Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 28-34
Die Moderne - Baukasten Moderne
Von Mirja Rosenau
Die Gegenwartskunst beerbt die historischen Avantgarden: Frei wird mit dem gewichtigen Vermächtnis jongliert, anspielungsreich das überlieferte Vokabular zitiert. Unbeschwert surfen junge Künstler quer durch alle Disziplinen. Hinter ihnen liegt eine lange Tradition der postmodernen Kritik, vor ihnen eine Zukunft, die alte Utopien in neuem Licht erscheinen lässt. Die Globalisierung schließlich hat lokale Strömungen der Moderne aus aller Welt ins Bewusstsein gerückt
Sieht man sich die Kunst der Gegenwart an, lässt sich der Eindruck gewinnen, die Moderne habe sich vor allem in Stühlen manifestiert. Mit Verve wird das Erbstück der Avantgarden vom Nachwuchs gedreht, gewendet, verfremdet:
Martin Boyce etwa zerlegt einen Arne-Jacobsen-Klassiker und hängt die Trümmer zu einem Mobile wieder auf. Jonathan Monk befestigt Marcel Breuers Stahlrohrsessel kopfüber unter der Zimmerdecke; Ryan Gander lässt Kinder aus Bausätzen für Gerrit-Rietveld-Möbel eigensinnige Gebilde zimmern. Olaf Nicolai zieht einer edlen Le-Corbusier-Liege eine Rotkreuzdecke über; Simon Dybbroe Møller schiebt Stapelstühle aller Couleur zu einem wackligen Turm ineinander oder faltet brachial Pressspanplatten - zu einem rietveldartigen Zickzackstuhl.
Die Verarbeitung der Klassischen Moderne ist schwer in Mode unter zeitgenössischen Künstlern. Von einer "Neo-Moderne" ist bereits die Rede, von "Neuen Modernismen", einer "Modernologie" und "ultramodernen" Tendenzen. Nicolas Bourriaud, Kurator der aktuellen Tate-Triennale, warf soeben "Altermodernity" (in etwa: "andere Moderne") als Epochenbegriff für die Kultur des 21. Jahrhunderts in den Raum. Und ein Londoner Ausstellungshaus verpasste einer Schau den treffenden Titel "Past Forward": Rundum geht der Blick zurück in die Zukunft.
Unbeschwert surfen junge Künstler durch die Geschichte, kreuzen Ernst Ludwig Kirchner mit Mode und Popkultur, kombinieren den "Tatlin-Turm" mit koreanischen Hochhäusern und der Hagia Sophia in Istanbul, knautschen Minimal-Art-Boxen, knüllen Neonröhren, verbiegen Stahlrohrgestelle und legen Kunstbuchseiten auf Schwarzweißkopierer. Stühle schließlich eignen sich zum demonstrativen Zerhauen und neu Zusammenbauen wohl nicht zuletzt deshalb so gut, weil sich in ihnen ein Hauptprogrammpunkt der Moderne beispielhaft verdichtet.
Sie transportieren die Idee der Durchdringung von Kunst und Leben im ausgeklügelten, in Serie produzierten und zumindest theoretisch für jeden verfügbaren Designobjekt. Der moderne Stuhl trägt den Plan einer bis ins Letzte gestalteten, rundum aufgeräumten, total durchorganisierten, standardisierten und für alle verbesserten Lebenswelt in sich - die ganze große Utopie also, die mit der politischen Realität von Faschismus und Totalitarismen folgenschwer Schiffbruch erlitt.
Heute blickt die Kunst nicht mehr nur auf die Moderne, sondern auch längst auf die postmoderne Kritik zurück:
Nachgeborene Künstler haben zitiert, parodiert und umgeschustert, was ihnen an moderner Hochkunst in die Hände fiel. Radikaler Abstraktion und coolem Minimalismus wurden verspieltere Formen, ironische Gesten und der eigene Körper entgegengesetzt.
Sigmar Polke beschmierte seine Leinwand wider jedes Reinheitsgebot und verhöhnte den Ernst der klassischen Avantgarden ("Moderne Kunst", 1968).
Die Künstlergruppe General Idea "infizierte" das "De Stijlsche"-Grundfarbendogma durch Hinzufügung der Mischfarbe Grün ("Infected Mondrian", 1994). Elaine Stur te vant hinterfragte mit ihren detailgenauen Kopien von Werken männlicher Kollegen nicht nur den modernen Originalitätsanspruch, sondern arbeitete auch gleich noch auf eine gerechtere Geschlechterverteilung hin. Über den Zusammenhang von westlich-modernem Allgültigkeitsanspruch, Kolonialismus und gleichmacherischen Globalisierungseffekten klärten in den neunziger Jahren "Cultural Studies"-Seminare rund um den Globus auf.
