Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 51
Fegefeuer für Kunstfreunde
Von Thomas Wagner
Im Kunstbetrieb deuten viele die Finanzkrise plötzlich als Chance. Doch ist skeptisch, dass uns die Rezession Erlösung von der geistlosen Marktmaschine bringt
Krise, allüberall Krise. Alle reden von ihr, doch kaum etwas ist zu sehen. Vorerst ist sie ein unbestimmtes Gefühl: Es wird einem mulmig. Nichts scheint gegenwärtig der grassierenden Instabilität der Verhältnisse widerstehen zu können, und so stürzt alles - buchstäblich alles - eben in die Krise. Bankenkrise, Kreditkrise, Weltwirtschaftskrise, Auktionshauskrise, Luxusgüterindustriekrise, Kunstmarktkrise ... und dabei haben wir all die Krisen noch gar nicht mitgezählt, an deren Existenz wir uns längst gewöhnt haben, von der Nahostkrise bis zur Demokratiekrise. Aber kann tatsächlich irgendwer ernsthaft überrascht sein, dass nichts bleibt, wie es gerade noch war?
Nun gibt es im Kunstbetrieb nicht wenige, die den Absturz geradezu herbeigesehnen, die sich offenbar nichts mehr gewünscht haben als sein Kommen. Rezession auch auf dem Kunstmarkt - wunderbar! Weniger Ausstellungen - herrlich! Überhaupt weniger Kunstbetriebsgenudel!
Man traut seinen Augen und Ohren nicht, mit welcher Verzückung die Tatsache begrüßt wird, dass sie nun endlich da ist: die Krise. Doch bedeutet ihr Heraufziehen tatsächlich, dass eine Zeit der Entscheidung bevorsteht? Was soll sich denn entscheiden? Kann es das geben: das Großreinemachen?
Welche Motive sind hier im Spiel?
Ein Motiv ist klar: Neid. Oder noch drastischer: Verzweiflung.
Begrüßt wird die Krise, weil man glaubt, in ihr die Nemesis des maßlos gewordenen Kunstbetriebs zu erkennen, die jenen Gerechtigkeit widerfahren lasse, die sich bislang auf verlorenem Posten wähnten - schließlich ist Nemesis in der griechischen Mythologie die Göttin des gerechten Zorns und der Rache, die oft von Aidos, der Göttin der Scham begleitet wird. Also lautet die Botschaft:
Leidet endlich und schämt euch, ihr, die ihr die Kunst verraten habt! Kein Wunder, dass die Kunstkritik die Krise will, waren ihre Aktien doch kaum mehr etwas wert, solange die Kunstmarktmaschine auf vollen Touren lief und sich der Wert der Kunst über den Preis definierte.
Ein weiteres ist das pseudoreligiöse Motiv der Läuterung.
Ob Künstler oder Galeristen, ob Sammler oder Kritiker, alle haben geahnt, dass nicht immer alles besser und teurer werden, ein Künstler nicht noch erfolgreicher sein kann.
Also wünscht man sich insgeheim, im Fegefeuer der Krise werde die Kunst - und man selbst - gereinigt. Hatte bislang der Materialist in uns allen geglaubt, das ließe sich erreichen, wenn man viele Geldscheine auf den Altären des Kunstmarkts als Opfergaben darbringt, um nicht länger als reicher, aber schnöder, geist- und kulturloser Geselle dazustehen, so ist nun der Idealist in uns an der Reihe, der fröhlich Buße tun will, um sich - befreit von der Jagd nach Reichtum und Prestige - endlich wieder den wesentlichen, eben geistigen und künstlerischen Dingen zuwenden zu können. Wo Kunst und ihre Förderung als Mittel zur Vergeistigung und zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens nicht mehr wirken, braucht es stärkeren Tobak. Und die Krise ist, bei allem, was sie sonst noch ist, ein guter Verstärker, der den Vorteil hat: Keiner muss aus eigenem Antrieb umkehren, etwas ändern, sich ändern. Er kann bleiben, wie er ist: Die Krise wird's schon richten und am Ende auch ihn läutern.
Weniger offensichtlich ist ein drittes Motiv. Es betrifft den Mehrwert der Kunst. Dass Kunst, die nicht nur bloße Ware ist, ihren Wert in den letzten Jahren vor allem ökonomisch unter Beweis stellen konnte, hat eine Debatte darüber verhindert, worin ihr Wert sonst noch besteht.
Was sind ihre aktuellen ästhetischen, gesellschaftlichen und politischen Aufgaben? Welchen kulturellen Mehrwert produziert sie? Ob die Krise zu einer Rettung solch idealistischer Vorstellungen inmitten einer durch und durch nach ökonomischen Gesetzen funktionierenden Gesellschaft beitragen kann oder nicht, bleibt fraglich. Doch auch hier soll sie Klärung bringen.
Die Krise ist also gar kein Schreckgespenst. Sie ist eine Gestalt des Neuen und ein großer Mantel, unter dem sich all das verbirgt, was sich in den Jahren des Kunstbooms an Unerledigtem und Verdrängtem angesammelt hat. Im Gerede von der Finanzkrise verbirgt sich nichts als eine große Hoffnung. Doch: Sie wird enttäuscht werden. Alle werden wir weiter leiden, unerlöst.
Und wieder wird uns nur die Kunst, in der immer Krise herrscht, helfen zu verstehen, dass wir es sind, die etwas ändern müssen.
Bildunterschrift:
Die Krise hat den Vorteil, dass keiner aus eigenem Antrieb umkehren oder etwas ändern muss. Die Krise wird es richten und am Ende alle läutern
