Ausgabe: 03 / 2009
Seite: 16-24

Sentimentale Ansichten vom American way of life

Von Claudia Bodin

Grelle Neonreklamen, brave Vorstadtidylle - in den siebziger Jahren bannten die amerikanischen Fotorealisten ihre Umwelt detailgetreu auf die Leinwand. Damals stieß ihre Malerei auf Unverständnis und Ablehnung. Jetzt holt die Deutsche Guggenheim sie nach Berlin. Eine spannende Wiederentdeckung

Eine der ersten fotorealistischen Arbeiten war das Ergebnis schierer Verzweiflung. Der kalifornische Künstler Robert Bechtle setzte Fotografien zunächst nur als Vorlage ein, um Stillleben und Figuren so wirklichkeitsgetreu wie möglich wiederzugeben. Als er Schwierigkeiten mit dem Bild eines Cadillacs hatte ("56 Cadillac", 1966), projizierte er das Dia auf die Leinwand, um Korrekturen zu machen. "Es funktionierte", sagt der 76-jährige Maler heute. "Aber ich fühlte mich schuldig." Schließlich galt das Kopieren einer Fotografie damals als verpönt. Doch wie Bechtle war eine Generation von US-Künstlern auf der Suche nach einer neuen Freiheit:

Von der Pop Art beeinflusst und von Künstlern wie Edward Hopper und James Rosenquist inspiriert, fanden sie eine Form, die amerikanische Realität - Schnellrestaurants, Autos oder Schaufensterauslagen - ohne jegliche Form subjektiver Interpretation abzubilden.

Sie wollten sich vom Vermächtnis der Abstrakten Expressionisten lösen, die in Künstlerkreisen verschmähte Malerei auferstehen lassen und die Realität neutral wiederspiegeln, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Dass ihre Kunst mehr als 40 Jahre später genau wegen des sentimental nostalgischen Blicks auf die späten sechziger und siebziger Jahre wieder interessant werden würde, hätten sich die Künstler bestimmt nicht träumen lassen, so die New Yorker Kuratorin Valerie Hillings, die die Fotorealisten jetzt nach Berlin in die Deutsche Guggenheim bringt.

Die Schau "Picturing America" ist eine der ersten großen Ausstellungen des amerikanischen Fotorealismus in Deutschland, seitdem die Arbeiten 1972 auf der Documenta 5 erstmals einem größeren Publikum vorgestellt - und damals von vielen als dreiste Reproduktionen von Reproduktionen niedergemacht wurden. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Künstler einen Platz in der Kunstgeschichte erobert hatten.

"Obwohl Fotorealismus niemals eine große Anhängerschaft hatte - er war zu einfach zu verstehen und wurde zu schnell von den falschen Leuten verstanden - handelt es sich in der Tat um die erste Bewegung in der amerikanischen Kunst, die heute lebhaft postmodern erscheint", schrieb der Kritiker Adam Gopnik 1992. Der Fotorealismus sei die erste wirklich amerikanische Kunstrichtung, die Europa nichts schuldet, meint der New Yorker Sammler und Galerist Louis K.

Meisel, der den Fotorealisten ihren Namen gab. "Die siebziger Jahre waren die Zeit der Ölkrise und des wirtschaftlichen Abschwungs. Es geht in den Arbeiten um Familie und Alltag. Themen, denen sich Menschen in schwierigen Zeiten widmen", sagt Hillings.

"Die Fotorealisten entwickelten eine Sprache, deren Elemente in der Kunst heute nahezu allgegenwärtig sind." Sei es in der Hinwendung zur Fotografie durch Künstler wie Cindy Sherman oder in der Weiterführung wie bei Richard Prince, der sich die Alltagskultur anhand von Werbeanzeigen vorknöpfte.

Sei es in Form von Damien Hirsts "Fact Paintings" oder Jeff Koons hyperrealen Gemälden.

So ist der American way of life das Thema der Schau. Gezeigt werden Arbeiten von 14 Künstlern wie Ro bert Bechtle, Tom Blackwell, Ralph Goings und Audrey Flack, der einzigen bekannten Frau unter den Fotorealisten.

Einige der Werke waren auf der Documenta 5 ausgestellt. Auch Chuck Close, der sich eher den Minimalisten zurechnet, ist mit zwei Arbeiten vertreten (siehe Interview Seite 52). Den Anfang der Ausstellung machen Bilder aus Großstädten - Konsum- und Freizeitkultur, Automobilkult, Freiheit versprechende Wohnwagen - und endet mit einer Eis schleckenden Familie in der Vorstadt. Den Arbeiten hängt der spießige Kleinstadtgeist Amerikas an.

Die Künstler selbst hätten zu den gefestigtsten Menschen gezählt, die ihm je begegnet seien, sagt Sammler Meisel:

"Sie tranken und rauchten nicht, sie nahmen keine Drogen. Vielen, die von Künstlern erwarteten, problematisch und maßlos zu sein, war das vielleicht zu langweilig. Die Fotorealisten waren einfach nette Menschen. Talentiert und smart." Ausstellung: "Picturing America: Fotorealismus der 70er Jahre", Deutsche Guggenheim, Berlin, 7. März bis 10. Mai. Katalog: 28 Euro.

Literatur: Louis K. Meisel: "Photorealism" (1965-1980), 1980. "Photorealism since 1980", 1993. "Photorealism at the Millennium", 2002, alle bei Harry N. Abrams Inc., New York.

Internet: www.deutsche-guggenheim.de

Bildunterschrift:

Robert Bechtles "Foster's Freeze, Escalon" (1975, 102 x 147 cm)

Neue Freiheit: Don Eddy malte 1971 diese Parkplatzszene ohne Titel (122 x 168 cm)

Der Wohnwagen als Sehnsuchtsobjekt: "Airstream" (1970, 152 x 214 cm) von Ralph Goings

Das Kaugummi gilt als Inbegriff amerikanischer Kultur: "Gumball No. 10, Sugar Daddy" (1975, 168 x 168 cm) von Charles Bell

Hommage an den Eisenwarenladen: Richard Estes' "Supreme Hardware" (1974, 112 x 164 cm)

Tom Blackwell malte das Schaufenster des New Yorker Kaufhauses "Bendel's" (198 x 244 cm) 1979

John Salts "Untitled (cars, blue wreck and truck)" von 1971 (127 x 184 cm)

So wirklichkeitsnah wie möglich: Ben Schonzeits abgepackter Blumenkohl "Cauliflower" (1975, 213 x 213 cm)

Stillleben mit Lipgloss und Orange:

"Queen" (1975/76, 203 x 203 cm) von Audrey Flack, einer der wenigen Frauen unter den Fotorealisten

"Die Fotorealisten waren nette Menschen: talentiert und smart"