Auch wenn also scheinbar alles bereits einmal gesagt, zerlegt, kritisch gedreht und in neuen Zusammenhang gestellt worden ist, greift die Gegenwartskunst in aller Unbefangenheit und Frische auf das alte Vokabular zurück. Mit aufgebrochenen, jeden Verbindlichkeitsanspruch zurückweisenden Formen werden kreuz und quer durch alle Disziplinen hintersinnige Verbindungslinien gelegt.
Und mag man sich auch gegen allen Dogmatismus verwehren: Neugierig wird doch Vision um Vision als womöglich wieder für die Gegenwart brauchbar aus dem schwierigen Erbe herausgelöst.
In krisengeschüttelten Zeiten besinnen sich Künstler und Kuratoren sogar auf das Erlösungsprogramm der klassischen Avantgarden zurück: Die Idee des Utopischen aus der "langen Geschichte starrer Ideologien" zu befreien, setzten sich etwa Hans Ulrich Obrist, Molly Nesbit und Rirkrit Tiravanija mit ihrem Projekt "Utopia Station" zum Ziel, das 2003/04 in Venedig und München Halt machte - eine "Zwischenstation auf der Durchreise", so ließen die Organisatoren wissen, "auf dem Weg zu einer besseren Welt".
Nach "Optimismus im Zeitalter globaler Kriege" suchte dann auch die Istanbul-Biennale 2007 in der zeitgenössischen Kunst. "Gibt es, allen Widerständen zum Trotz, doch so etwas wie einen gemeinsamen Horizont für die Menschheit", fragte im gleichen Jahr die Documenta 12. Sie schürfte - "Ist die Moderne unsere Antike?" - in der Kunst nach uns allen gemeinsamen Wurzeln und grub dabei auch in die "emanzipatorischen Momente und Utopien der Modernität" wieder aus.
Aufgespürt wurden die vergessenen Potenziale in Außenseiterpositionen, vergessenen Lebenswerken und noch kaum betretenen Nebenwegen, in den "alternativen Modernen" von Brasilien, Polen, Malaysia. Lokale Wurzelforschung betrieb im vergangenen Jahr auch die fünfte Berlin-Biennale.
Sie knöpfte sich unter anderem die Geschichte ausgewählter Ausstellungsorte in der deutschen Hauptstadt vor, am prominentesten die 1965 von Ludwig Mies van der Rohe mitten in den Kalten Krieg hineingebaute Neue Nationalgalerie - nicht nur ein Hauptschauplatz der Moderne westlicher Prägung, sondern auch eine Goldgrube modernistischer Ideologie.
Die "Biennalisierung" des Kunstbetriebs hat den globalen Austausch vorangetrieben und die "Off-Modernen" aller Enden der Welt ins kollektive Bewusstsein gerückt. Der neue Einfluss der Kuratoren heizt die von Künstlerhand betriebene kulturarchäologische Forschungsarbeit offenbar zusätzlich an: Bemerkenswert viele Arbeiten, die das moderne Erbe dekonstruieren, gehen auf einen kuratorischen Auftrag zu rück. So entstanden "themenspezifische Installationen" (etwa zu historischen Stadtutopien in der Ausstellung "Megastructure Reloaded", 2008 in Berlin), "Hommagen" an einflussreiche Jubilare ("Around Max Bill", 2008 in Paris) oder auch rund 180 Künstlerplakate zum Utopiebegriff, die die "Utopia Station"-Macher seinerzeit für ihr Projekt bestellten. Künstler wur den eingeladen, Ausstellungen zu "Kunst schaffenden vergangener Generationen" zu kuratieren (so geschehen bei der Berlin- Biennale 2008) und gebeten, "relevante Referenzen und Inspirationsquellen individuell zu materialisieren" - ob dabei weitere Stühle zu Bruch gehen, ist ab Herbst unter dem Titel "Modernologies" in Barcelona zu sehen.
Ausstellungen: "Altermodern. Tate Triennale", Tate Britain, London, bis 26. April; "Grenzgänge.
Junge Kunst und die Moderne im 21. Jahrhundert", Kunstmuseum Wolfsburg, 20. Juni bis 25. Oktober; "Utopia Matters", Deutsche Guggenheim, Berlin, 25. Juli bis 4. Oktober; "Modernologies", MACBA Barcelona, 23. September bis 10. Januar 2010.
