Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 110-113
Auf Palladios Spuren
Von Petra Bosetti
Sich in ein kunstgeschichtliches Thema vertiefen, vor Ort alles über einen Künstler erfahren und gleichzeitig Urlaub machen - das ist der Zweck der so genannten Kunstreisen. art begleitete eine Gruppe von "Studiosus" zu den Bauten des Renaissancearchitekten Andrea Palladio ins Veneto und stellt Studienreisen 2009 vor
Gut, dass Manuela Lövenich eine pinkfarbene Jacke trägt und deshalb im Touristengewimmel des herbstlichen Venedig immer problemlos auszumachen ist. Die Kunsthistorikerin leitet unsere quirlige Gruppe von 26 Kunstinteressierten, die beim Münchner Reiseveranstalter "Studiosus" eine spezielle Kunstreise zu den Wirkungsstätten des genialen Renaissancebaumeisters Andrea Palladio gebucht hat. 2008 feierte Italien den 500. Geburtstag der Architekten (1508 bis 1580).
Von Ferne, auf der Insel San Giorgio Maggiore, lockt schneeweiß eines seiner Meisterwerke, die gleichnamige Kirche. Zur Einstimmung (und weil wir Kulturreisenden schließlich auch Urlaub haben) dürfen wir aber erst einmal venezianische Impressionen genießen. Dabei lernen die Teilnehmer der Kunstreise die Bedeutung des Wortes "Ombra" kennen - dieser "Schatten" ist ein Synonym für nette kleine, ortsspezifische Häppchen von Stockfisch-Crostini bis zur üppigen Salami- Schinken-Jause mit einem guten Schluck Wein, Grappa oder anderen Herz und Körper wärmenden Getränken.
Endlich in Palladios Allerheiligstem macht sich schnell eine Art ergriffene Begeisterung breit - auch wenn sich einige angesichts der weißen, lichtdurchfluteten, strengen Pracht der Kirche ein wenig eingeschüchtert fühlen. Geradezu atemberaubend ist dann der Blick vom Campanile, dem freistehenden Glockenturm, den man bequem und ohne anstrengendes Treppen steigen mit dem Aufzug erklimmen kann. Von hier aus ist nicht nur die kreuzförmige Struktur der Palladio- Kirche zu erkennen, man hat auch einen sensationellen Blick auf die Lagunenstadt, deren Panorama sich in all seiner Schönheit vor den Augen des Betrachters ausbreitet. Palladios Ideal der klassischen Schönheit und Ausgewogenheit, zu dem er von den antiken Stätten Roms inspiriert worden war, wirkt bis in die Gegenwart nach. Seine "Quattro Libri dell' Architettura" sind für ganze Generatio nen von Architekten ein unverzichtbares Standardwerk. Die typischen Säulenformationen findet man an Bauten in aller Welt - vom Capitol in Washington bis zu Landhäusern in England. Palladio brachte Licht in die Architektur; Kirchen, bis dato eher düstere, Ehrfurcht gebieten de Bauten, brach er auf durch Fensteröffnungen in Kuppeln und Wänden. Dass er aber seine heute fast rein weiß gehaltenen Kirchenräume auch farbig gefasst hatte, erfahren wir später in Vicenza in der großen Jubiläumsschau.
In Vicenza, der Heimatstadt Palladios, trifft man allenthalben auf Zeugnisse des Meisters - etwa auf das Frühwerk Palazzo Thiene oder den von ihm umgebauten Palazzo della Ragione, vor allem aber auf das grandiose Teatro Olimpico, das von außen eher unscheinbar wirkt. Im Inneren griff Palladio die antike Tradition des Amphitheaters mit den aufsteigenden, festen Sitzreihen auf und baute im Bühnenraum einen gewaltigen Triumphbogen, dessen Öffnungen er mit Räumlichkeit vortäuschenden, bemalten Flächen ausgestattet hatte.
Die wurden nach seinem Tod durch ein ausgeklügeltes dreidimensionales Konstrukt ersetzt.
Auch in seinen Wohnhäusern holte Palladio Licht und Luft ins Haus - Durchbrüche nach allen Seiten geben den Blick frei auf die sanfte, leicht hügelige Landschaft des Veneto. Kundig und spannend geführt von der Reiseleiterin, die die interessierte Laienschar nicht mit Fachlatein belästigt, geht es in die prächtigen Villen - etwa die Villa Barbaro in Maser. Hier hat Paolo Veronese die antike Götterwelt in berückend schönen Fresken auf Wände und Decken gebannt. Mit den richtigen Erklärungen gewinnen die fremdartigen Göttersagen den Unterhaltungswert einer Soap Opera.
Oder die Villa Emo, die bei aller Pracht ebenfalls kein Repräsentationsbau war, sondern landwirtschaftlich genutzt wurde. So rätseln wir zunächst, was denn wohl die riesige, rampenartige Freitreppe bedeuten mag - wie sich herausstellt, diente sie ganz profan dem Dreschen von Getreide.
Ein reiner Repräsentationsbau hingegen war die Villa Rotonda, deren üppige Wandmalereien nur mittwochs besichtigt werden können.
Fester Standort der Reise, die mit dem Bus von München aus startet, ist das Hotel Al Moretto in Castelfranco. Von hier aus sind es etwa 40 Kilometer bis Venedig oder Vicenza, die berühmten Villen liegen quasi vor der Haustür. Am Ende der fünf Tage sind sich die Teilnehmer einig:
So eine Kunstreise ist doch et was anderes als jede normale Studienfahrt - man ist unter Gleichgesinnten, da alle an Kunst interessiert sind, und anstelle eines kulturhistorischen Rundumschlags wird ein Thema bis in die Tiefe ausgelotet.
Bildunterschrift:
Lichtdurchflutet: Innenraum von San Giorgio Maggiore
Venedig aus der Vogelperspektive gesehen: Blick vom Campanile auf den kreuzförmigen Kirchenraum von San Giorgio Maggiore. Links: Reisegruppe vor der Kirche
Die Villa Emo wurde hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt
Wie ein antikes Theater: Teatro Olimpico in Vicenza
Villa Barbaro in Maser: Die Innenräume bemalte Veronese
Die Gruppe vor dem Palazzo della Ragione in Vicenza, dessen Fassade Palladio entworfen hat
Von Palladio inspiriert: Capitol in Washington und englische Landhäuser
Diente Repräsentationszwecken: die Villa Rotonda, die sich nach vier Richtungen mit Freitreppen öffnet
