges Gesicht 14 Tage lang täglich fotografiert. Die Französin sollte sich an ihre wichtigsten Rollen erinnern, an die "Spitzenklöpplerin" und die "Kameliendame", an "Madame Bovary" und die "Klavierspielerin". 100 Fotos in extremer Nahaufnahme hängen auf Augenhöhe wie ein Fries, jeweils fünf nebeneinander. Nichts lenkt von diesem so ausdrucksstarken Gesicht ab. Wer ist sie, fragt man sich?

Seit den frühen siebziger Jahren arbeitet die 1955 in New York geborene Roni Horn in den unterschiedlichsten Medien: Skulptur, Fotografie, Künstlerbuch, Zeichnung, Text. Innerhalb dieser formalen Vielfalt stößt man auf wiederkehrende Themen und Motive.

Sie eine Konzeptkünstlerin zu nennen, ist also nicht so ganz falsch, trotz der großen sinnlichen Qualität ihrer Arbeiten.

Sie selbst spricht vom "konzeptuellen Fundament" ihrer Kunst.

Identität ist ein zentrales Thema in Roni Horns Werk. Identität nicht als etwas Monolithisches, sondern fließend, vielseitig. Ein Gegenstand, ein Mensch kann vieles in sich bergen.

Auch die Unterscheidung von Mann und Frau umgeht sie und ersetzt die beiden Geschlechter durch das androgyne Wesen, das Sowohl-als-auch-Sein.

Und anders als etwa die US-Amerikanerin Catherine Opie hat sie sich lesbische Kunst nicht auf die Fahne geschrieben.

Nur ab und zu scheint ihre sexuelle Orientierung durch, wenn sie etwa von dem Verlangen nach einer aus dem Meer steigenden Frau schreibt oder in der Fotoinstallation "Her, Her, Her, and Her" (2002/03), in der fast obsessiv immer wieder einzelne Körperteile einer Frau zu sehen sind.

Eine wichtige Inspirationsquelle für die Künstlerin ist Island, seit 1975 besucht sie die Insel regelmäßig, sie ist ihr ein zweites Zuhause geworden. In Anlehnung an Jules Verne, der dort den Eingang zum "Mittelpunkt der Erde" ansiedelte, spricht Roni Horn vom Gefühl, "dem Zentrum der Welt nahe zu sein". Die Landschaft zieht sie an, mit ihrer "Sinnlichkeit und den Kräften der Natur". Dass die Insel so dünn besiedelt ist, kommt ihrer Einzelgängernatur entgegen, die meiste Zeit ver bringt sie dort allein, mit Gletschern, heißen Quellen und dem Meer. "Die Insel ist groß genug, um mich darin zu verlieren, aber klein genug, um mich zu finden." In der kleinen isländischen Stadt Stykkishólmur hat sie 2007 ihre bislang In der Serie "Cabinet of" (2001) geht Roni Horn Stimmungen nach, die sich in einem Clownsgesicht spiegeln Gletscherwassersäulen der "Library of Water" (2007) im isländischen Stykkishólmur ehrgeizigste Installation realisiert: In einer von ihr übernommenen ehemaligen Bücherei auf einem Hügel am Ortsrand hat sie ein Gemeindezentrum eingerichtet und 24 mit Wasser gefüllte Glaszylinder aufgestellt, die vom Boden bis zur Decke reichen. Wasser von isländischen Gletschern mit Namen wie Langjökull und Hofs jökull, die immer schneller schmelzen. Die zarten, gläsernen Baumstämme ihrer "Library of Water" sind eine atmosphärisch eindrucksvolle, aber scharfe Warnung vor dem Klimawandel.

Wasser ist eines ihrer Themen - jenes Element, das die unterschiedlichsten Gestalten annehmen kann, und doch immer gleich bleibt - "vertraut und unvertraut zugleich", wie sie sagt.

Für die Serien "Still Water" (1999) und "Some Thames" (2000) hat sie die Them se fotografiert, "es ist derselbe Fluss und doch nie derselbe". In der Fotoserie "You are the Weather" (1994/ 95) sehen wir hundertmal das Gesicht einer jungen Frau, die uns aus dem Wasser eines isländischen Thermalbads anblickt, lächelnd, herausfordernd, abweisend. Der Titel deutet an, dass sie uns, das Publikum, für die Wetterverhältnisse verantwortlich macht, die ihren Gesichtsausdruck verändern.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens, so sagt Horn selbst, stehe das Zeichnen.

Dabei versteht sie Zeichnen nicht unbedingt im hergebrachten Sinn. Ein Beispiel für diesen erweiterten Begriff ist ihre erste Skulptur "Antfarm" (1974) - ein mit Erde gefüllter Glaskasten, in dem eine Ameisenkolonie durch ihre emsige Arbeit eine aktive, sich ständig verändernde Zeichnung herstellt.

Seit 1985 hat sie ihre ganz eigene Art des Zeichnens entwickelt: Zu Beginn trägt sie mit Stift, Pigment und Wasserfarbe auf Papier meist abstrakte Zeichen auf. Diese zerschneidet sie und setzt aus den Schnipseln neue Blätter zusammen, die im Lauf der Zeit zu zwei mal drei Meter großen Arbeiten anwachsen. Sie nennt dieses Verfahren "intuitiv, improvisatorisch".

