Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 26-27
William Shakespeares Welt
Von Albert Ostermaier
Über das "Grafton-Porträt" findet zu seiner Hommage an den berühmten englischen Kollegen: "Für mich, mein schöner Freund, wirst du nie alt"
SERIE (5)
Die Pest wütet in London, die Fehlgläubigen hängen an den Bäumen zur Abschreckung, alles ist Angst, Panik, Verschwörung, Verfolgung. Es wird gefoltert, um die Wahrheit herauszuquälen, wird gegen Fremde gehetzt, die allen als Feinde erscheinen. Immer wieder droht die Gefahr von Anschlägen, einer Invasion fremder Mächte, von Umstürzen. Das Leben in der Stadt ist lebensgefährlich, Krankheiten, Epidemien allerorten, Dreck, Verbrechen, wütende Streitereien. Über den Gesichtern in Panik vollendet sich die Schraffur des Todes.
Jeder gerät an jeden, und alles gerät in Aufruhr, über die Stadt legt sich ein schwarzer Schleier aus Rauch und Ruß, der Himmel ist Leinwand und Leichentuch. Und zugleich zeigt sich London im 16. Jahrhundert inmitten dieser alles ansteckenden Tristesse in seinen grellsten Farben, wird alles zum orgiastischen Fest, als gälte es, vor dem Tod das Leben nochmals zu fassen mit vollen Händen und weit geöffneten, sehnsüchtigen Augen.
Fast die ganze Stadt besteht wegen der hohen Sterblichkeit vorwiegend aus 20-Jährigen, die sich vergnügen, morden, huren oder in See stechen zu den neuen Kolonien hin und ihren Geheimnissen. Jeder versucht zu leben, so lange er leben kann, zu erleben, was er leben kann: "Süß ist die Blume, die der Sommer bringt, lebt sie auch nur und haucht ihr Leben aus, doch wenn Verwesung in die Blume dringt, ist das gemeinste Unkraut ihr voraus" (Sonett 94). Der Tod spielt eben immer mit und seine bewährte Rolle in den Machtspielen und den Spielen mit der Macht, in denen viele ihr Leben oder ihre Liebe verspielen und im besten Falle nichts als ihren Ruf.
In dieser Zeit, in diesem Klima entsteht das so genannte Grafton-Porträt. Es ist nach seinem zeitweiligen Besitzer um 1700 benannt, Herzog von Grafton. Es zeigt einen jungen Mann, der 1588, als er porträtiert wurde, 24 Jahre alt gewesen sein soll, wie das Gemälde mit seinen Datierungen erzählt, wenn man ihnen glauben will. Ein junger, etwas verstört und angstvoll blickender Mann, ein Mann im Durchschnittsalter, permanent wie seine Zeitgenossen gefährdet von den Gefährdungen der Stadt, der Zeit, den Gerüchten und Denunziationen. Er sieht blendend aus, fast italienisch in seiner Anmutung, er trägt ein teures, modisches Wams mit Kragen, fixiert seinen Betrachter, fordert ihn heraus, aber ist zugleich scheu, sinnt nach, überlegt, verzögert, was er sagt, unterdrückt vielleicht eine Bemerkung, einen Satz, ein Bonmot, ein Wortspiel, das seinen schönen Kragen riskieren könnte und den feinen Hals, den er umschmückt. Er will nichts riskieren, wägt ab, aber es ärgert ihn zugleich, nicht frei sprechen zu können. Doch er hat gelernt in Gegensätzen zu sprechen, setzt sich selbst in Widersprüche, dass man ihn nicht festmachen, festhalten kann. Kein Firnis lässt sich über seine Lippen legen, er ist nur zwischen den Zeilen zu verstehen, dort, wo sich ein Horizont öffnet, der unendlich ist und sich, je mehr man sich ihm nähert, desto mehr entzieht, dessen Sonnenuntergänge dabei immer leuchtender werden, das Licht immer anziehender. Dieser junge Mann hält die Balance auf einer Klinge. Sein blutrotes Wams, es könnte zerfetzt von Schnitten wirken: Seht meine Haut, ich habe keine Furcht, mein Herz kennt die Schmerzen, es ist gepolstert mit Unglück, aber auch von den Daunen der Träume. Ihr könnt mich nicht treffen, denn schneller als die Klinge meine Brust trifft, bin ich ein anderer, wechsle das Gesicht, verwische die Spuren, die ihr zu lesen meint. Sie treiben euch wie meine Zeilen in die Irre, in Labyrinthe doppeldeutiger Zeichen und Spiegelscherben. Was habe ich gemein mit diesem kahlköpfigen, dickbackigen, doppelkinnbeladenen Gentleman, den ihr als mich zu kennen glaubt, was gemein mit seinen rotierenden Augenringen, den Trauerschatten über seinen Pupillen, dem goldenen Ohrring, als würde Gott seine Fäden dort ziehen.
