Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 49
Lob des Künstler-Kapitalisten
Von Thomas Wagner
Er betreibt Manufakturen, und er soll als Idealist den Kapitalismus retten: Der Künstler wird zum exemplarischen Unternehmer. findet: Das ist absolut okay
Wird in der Kunst schon bald die Zeit veritabler Apokalyptiker anbrechen, die uns düstere und hybride Metaphern entgegenschleudern?
Oder werden wir uns mit biederen Staatsrettungsschirmsuchern begnügen müssen, die dröhnend, aber auktionskompatibel den Untergang bebildern wie eben noch Boom und Blase? Nein, auf den Künstler warten größere Aufgaben. Weil der Sinn der Ökonomen fürs Virtuelle sichtbar zum Crash geführt hat, soll er einspringen.
Schließlich hat er oft genug unter Beweis gestellt, dass die Waren, die er produziert, höchste Renditen erzielen.
Was läge da näher, als ihn zum Vorbild, ja zum Leitbild zu erklären: der Künstler als exemplarischer Unternehmer.
Schon oft hat er über die Jahrhunderte hinweg den Part des Exemplarischen übernehmen und mal den Schamanen, mal den Seher, Handwerker, Ingenieur oder Visionär geben müssen. Doch wenn der Künstler nun den Unternehmer spielen soll, so gerät er zwangsläufig in die Zwickmühle.
Materialist soll er sein, aber auch Idealist, erfolgreich und reich, aber auch ein armer, allein der Kunst dienender Schlucker. Klar, dass er es da keinem recht machen kann.
Der bildende Künstler als Leitbild? - Da bleiben wir skeptisch wie weiland Teddy Wiesengrund Adorno.
Sicher: Heute wird in der Kunst gern kleinindustriell wie in einer Manufaktur produziert. Nicht nur Global Player wie Jeff Koons, Damien Hirst, Olafur Eliasson und Takashi Murakami machen vor, wie das geht. Doch seien wir ehrlich: Das ist okay. Der Künstler als Unternehmer, nein danke! - allzu flott gehen solche Behauptungen über die Lippen. Dabei wird verschwiegen, dass das meist nichts anderes bedeutet als, marxistisch gesprochen, die Aneignung der Produktionsmittel. Riesengewinne über Nacht gibt es nur an der Börse und im Lotto. Also bleibt der Künstler im Unternehmer-Ranking das ganz kleine Würstchen.
Fragt sich nur: Weshalb taugt, wo alles ökonomisch bestimmt ist, nicht der stinknormale Unternehmer zum Vorbild? Kann das daran liegen, dass alle nur den Glamour, nicht aber die Mühsal sehen?
Dass es der Künstler ist, der aus nichts Gold macht - also das, was alle wollen? Und schon sind wir wieder beim Magier angelangt - und einem anachronistischen Künstlerbegriff, der prima ins Bild passt, wo die Wirtschaft durch Handauflegen geheilt werden soll.
Es sagt etwas über unsere Sorgen und Selbstzweifel aus, wenn wir den Künstler lieben oder schelten, nur weil er wieder einmal geworden ist, was er schon war: Unternehmer.
Denn: Ein Künstler soll einer sein wie wir und doch ganz anders. Wir verehren und brauchen ihn als das andere unserer selbst, das wir im selben Atemzug ablehnen, ausgrenzen und wegschaffen. Ohne diesen fremden anderen wissen wir offenbar nicht, wo wir stehen. Also stilisieren wir den Künstler-Unternehmer zum Leitbild einer Gesellschaft voller Ich-AGs und beladen ihn, feige und spießig, wie wir sind, mit unserem schlechten Gewissen.
Statt aufs Ästhetische hört man auf die Moral, die flüstert: Wer Geld verdient, kann nicht rein bleiben; er muss zum Künstlerdarsteller schrumpfen, der nicht heroisch wider die Verbürgerlichung des Nichts ficht, sondern mit seiner Billig-Weltanschauung auf Pauschaltour ins Reich des Scheins reist, nur um danach seine Souvenirs meistbietend versteigern zu lassen.
Weshalb aber sollte ausgerechnet der Künstler abseits stehen, wenn alle auf die massenhafte Fabrikation von Waren abfahren? Schon mal was von Ready-Mades gehört?
Egal, das Zwickmühlenspiel ist einfach schöner: Also wollen alle ein Original, obwohl dieses in Zeiten massenhafter Produktion und globaler Distribution an der Kunst hängt wie die Eisenkugel am Fuß des Verurteilten. Doch streift sie der Künstler ab, zeigen alle mit Fingern auf ihn und rufen: Das ist doch nur Design! Selbst wenn sich das Ressentiment derart die Hände reibt und es oft nicht so aussieht:
In unserer ökonomisch entzauberten Welt bewahrt der Künstler als einer der Letzten den Geist des Abenteurers.
Dabei zählt, was er als Werk von seiner Expedition mitbringt. Und das Werk ist auch nicht deshalb wichtig, weil irgendwelche russischen Oligarchen es sich über den Kamin ihrer Villa in Miami hängen. Nur, weil wir wissen, dass es so nicht weitergehen kann, müssen wir dem Künstler nicht aufbürden, was wir selbst zu regeln haben. "Die Welt", notiert Paul Valéry, "hat nur durch die Extreme Wert und nur durch das Durchschnittliche Bestand." Genau.
Bildunterschrift:
Wir verehren und brauchen den Künstler als das andere unserer selbst, das wir im selben Atemzug ablehnen, ausgrenzen und wegschaffen