Die Schweizer Kuratorin Bice Curiger attestiert ihr "die Fähigkeit, mit kleinen Bewegungen und Interventionen in nicht messbare Dimensionen vorzudringen".

Bis 25. Mai zeigt die Londoner Tate Modern eine umfassende Werkschau der Künstlerin. Ohne größere thematische oder chronologische Vorgaben soll der Besucher, so Kurator Mark Godfrey, "auf dem Weg durch die Schau verstehen, wie die einzelnen Arbeiten miteinander verknüpft sind.

Werke im ersten Raum finden etwa eine Art Echo im dritten, man hat das Gefühl, etwas wiederzuerkennen." Immer geht es um Vielheiten in Roni Horns Werk; Motive der Paarung und der Doppelung sind charakteristisch.

"Ich fand heraus, dass mir ein einzelnes Objekt nicht die gewünschte Beziehung zum Betrachter erlaubte", sagt sie. "Die Singularität führt mehr zu einer Trennung vom Betrachter." Skulpturen wie die frühe Serie "Things That Happen Again" (1986/91) mit ihren paarweise angeordneten Kupferformen oder später die farbigen Glasquader von "Untitled (Flannery)" (1997) waren ihre Antwort: Sie schufen "einen Ort, in dem der Betrachter das Werk bewohnt oder zumindest ein Teil davon wird". Er kann sich gewissermaßen ein reihen in die changierenden Identitäten.

Das Thema der permanenten Veränderung soll sich auch in der Ausstellungsarchitektur wiederfinden. Dass durch so viele Fenster wie möglich Tageslicht fällt, ist der Künstlerin und dem Kurator wichtig, vor allem ihre minimalistisch anmutenden Skulpturen profitieren von wechselnden Lichtverhältnissen.

Fällt die Sonne auf "Gold Mats, Paired - For Ross and Felix" (1994/95), zwei auf dem Boden übereinander liegende Matten aus purem Gold, verändern sie ihre Farbe. Oder "Opposite of White 1 and 2" (2007), zwei Zylinder, einer aus durchsichtigem und einer aus schwarzem Glas. Bei dem farblosen Zylinder kann man bis zum Boden blicken, der wie eine zerklüftete Landschaft aussieht; der andere ist völlig undurchsichtig. Dass sie beide trotz ihrer Solidität zu schweben scheinen, liegt am Licht.

Ein Raum ist ganz Büchern gewidmet - das Künstlerbuch spielt in Horns OEuvre eine bedeutende Rolle.

Ein Buch ist für sie nicht bloße Dokumentation vorhandener Werke, sondern, wie bei dem US-amerikanischen Künstler Ed Ruscha oder den deutschen Fotografen Bernd und Hilla Becher, in sich ein Kunstwerk. "Das Buch findet sein Publikum, bei einer Skulptur ist es umgekehrt", sagt sie.

"Das Buch ist eine viel weniger exklusive Erfahrung." Etwas Literarisches durchweht viele Werke; es finden sich auf einzelne Wörter reduzierte Werktitel wie "Then" oder "Must", aber auch ganze Sätze, die nicht selten Wortspiele enthalten, wie die Skulptur "I Give You A Pear That Was Given Me - Wish That It Were A Pair, But Nature Is Penurious" (2007). In die Aluminiumstäbe der Serie "Key and Cue" (1994) sind Gedichtzeilen von Emily Dickinson eingelassen:

"I Felt My Life With Both My Hands"; die Fußnoten der Fotoserie "Still Water" erläutern unser Verhältnis zum Wasser und die Geschichte der Themse; und die Wörter - wie "Rough" oder "Pleasant" -, die sie in der "Library of Water" in den Gummifußboden eingelegt hat, beschreiben sowohl das Wetter als auch Gefühlsregungen.

Isabelle Hupperts Gesicht in hundertfacher Ausfertigung will einem nicht aus dem Kopf. Was sehen wir eigentlich? Eine Schauspielerin bei der Arbeit? Oder blickt uns die echte Isabelle an? Kann ein Foto wirklich einen Menschen offenlegen? Können es 100?

"Mir geht es darum, Fragen zu stellen", sagt Roni Horn. "Antworten interessieren mich eigentlich nicht." Ausstellung: "Roni Horn aka Roni Horn", Tate Modern, London, bis 25. Mai 2009. Weitere Station:

Collection Lambert, Musée d'art Contemporain, Avignon, 21. Juni bis 4. Oktober. Internet: www. tate.org.uk, www.collectionlambert.com Galerie: Hauser & Wirth, www.hauserwirth.com

Bildunterschrift:

"Portrait of an Image (with Isabelle Huppert)", 2005

Faszination Fluss: Das Motiv ist immer dasselbe, jedes Bild davon in "Some Thames" (80 Fotos, je 64 x 97 cm) von 2000 einzigartig

Sie ist keine Konzeptkünstlerin, aber ihre Kunst hat ein konzeptuelles Fundament

In der Serie "Cabinet of" (2001) geht Roni Horn Stimmungen nach, die sich in einem Clownsgesicht spiegeln

Eine Einzelgängernatur: Roni Horn

Gletscherwassersäulen der "Library of Water" (2007) im isländischen Stykkishólmur

Roni Horn geht es nicht um Antworten - sondern um die Fragen

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