Katalog: Tate, 19,99 Pfund. Internet: www.tate. org.uk, www.kunst-museum-wolfsburg.de, www.deutsche-guggenheim.de, www.macba.es
Bildunterschrift:
Bei LEE BULL, 44, leben Ideen der Moderne in fantastischen Skulpturlandschaften wieder auf: ein kühner amerikanischer Hochhausentwurf aus den zwanziger Jahren etwa, den die Südkoreanerin mit Bauvisionen aus Asien und Europa, persönlichen Erzählungen und fragilen, oft schwebenden und zerfließenden Formen zusammenbringt ("Mon grand récit: Weep into stones ...", 2005).
Ein durch die Jahrzehnte immer wieder gern zitiertes Motiv:
Die Schweizerin SYLVIE FLEURY, 47, plüscht Piet Mondrians Purismus mit Kunstfellapplikationen auf ("Tableau No. 1", 1992, 96 x 60 cm).
"Parasiten" nannten sich die Mitglieder der Künstlergruppe GENERAL IDEA (1969 bis 1994): Systematisch bedienten sich die Kanadier in Kunst, Pop, Medien und Konsumkultur. Robert Indianas berühmte "LOVE"-Lettern (1966), eine Ikone der Pop Art wie der liebestrunkenen Hippiegeneration, unterzogen sie 1987 einer Aktualisierung ("AIDS", 76 x 76 cm).
Eigensinn statt starrer modernistischer Baupläne: Aus Bausätzen für Lattenmöbel, die Gerrit Rietveld in den dreißiger Jahren zur Selbstmontage entwickelt hat, zimmert der Engländer RYAN GANDER, 32, gemeinsam mit Kindern einfallsreiche Gebilde zusammen ("Rietveld Reconstruction:
Rose, Aged 8", 2005).
MARTIN BOYCE, 41, hat mehrfach künstlerisch Hand an industriell gefertigte Designobjekte gelegt: Ausgeklügelte Möbel über führt er so aus der puren Funktionalität in den Betrachtungsraum der Kunst zurück - Arne-Jacobsen-Stühle etwa, die der Schotte erst zerlegt, um sie dann als Mobiles aufzuhängen, die an Alexander Calders Skulpturen aus den dreißiger Jahren erinnern ("Suspended Fall", 2005).
SIGMAR POLKE, 67, etablierte in den sechziger Jahren den Stilbruch als postmodernes Stilprinzip. Darüber hinaus zog er jede höhere Bedeutung abstrakter Kunst in Zweifel und rechnete - wie sein Gemälde "Moderne Kunst" (1968, 150 x 125 cm) anschaulich vorführt - mit Pathos und Ernst der klassischen Avantgarden ab.
Le Corbusiers "LC4"-Liege mit einer Rotkreuzdecke zu überziehen, erscheint zunächst wie ein schneller Scherz.
Dabei legt OLAF NICOLAI, 46, in seinen Skulpturen tatsächlich vielschichtige Verbindungen zur Moderne an. So spielt "International" (2003) unter anderem auf zwei aus dem Geist der westlichen Moderne geborene "Internationalisierungen" an: die der internationalen Hilfsorganisation ebenso wie jene des "International Style".
Der Mann mit dem Hut und der Anglerweste ist hier ausnahmsweise einmal eine Frau: Die Amerikanerin ELAINE STURTEVANT, 78, hat nicht nur das berühmte Beuys-Porträt aus dem Jahr 1971 akribisch nachgestellt ("Beuys La Rivoluzione siamo noi", 1988, 94 x 51 cm), sondern kopiert seit den sechziger Jahren auch Werke anderer Künstlerkollegen.
Marcel Duchamps Pissoir beispielsweise, dessen Ready- Made-Idee sie weiterspinnt.
Die stilistisch sprunghafte Polin PAULINA OLOWSKA, 32, hält autoritären Standards Impulse der Rebellion und Selbstbestimmung entgegen: Das können deutscher Expressionismus und die Mode der sechziger Jahre sein ("Balanciaga", 2006, 18 x 13 cm), aber auch polnische Punkkultur und unangepasste Frauenfiguren.
Der Schotte PETER DOIG, 49, bedient sich seit bald 20 Jahren verschiedenster Malstile und Motive quer durch die Epochen. In einer Serie aus den neunziger Jahren beschreibt er die Moderne als beklemmend hermetisch: Eine "Wohneinheit" Le Corbusiers aus den sechziger Jahren wird vom Maler eindrucksvoll gegen den frei wachsenden Wald im Vordergrund gesetzt ("Concrete Cabin II", 1992, 200 x 275 cm).
Der Däne SIMON DYBBROE MØLLER, 32, stellt Verbindungen zwischen Moderne und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen her. Mit einem hell strahlenden Lüster etwa (Abb.: "Gamma Cephei Chandelier", 2008), der an Dan Flavin ebenso erinnert wie an einen 45 Lichtjahre entfernten Stern.
