Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 103
"Luftfeuchtigkeit wäre tödlich"
Von Stefan Scholl
Streit: Orthodoxe Kirche will empfindliche Ikone ausleihen
Seit Monaten tobt in Moskau ein Ikonenstreit: Die Orthodoxe Kirche möchte die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rublev zum Pfingstfest in das Dreifaltigkeits-Sergius-Kloster ausleihen. Doch ein Expertenrat der Moskauer Tretjakow-Galerie, wo sich das fast 600 Jahre alte Werk befindet, lehnte erst einmal ab: "Die Luftfeuchtigkeit im Dreifaltigkeitskloster wäre tödlich für die Ikone", erklärte Alexej Nerzesjan, Tretjakow-Fachmann für mittelalterliche Kunst. Zudem argwöhnte Nerzesjan öffentlich, die Kirche werde das einmal ausgeliehene Werk schlicht behalten.
"Man verleumdet die Kirche als Räuberbande", kontert Wladimir Wigiljanski, Sprecher des Moskau er Patriarchats. Auch für die Kirche sei die Unversehrtheit der Ikone das oberste Gebot. Doch schließlich habe Rublev das Werk eigens für das 60 Kilometer nördlich von Moskau gelegene Kloster gemalt.
Inzwischen hat sich Kulturminister Alexander Awdejew in den Streit eingeschaltet: Die endgültige Entscheidung für oder gegen eine Ausleihe, so ließ er wissen, wer de sein Ministerium fällen - auf Grundlage einer Expertise der Tretjakow-Galerie. Was im Museum allerdings keine rechte Freude aufkommen lässt. Denn selbst die Fachwelt ist sich uneins, ob die Ausleihe nicht doch möglich oder unvertretbar ist.
Bildunterschrift:
"Die heilige Dreifaltigkeit" (um 1411) von Andrej Rublev
Das russische Dreifaltigkeits-Sergius-Kloster