Was ist den beiden Männern und ihren Abbildern gemein? Die mandelförmigen, dunklen Augen, der Nasensattel, die Kinnlinie, der Mund mit seinen weichen, fast weiblichen Lippen. Und die Initialen, W. S., wie sie auf den Rückseiten der Bilder stehen, auf den Rückseiten der Gedanken, der Blicke, die immer wiedererkennen wollen, statt wieder und wieder zu erkennen.
Dieser junge Mann, der sein Haar noch voll trägt und nicht die Stirn als Spiegelbrett der Sonne, dieser Mann, er soll der junge Shakespeare sein. Und zeigen seine Blicke nicht auch das, was Shakespeare über den Hamlet schrieb:
"Auch ohne Feind hat Jugend inneren Streit." Jene Jugend, die so kurze Zeit hält, wo die Schriftsteller wie Fliegen sterben oder ihnen zumindest die Flügel und Schreibhände gebrochen werden, in dieser Zeit, wo Schauspieler von einem Tag zum anderen vogelfrei sind, statt frei wie Vögel zu sein. In jener Zeit, wo jeder sich ausmalen kann, was es heißt, gezeichnet zu sein. Ist das Porträt nun echt oder ist es eine Fälschung? Oder präziser: Ist es falsch zu glauben, dies sei der junge William? Spielt es denn eine Rolle?
"Falschheit heilt Falschheit", schreibt Shakespeare in "König Johann"‚ "wie das Feuer in den versengten Adern Feuer kühlt." Es reicht nicht, sich ein Bild oder zwei Bilder von ihm zu machen, denn das Bild, das er sich von uns wünscht und das ihn und uns immer wieder einander zu Zeitzeugen und -genossen macht, ist ein anderes: "Viel mehr als ich in Versen sagen kann, zeigt dir dein Spiegelbild, siehst du es an" (Sonett 103).
IM NÄCHSTEN HEFT: Thomas Glavinic über Man Rays Fotografie von Nusch Eluard und Sonia Mossé (1936)
Bildunterschrift:
Der 1967 geborene Schriftsteller, der in München lebt und arbeitet, ist vor allem als Lyriker und Dramatiker bekannt geworden. Besonders beachtet wurden seine Gedichtbände "Solarplexus" (2004), "Polar" (2006) und "Für den Anfang der Nacht" (2007), die wie sein erster Roman "Zephyr" (2008) beim Frankfurter Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurden.
Im Insel Verlag erschien "Wer sehen will.
Gedichte zu Photographien von Pietro Donzelli" (2008). Soeben hat er im Suhrkamp Taschenbuchverlag "Für alle Fälle: Brecht", sechs Bände zu den Themen Verführung, Rausch, Musik, Verbrechen, Verrat und Kapital, herausgegeben.
"Mein Herz kennt die Schmerzen. Es ist gepolstert mit Unglück, aber auch von den Daunen der Träume" Das von einem Unbekannten gemalte "Grafton-Porträt" (1588, 45 x 39 cm) könnte den jungen William Shakespeare darstellen
